Doreen Kunze | Drucken30.05.2014 

Bis zur Besinnungslosigkeit

In der Stückentwicklung „Richard III.“ werden nicht nur die Schauspieler an ihre Grenzen gebracht

Fotos: UT Connewitz

Das Geld für Kunst und Kultur ist knapp und gerade wer neu ist in der Freien Szene, hat es schwer, an Gelder zu gelangen. Crownfunding ist mittlerweile eine beliebte Methode, um ein geplantes Stück zu finanzieren. So auch Richard, das am 15. Mai im UT Connewitz Premiere feierte. Regie bei der Stückentwicklung nach Motiven aus William Shakespeares gleichnamigen Drama führten die HMT-Studenten Mathilde Lehmann und Markus Strobl. Gemeinsam mit 19 Schauspielern haben sie sich an den Shakespear´schen Stoff herangetastet und so ein Stück auf die Bühne gebracht, das nicht nur die Darsteller, sondern zeitweise auch das Publikum an seine Grenzen bringt.

„So bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden“, tönt es, als Richard, Herzog von Gloucester, beschließt, die Macht über den englischen Thron an sich zu reißen. Dabei schreckt er nicht zurück vor Intrigen, Hass und Mord. In seinem Spiel opfert er seine Brüder, den regierenden König Edward IV. und George, den Herzog von Clarence, indem er sie in einem Netz aus Lügen gegeneinander ausspielt.

Drei Darsteller teilen sich die Rolle des Richard (der ja nun mal auch Richard der Dritte ist), ergreifen gemeinsam das Wort um im nächsten Moment die ganze Szenerie durcheinanderzubringen. Überhaupt lebt Richard von Konstruktion und Dekonstruktion, wie schon das Bühnenbild vermuten lässt. Die Rückwand der Bühne ist mit markanten, roten Bierkästen abgegrenzt, die zunächst nur als Sitzmöglichkeit dienen, im Laufe des Stückes aber immer wieder umgebaut werden. So gerät der Bau des Throns durch den Chor, der auch das Volk mimt, zu einer slapstickartigen Farce. Denn es will nicht gelingen, die Kästen so zu stapeln, dass ein zufriedenstellender und stabiler Thron daraus entsteht. In einem ewigen Hin und Her resignieren die drei Richards schließlich, das wacklige Fundament ihrer Machtergreifung bereits vorausahnend.

Zwischen diesem Getöse aus Frieden und Krieg wandelt der Chor in weißen, hautengen Anzügen, kommentiert und unterstreicht. Ansprachen werden an die Gruppe gerichtet, die in ihrer Rolle als Volk zu einer homogenen Einheit verschmilzt. Dazwischen die drei Richards, die in ihren Pelzmänteln, High Heels und bunten Sachen herausstechen.

Unterstützt wird das ganze Szenario von Videoeinspielern, die an die Bühnenwand projiziert werden und dem Bühnengeschehen mehr Tiefe verleihen. Moderne Diskomusik und deutsche Schlager führen das Ganze schließlich komplett ad absurdum.

Richard beschäftigt sich mit dem Streben nach Macht und begibt sich dabei auf die Suche nach dem urmenschlichen Trieb, Anerkennung zu erlangen. In 90 Minuten wird so die Shakespear´schen Geschichte aufgegriffen, komplett dekonstruiert und im nächsten Moment wieder aufgestellt, als wäre nichts passiert. In einem regelrechten Kampf ergehen sich die Schauspieler dabei, wenn sie bis zur Besinnungslosigkeit Bierkästen stapeln oder sich mit Turnübungen auf den großen Kampf vorbereiten müssen. So zieht sich eben diese Szene der Kriegsvorbereitung bis zu einem unerträglichem Maße hinaus. Immer weiter vollführen die Darsteller ihre Abfolge von Sit-Ups, Liegestützen und Dehnungsübungen. Das gelegentliche Zusammenbrechen einzelner hindert die Masse nicht daran, unermüdlich weiterzutrainieren. Begleitet von den stetigen Anfeuerungsrufen der drei Richards scheint die Szene kein Ende nehmen zu wollen, was ein Teil der Zuschauer nutzt, um sich noch ein Bier nachzukaufen. Nach dieser kompletten Überreizung driftet die Szene schließlich immer mehr ins Lächerliche ab, was gut ist, denn es darf gelacht werden. Und das ist nach dieser Durststrecke wirklich nötig.

Richard

Regie: Mathilde Lehmann, Markus Strobl

Besetzung: Jasmin Thesenvitz, Lukas Schmelmer, Philipp Röder, Uwe Kasdorf, Mike Lange, Mathias Meinke, Nicole Merkel, Rebecca Halm, Lena Perleth, Marcus Klein, Lydia Gnauk, Marielle Burre, Tina Orlovskij, Giulia Roediger, Sophie-Luise Lenk, Anne Brüssau, Andy Sonneson, Hannah Maneck, Thomas Brandt

Video: Kristina Lammert, Sören Zweiniger

Mitarbeit: Nicolas Streit

UT Connewitz; Premiere: 15. Mai 2014


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