| Drucken25.10.2002 

„Reise oder die Agonie eines jungen Mannes” von Coline Serreau (Babette Dieterich)

25.10.2002 Schaubühne Lindenfels

Reise oder die Agonie eines jungen Mannes (Solo-Theater von Coline Serreau)
Wiederaufnahme der Inszenierung von 1996

Regie: Andreas Sigrist
mit Rainer Frank


Einladung zum Abendmahl der Agonie

Die Todessehnsucht sitzt mitten unter uns. Die tödliche Langeweile. Die Zuschauer gelangen in einen mit weißen Planen umspannten würfelförmigen Raum, der hell ausgeleuchtet und mit lose herumstehenden Stühlen gefüllt ist. Keine weiteren Requisiten und Rettungsanker. Hier gibt es kein Entkommen, jede Regung wird bis ins letzte Detail ausgeleuchtet.

Ja, du bist gemeint. Und du. Und du. Hier bekommt jeder seinen Auftritt, vor allem die zu spät Kommenden. Man fühlt sich beobachtet, wartet, kichert. Fragen entstehen: ?Spielen wir uns jetzt alle selbst?? ?Ich dachte, das ist ein Ein-Mann-Stück.? ?Mir wird heiß, dir nicht??

Da fängt er an zu reden. Mitten unter uns. Gelangweilt, monoton, ohne Emotionen. Bahnhöfe, Zwischenstationen, Hotelzimmer mit karger Einrichtung. Frauenbekanntschaften. Er nimmt sie alle. Von vorne, von hinten. Ein wenig Abwechslung. Und rechtzeitig verlassen, bevor er sie vor Langeweile umbringt.

Rainer Frank in der Rolle des jungen Mannes spricht das Publikum direkt an, rückt mit dem Stuhl her, provoziert Reaktionen und baut diese gekonnt ein, wenn sie kommen. Er flirtet, springt auf den Stuhl, um im nächsten Moment zu versteinern. Kontraste. Unberechenbare Ausbrüche, die teilweise eine beklemmende Stimmung verbreiten, einen Lebensüberdruss. Die Agonie ist mitten unter uns.

Diese Spannung zwischen den Extremen kann Rainer Frank das ganze Stück durchhalten. Selbst, als er sesshaft wird, den leeren Raum inmitten der schwarzen Stühle mit Sessel, Wäscheständer und Moped füllt. Die Idylle kann nicht lange dauern, sein ?Bin glücklich? klingt bereits wieder vom Zweifel angenagt. Was ihn herumtreibt, was ihn verletzt hat, erfahren wir nicht, doch er muss wieder los.

Rosa. ?Ich finde einfach nicht die Grenzen in diesem Gesicht?. Diese Frau, die ?seine Lippen voller Tränen mit ihren Lippen voller Geigen? geküsst hat. Rosa. Er muss sie noch einmal sehen. Die einzige Frau, die er nicht durchgefickt hat. Weil sie heilig ist, mit ihrer Geige verheiratet. Doch sie kann ihm auch nicht mehr helfen. Und seine Handlungen verwandeln sich zum spröden, abgehackten Vortrag aus seinem Tagebuch, das er schließlich einer Zuschauerin in die Hand drückt und geht.

Die Sprache von Coline Serreau changiert zwischen derber Erotik und poetischen Bildern. Unberechenbar. Wie der Protagonist. Diese Reise geht in die Extreme, auch, was die direkte Ansprache ans Publikum betrifft. Da zuckte so manche Hand nach der Jacke überm Knie, doch Rainer Frank hatte alle in der Hand, spielte in seiner häuslichen Phase den lässigen Gastgeber, reichte uns Baguette und Wein, und das Publikum nahm teil am Abendmahl der Agonie.

Coline Serreau, geboren 1947 in Paris, wurde 1984 bekannt durch ihren Film ?Drei Männer und ein Baby?. Benno Besson, der die Deutsche Erstaufführung ihres erfolgreichen Theaterstückes ?Hase, Hase? am Schillertheater Berlin inszenierte, sagt zu der ursprünglich als Prosatext geschriebenen ?Reise, oder die Agonie eines jungen Mannes?: ?(Dieser Text) hat mich überrascht, überfallen, hinterrücks angegriffen. (...)Selten bin ich einer Autorin begegnet, deren Kunst so nahe liegt der Kunst des Lebens (und des Sterbens).?

Hervorragend aufwühlend und direkt inszeniert von Andreas Sigrist, nimmt diese Reise jeden mit. Niemand konnte sich im Dunkel eines Zuschauerraumes in Sicherheit wiegen. Je nachdem, in welcher Ecke der Schauspieler gerade agierte, rückte man mit in den Fokus. Jeder musste Stellung beziehen, ablehnen, mitmachen, das Baguette brechen und den Wein austrinken. Oder eben nicht.

(Babette Dieterich)

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