Sarah Schramm | Drucken21.06.2012 

LebensWert.

Die Theatercompagnie A & M und der Kulturkosmos Leipzig e.V. initiieren im Westflügel ein mutiges Stück mit und über Menschen mit Hirnverletzungen

Foto: Westflügel

Es ist ein außergewöhnliches Projekt, das es in diesen Tagen auf der Bühne des Lindenfels Westflügel zu sehen gibt: Reflektor. Tanztheater mit Hirnverletzten und Nicht-Hirnverletzten, nennt sich die Performance, die alles andere als alltäglich ist – obwohl ihr Inhalt weitaus gegenwärtiger ist als wir es gemeinhin wahrhaben wollen.

In der Produktion der Theatercompagnie A & M und des Kulturkosmos Leipzig e.V. stehen neben vier professionellen Tänzerinnen je zwei Männer und Frauen mit Hirnverletzung auf der Bühne. Unterstützt wird das Projekt der Theaterpädagogin Marlen Riedel durch verschiedene Stiftungen sowie die Neurologische Tagesklinik der Universität Leipzig.

Als dem Publikum die Saaltür geöffnet wird, sind bereits acht paarweise aufgestellte Personen zu sehen, die bei leiser musikalischer Untermalung in zarten Bewegungen miteinander tanzen. Jedes Paar besteht aus einem hirnverletzten und einen nicht-hirnverletzten Partner. Erstere sind es, die den festeren Stand haben und ihren Mit-Akteuren Rückhalt und Sicherheit bei ihren Bewegungen geben. Gekleidet sind alle Tänzer in blau – der Farbe des Meeres, der Sehnsucht und der Klarheit.

Aus dem Off erklingen fragmentarisch und abwechselnd die Stimmen der Hirnverletzen, die ihre Geschichte(-n) erzählen. Für sie alle kam der Tag, der alles veränderte plötzlich. Da ist zum Beispiel Helga Wille, die davon erzählt, wie sie auf dem Weg zu ihrem 70 Kilometer entfernten Stammfriseur war – Frau lässt schließlich nicht jeden an ihre Haare –, als ihr auf der B7 ein Geisterfahrer entgegen kam. Im einen Moment war sie ein Durchschnittsmensch auf dem Weg von A nach B. Nach dem Zusammenstoß und dem Aufwachen aus dem Koma fand sie sich in der Entwicklung um Jahrzehnte zurück geworfen auf dem Stand eines kleinen Kindes wieder. In Therapiesitzungen und Gruppenübungen musste sie vom Laufen bis zum Sprechen alles neu lernen: „Und wir gehen, gehen, gehen…“, schallt es aus den Lautsprechern zu dahinplätschernder Fahrstuhlmusik, während die Akteure in geordneter Reihe im Kreis über die Bühne laufen. „Position einnehmen und … p-p-p-p-p-p Pullover Pu-llo-ver“.

Durchgespielt werden in der einstündigen Performance die Szenen eines Lebens mit Hirnverletzung sowie der (therapeutische) Umgang mit den Krankheitsbildern: Die beiden Männer stehen teilnahmslos auf der Bühne. Um jeden von ihnen gruppieren sich drei Frauen, die sie anschauen und dabei die Arme und Beine ihres Patienten wie bei einer Gliederpuppe in Position biegen – denn von allein geht es nicht. Aus dem Off ertönt dabei eine Aufzählung der Dinge, die man nicht mehr oder nur noch mit großen Mühen verrichten kann, wenn man in seinen Bewegungen plötzlich stark eingeschränkt ist. Das ginge schon beim simplen BH-Anziehen los, berichtet Helga Wille und appelliert dabei an die Frauen im Publikum. Sie sollten sich einmal vorstellen, was für eine Tortur es wäre, einen BH aufgrund einer Lähmung nur mit einer Hand anziehen zu können!

So ernst das Thema ist, wird es stellenweise dennoch mit Humor und Überspitzung reflektiert, was die Intensität des Stücks ausmacht: Hier stehen Hirnverletzte neben Profitänzern auf der Bühne und haben den Mut, sich vor Publikum zu präsentieren. Sie alle sind stark, unglaublich stark, denn sie sitzen nicht im stillen Kämmerlein, sondern stellen ihre Krankheit aus und machen die Präsenz von körperlichen Benachteiligungen in ihren Facetten sichtbar: Suchen und finden, fallen und aufstehen, verzweifeln und neue Hoffnung schöpfen – tun wir das nicht alle? Reisen können, ein glückliches Familienleben, einen erfüllenden Job – wünschen wir uns das nicht alle?

Reflektor ist nicht wehmütig, sondern couragiert und kraftvoll. Denn Virginie Blei, Helga Wille, Sven Jaeckel und Jörg Löster haben neben ihren Hirnverletzungen mindestens zwei Dinge gemeinsam, die sie auszeichnen. Erstens den unglaublichen Mut, sich mit ihrer Krankheit auf der Bühne zu präsentieren und zweitens eine kindliche Freude an den kleinen Dingen des Lebens, die nur allzu gern übersehen werden. Letzteres spiegelt sich nicht zuletzt in ihren strahlenden Gesichtern beim tosenden Applaus nach dem Stück wider – und dafür kann man sich vor ihnen verneigen.

Reflektor

R: Marlen Riedel

Mit: Virginie Blei, Helena Fernandino, Petra Javorsky, Sophie Rändler, Saskia Stengele, Helga Wille, Sven Jaeckel, Jörg Löster

Premiere: 15. Juni 2012, Lindenfels Westflügel


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