Philipp Hartmann | Drucken26.02.2016 

Die dumme Frau Pieper

Das Theaterkollektiv anne&ich setzt sich in den Cammerspielen mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands auseinander

Szene aus "Remains. Eine Rede". (Foto: anne&ich)

Am 30. September 2011 reist eine namibische Delegation nach Berlin, um die sterblichen Überreste einiger ihrer Vorfahren entgegenzunehmen, die über 100 Jahre zuvor während der deutschen Kolonialherrschaft ermordet wurden. Die Erwartungen an diesem Tag müssen hoch gewesen sein: Ein Empfang durch den Staatspräsidenten oder die Bundeskanzlerin? Eine offizielle Entschuldigung beim namibischen Volk? Die Zusage auf eine angemessene Entschädigung? Oder sogar die (längst überfällige) Anerkennung des Völkermordes an denen Herero und Nama? Es gibt mehr als genug offene Baustellen, was die dunkle Kolonialgeschichte Deutschlands angeht. – Doch nichts dergleichen passiert. Stattdessen werden die 70 Delegierten von Cornelia Pieper empfangen, der Stellvertreterin von Außenminister Guido Westerwelle. Diese liest eher unbeteiligt eine Rede vom Blatt ab, in der die Worte Entschuldigung, Entschädigung oder Anerkennung nicht auftauchen, stattdessen fallen Phrasen wie „Verantwortung“ und „Sonderbeziehung“. Das Ende der Geschichte: Frau Pieper wird ausgebuht und verlässt vorzeitig die Veranstaltung. Eine Enttäuschung.

Mit diesem kuriosen Kapitel aus der Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit beschäftigt sich das Theaterkollektiv anne&ich in dem Monolog Remains. Eine Rede in den Kammerspielen. Das Konzept ist ein Reenactment eben jener Rede, unterfüttert mit Videoeinspielungen, eingestreuten Texten und Fakten über die gemeinsame Vergangenheit von Deutschland und Namibia. Dazu schlüpft Michaela Maxi Schluz in die Rolle der Cornelia Pieper – stilecht im grauen Hosenanzug und mit dunkelblonder Perücke. Das auffälligste Merkmal ihres Auftritts ist jedoch das zur Schau getragene Lächeln: Breit, leicht manisch und offensichtlich aufgesetzt. Hier ahnt man schon, mit welchem Klischee man es zu tun bekommt: Der verlogene, scheinheilige Politiker (in diesem Fall: Politikerin), dem so etwas wie Moral oder Anstand herzlich egal ist, solange er nur gut dasteht.

Und tatsächlich tut die hier anwesende Version von Cornelia Pieper alles dafür, möglichst unsympathisch zu wirken. Sie wedelt mit einer riesigen Deutschlandfahne, während sie das winzige Namibia-Fläggchen immer wieder versehentlich vom Pult schubst; sie bringt die Zahl der namibischen Todesopfer in genuschelten Nebensätzen unter; sie erzählt von ihren eigenen Namibia-Urlaub, was auf rassistische Stereotype hinausläuft. Kurz: Sie gibt eine Figur ab, die man problemlos verachten und verlachen kann. Man selbst ist ja schließlich klüger.

Leider beschränkt sich die Performance auf diese Haltung. Alles, was auf der Bühne passiert, ist immer nur eine weitere Bekräftigung des „Zum-Glück-wissen-wir-es-besser“, bei der sich niemand im Publikum angegriffen fühlen muss, sondern über die dumme Frau Pieper von oben herab lachen darf. Das ist sehr einfach und ohne großes Risiko, führt aber dazu, dass sich der Abend während der knappen Stunde Spielzeit letztendlich auf einer einzigen Geste (dem scheinheiligen Lächeln) ausruht. Mehr als eine abwechslungsarme Selbstvergewisserung ist so nicht drin, wodurch die grausamen Ereignisse im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika weitestgehend in der zeitlichen und emotionalen Distanz verbleiben. Dabei hätte man die Gelegenheit gut nutzen können, um über alltäglichen Rassismus, über die heue noch spürbaren Wunden der Kolonialzeit oder wenigstens die historischen Hintergründe zu sprechen. So wird dieser Abend, im Gegensatz zum echten 30. September 2011, zwar kein Desaster – aber auch hier wurden die Erwartungen nicht erfüllt.

Immerhin: Remains. Eine Rede schneidet ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte an, das von unsäglichen Grausamkeit geprägt war, darunter auch die Einrichtung der ersten Konzentrationslager – und das noch vor den großen Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Hinter diesen war Namibia lange Zeit in Vergessenheit geraten, doch langsam scheint es zu einer Aufarbeitung zu kommen: Im Juli 2015 wurde der Völkermord durch die Bundesregierung anerkannt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Grassimuseum für Völkerkunde sich in der Sonderausstellung „fremd.“ zurzeit ebenfalls mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands auseinandersetzt. Es ist zu hoffen, dass dieses Thema weiterhin präsent bleibt – in Leipzig und anderswo.

Remains. Eine Rede

Von und mit: Michaela Maxi Schulz, Anton Kurt Krause, Anne Rietschel, Sibylle Wallum

Cammerspiele Leipzig, Premiere 17.02.2016

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