Sebastian Schmideler | Drucken11.03.2009 

"Cabaret"

Revue und Tingeltangel statt Cabaret

In John Canders Musical Cabaret wird der merkwürdige Versuch unternommen, die Zeit der morbiden späten Weimarer Republik und des aufkeimenden Nationalsozialismus mit den Mitteln dieses Genres zu erfassen. Nicht nur die lebendige Unterhaltungskultur der damaligen Metropole Berlin wird in diesem Musical reanimiert, sondern auch ein moralinsaures politisierendes Sittenbild wird in groben Zügen nachgezeichnet. Beides passt schwer zusammen.

Auch in der Musikalischen Komödie hat man sich mit dem Versuch überhoben, Zeitkritik und Unterhaltungskultur plausibel unter einen Hut zu bekommen. Denn die Wege des Regisseurs Wolfgang Lachnitt führen nicht zum bedeutenden Kabarett der Weimarer Republik, zu den großen Chansoniers, Soubretten und Kleinkunstgranden vom Schlage eines Otto Reuter, einer Claire Waldoff oder zur politischen Darstellungskunst eines Kurt Weil und Bert Brechts. Lachnitt landet mit seiner Lesart stattdessen bei den uniformen Auftritten der Tillergirls und all dem leichtfüßigen Tingeltangel tanzbeinschwingender Unterhaltungskunst aus Revue und Glamourshow. Der Regisseur bedient sich eines kostümierten realistischen Illustrationstheaters, das in einem bunten Reigen mit viel Farbe, Dekor, Flimmer- und Flitterkram künstlichen Glitzerglimmer erzeugt, statt wie mit dem Fokus einer Kamera Bilder und Szenen zu finden, die in die Tiefe gehen.

Das wäre alles nicht weiter dramatisch, wenn nicht auf der anderen Seite mit der gleichen Opulenz allen Ernstes der Anspruch stehen würde, das Problem Nationalsozialismus und die lebensbedrohlichen Schwierigkeiten des aufkommenden Antisemitismus darstellen zu wollen. Dabei lebt dieses Musical zu großen Teilen von solchen kontrastiven szenischen Passagen, in denen der zwischen 1929 und 1933 immer latenter werdende Antisemitismus mit der hedonistischen Lebewelt der Unterhaltungskunst gegenübergestellt wird. Bei diesen Versuchen stößt das Genre an seine Grenzen. Nun wissen wir seit Brecht, dass groß nicht das Große und klein nicht das Kleine ist. Es gäbe durchaus Mittel und Wege, auch diese politischen Fragen in einem Musical darzustellen und die brav gedrechselten Phrasen der Textvorlage mit Tiefsinn zu untermauern und in packende und doppeldeutige Bilder zu verstecken. Wenn sich die Regie jedoch darauf verlegt, dieses Potenzial durch einen falsch verstandenen plakativen Detailrealismus zu verschenken, dann ist diese Chance ein für allemal vergeben. Mit den Mitteln der Tillergirls lässt sich die politische Dimension des Musicals jedenfalls nicht erfassen. Die holzschnittartige Direktheit, mit der die Damen des Balletts als Soldaten aufmarschieren, stört deshalb ungemein. Auch der Versuch, Fräulein Schneider und Herrn Schultz als kleine angepasste Spießbürger im geschwungenen Gründerzeitsofa mit Schonbezug darzustellen, die ihre Bügelfalten glatt streichen, überzeugt nicht. Selbst wenn sich Angela Mehling als berlinernde Kokotte darum bemüht, einen Hauch von Ruch in dieses biedere Konversationstheater zu bringen, wird dennoch klar, dass bei aller Laszivität der Ballett- und Tanzszenen die gedrechselten Textpassagen und brav abgesungenen Lieder vorherrschen. Was Alexander Voigt als amerikanischer Schriftsteller Bradshaw, Sandra Danyella als Sally Bowles und Anne-Kathrin Fischer als Fräulein Schneider leisten, ist nichts mehr als gehobene Sprech- und Singkultur. Unter diesen Umständen scheint auch Karl Zugowski als Herr Schultz sein Talent verschenken zu müssen, auch wenn seine exakte Darstellungsart und sein sängerisches Potenzial überragen.

Kabarett als Musical, das die Zuschauer fasziniert, entsteht mit diesem Bilderbuchtheater jedoch noch lange nicht. Denn die Inszenierung ist zu sehr lustige Witwe, zu wenig Brecht und Weil oder Otto Reuter. Sie kommt ziemlich antiquiert daher und entwickelt in den Sprechpassagen bedeutende Längen. Auch die Rolle des Conferenciers (Oliver Frischknecht) ist in dieser Lesart durchaus nicht durchgängig zufriedenstellend. Zugegeben: Frischknecht hat das Zeug zu dieser Figur. Doch auch die Übertreibung braucht ihr richtiges Maß, um grotesk und doppeldeutig und nicht lächerlich zu wirken.

Lachnitt bemüht sich redlich, einen doppelten Sinn in das Stück zu implantieren. Er will in einem Zeitbild die Unvereinbarkeit von Hedonismus und Politik als gesellschaftlicher Gefahr zeigen. Lachnitts eindeutige Bildersprache geht dabei runter wie Öl. Sie ist leicht wie ein Federball und eingängig wie ein Werbeplakat. Zusammen mit der Musik von John Kander, der Stefan Diederich den nötigen Schwung vereint, trifft sie garantiert die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Deshalb wird die Premiere heftig umjubelt. Die Zeichen stehen gut, dass der Geschmack vieler Zuschauer mit dieser Inszenierung getroffen wurde. Dennoch bleibt ein unbehagliches Gefühl zurück. Denn gerade diese Leichtigkeit stört ebenso wie die pathetische Schwere, die über den theatralisch aufgesagten banal-politisierenden Textpassagen schwebt. Cabaret, wie es in diesem Musical gemeint ist, sollte widerborstiger und verquerer sein.

Cabaret
Musical von John Kander
Inszenierung: Wolfgang Lachnitt
Bühne: Thomas Richter-Forgach
Kostüme: Imme Kachel
Mit: Oliver Frischknecht, Sandra Danyella, Alexander Voigt, Anne-Kathrin Fischer, Karl Zugowski & Angela Mehling
Ballett, Chor und Orchester der Musikalischen Komödie
Premiere: 21. Februar 2009, Musikalische Komödie

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