| Drucken30.05.2002 

Rezension 2: Morgen und Morgen. Tanztheater von Irina Pauls (Katrine Pappritz)

30./31.05. 2002, Neue Szene
Schauspiel Leipzig - Themenwoche ?Altern und Beschleunigung?

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Choreographie: Irina Pauls
Bühne und Kostüme: Katja Schröder
Percussion: Peter Klinkenberg
Dramaturgie: Guido Huller
Lichtgestaltung: Erwin Jutz

TänzerInnen:
Marcin Baczyk
Ini Dill
Unita Gay Galiluyo
Volkhart Guist
Renato Jones
Andreas Lauck
Laura Leghissa
Kiko Moreira
Jessica van Rüschen
Linda Ryser
Giacomo Sacenti



?Morgen und Morgen?
Irina Pauls Gastspiel in L.E. mit ihrem Heidelberger TanzTheater

Der ausverkaufte Saal bewies eindeutig, dass viele ehemalige Fans der Ex-Leipzigerin neben neuen Freunden des Modernen Tanzes gekommen waren, um Irina Pauls jüngste Arbeit wenigstens als Gastspiel zu erleben. Dabei trafen ältere und jüngere Menschen aufeinander, bei einem Stück über die Bedürfnisse der Alten und die Verpflichtung der Jungen, über die ?familiäre Zwangssituation?.

Der Saal war zu einem abstrakten, aber auch realitätsnahen Raum, wie er vielleicht in einem Altersheim existiert, umgebaut. Am Rande des Saals waren Gänge mit aufgereihten Grünpflanzen und schlichten Hängelampen ausgestattet, im Hintergrund erschienen fünf Kammern (kleine sterile Zimmer). Im Laufe des Stückes wurden diese geschickt unterschiedlich beleuchtet, was ebenfalls die beklemmende Atmosphäre eines Pflegeheimes hervorrief.

Thema des 80-minütigen Stückes war die Darstellung der Beziehungen zwischen älteren Menschen und denen der Mittleren Generation. Zwänge und Pflichten sowie Enge und Distanz zueinander wurden als das Ganze eines Verhältnisses gezeigt. Das Altern und die damit verbundenen Schwierigkeiten sowie die Jugend mit ihren Rechten und Pflichten, sich und den Alten gegenüber, die Pflege, Nähe sowie Flucht gehören zum Leben und zum Beziehungsgefüge zwischen den Generationen.

Irina Pauls gelang mit einfachster und sehr klarer Bewegungssprache und verschiedensten Arrangements sowie mit Unterstützung der präzise ausgewählten Musik (sowohl vom Band als auch Life-Improvisationen und Kompositionen des Schlagzeugers und Perkussionisten) diese Beziehung darzustellen. Im Mittelpunkt standen vor allem die Konflikte der ?Mittleren Generation?. Diese sah sich hin und her gerissen zwischen der Pflicht und dem Willen, den Alten zu helfen, und der Flucht vor den damit verbundenen Zwängen. So gerieten die Jüngeren in ein inneres Zerreißfeld zwischen sich und ihrem Gewissen, zwischen ihren gesellschaftlichen und familiären Verpflichtungen.

In dem Stück von Pauls ging es nicht um die Vorurteile und Klischees hinsichtlich des Generationenkonflikts, sondern die Choreografin versuchte auf die seelischen Probleme aufmerksam zu machen. Dies gelang Ihr und den Tänzern mit Konsequenz und Nachdrücklichkeit: durch Kraft, Dynamik, Aggressivität und Klarheit in den Bewegungen sowie durch die szenischen Bilder. Dominierend waren die Kälte und der Abstand, aber auch die quälende Nähe und oberflächlichen Begegnungen, die im ersten Moment fehlende Herzlichkeit zwischen Alten und Jungen. Mit Gesten des Haltens und des Unterstützens wurde auch die wechselseitige symbiotische Abhängigkeit deutlich, die bis hin zum chronologischen Schluss, dem Sterben und dem Tod, bestand. Das Tabu um die Probleme des Alterns, des Pflegens und der damit verbundenen Hilflosigkeit von alt und jung wurde besonders durch brutale Aggressivität in den Bewegungen des Miteinanders, der Paarvariationen, aufgebrochen.

Dem Stück ging es jedoch nicht nur um die Darstellung und die Kritik an der Mittleren Generation und deren Umgang mit ihren Eltern. Irina Pauls ist es gelungen, wertungsfrei das Dilemma der heutigen Gesellschaft aufzuzeichnen, in der Menschen im Alter weitestgehend außerhalb der Familie ver-, um nicht zu sagen: entsorgt werden. Daraus resultieren die allen bekannten Konflikte innerhalb dieses Tabuthemas. Da gibt es einerseits die nachdrückliche, durch die zunehmenden Hilflosigkeit oft aggressive Forderung nach Hilfe und Unterstützung seitens der Alten, aber auch die Probleme der jüngeren, die durch gesellschaftliche Verpflichtungen noch verstärkt werden, was letztendlich in oberflächlichen Begegnungen zwischen beiden Seiten resultiert. Andererseits erfolgt nach der Flucht voreinander immer auch ein Zurückkehren, weil nach wie vor auch Zuneigung und Gebrauchtwerden zu solchen Beziehungsgeflechten gehört.

In der letzten Szene saßen drei alte Menschen, eher unbeteiligt am Geschehen, auf der leicht podestartigen Bühne. Die Jüngeren, denen die ausgesprochene Lebensfreude ins Gesicht geschrieben stand, kamen mit symbolträchtigen und farbenfrohen Blumen durch die Gänge. Sie lebten, tanzten und nebenbei ?besuchten? sie die Alten, ihre Alten? Der permanente Kostümwechsel kennzeichnete die Vielfalt der Menschen und im Zeitraffer den Weg des Lebens bis zu seinem problematischsten Teil, dem Altern und Sterben. Hier entstand plötzlich wieder Zuneigung und ?(un)wirkliche? Begegnung. An dieser Stelle ist es der Choreografin gut gelungen, das Thema zusammenfassend darzustellen: Statt die ?Alten?, die ebenfalls ihre Aufgaben brauchen, ins gesellschaftliche Leben zu integrieren, werden sie allenfalls ?besucht?.

Am Ende eines bewegenden und sehr gelungenen Theaterabends blieb die Sehnsucht, mehr davon in L.E. zu sehen. Besonders beeindruckend war, wie es möglich ist, mit einfachsten Mitteln (in der Bewegungssprache, in der Kostüm- und Bühnenbildwahl und auch in der Musikauswahl) sehr bewusst und deutlich elementare Dinge, die das Leben im großen wie im kleinen ausmachen, einzufangen.

Der Dank geht an Irina Pauls und Ihre TänzerInnen für den gelungenen und anregenden Abend und dem damit verbundenen Lichtblick, leider nicht mehr am dunklen Leipziger Tanzhimmel, sondern seit 1998 zuerst in Oldenburg und jetzt in Heidelberg. Vielleicht bewahrheitet sich hier das Klischee, dass der ?Prophet im eigenen Land nicht erkannt wird und erst seine Abwesenheit dies erfahren lässt?. Die Qualität und Reife der Arbeiten von Irina Pauls hat eine deutlich höhere Ebene erreicht, vielleicht musste Sie dafür Leipzig verlassen. Sie zeigte mit Ihren TänzerInnen Tanztheater bzw. einen Tanzabend, wie er in Leipzig derzeit so sehr fehlt.

(Katrine Pappritz)

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