| Drucken01.04.2002 

Richard Wagner: Tristan und Isolde, Wiederaufnahme (Frank Sindermann)

1. April 2002, Oper Leipzig

Richard Wagner: Tristan und Isolde (Wiederaufnahme)

Musikalische Leitung: Hartmut Haenchen
Inszenierung: Willy Decker
Bühne/Kostüme: Wolfgang Gussmann
Dramaturgie: Stefan Poprawka
Choreinstudierung: Anton Tremmel
Abendspielleitung/Szenische Einstudierung
der Wiederaufnahme: Verena Graubner

Gewandhausorchester
Englisch Horn: Gundel Jannemann-Fischer

Tristan: Heikki Siukola
Isolde: Renate Behle
König Marke: James Moellenhoff
Kurwenal: Esa Ruuttunen
Melot: Jürgen Kurth
Brangäne: Cornelia Helfricht
Ein Hirt: Torsten Süring
Ein Steuermann: Mirko Janiska
Junger Seemann: Bernard Richter

Chor und Komparserie der Oper Leipzig


Kinder der Nacht

Es ist eine Liebe, die in den Untergang führt ? die Liebe zwischen Tristan und Isolde, wie sie schon vor Hunderten von Jahren im Lied besungen wurde. Richard Wagner brachte den Mythos in eine Fassung, die auf den ersten Blick recht karg wirkt. Sieht man aber einmal von der äußeren Handlung ab, so bietet sich dem Betrachter (und Hörer) eine Vielfalt dar, wie sie in der Operngeschichte wohl ziemlich einzig dasteht. In einem jenseits von Raum und Zeit liegenden Bereich werden die grundlegenden Fragen des Menschseins gestellt, geht es um die grundlegenden Gegensätze zwischen Liebe und Hass, Leben und Tod, Innen und Außen, Rache und Vergebung, Tag und Nacht. Über all dem liegt eine Atmosphäre undurchdringlichen Nebels, alles ist Symbol, alles Bedeutung. Das geheimnisvolle Etwas hinter den Handlungen und Worten steht im Zentrum. Wer sich auf diese Reise in die Tiefen der menschlichen Seele einlässt, wird reich belohnt.

Leider scheint sich an diesem Nachmittag der eigentliche Reichtum des Werks manchen Hörern nicht zu erschließen, mag manchen die ?Action? fehlen. So kratzt sich eine Sitzreihe vor mir jemand nervös am Rücken, neben mir ist sogar jemand eingeschlafen und schnarcht(!), bis er von der Begleiterin aufgeweckt wird. Zudem lichten sich die ohnehin schwach besetzten Reihen von Pause zu Pause (und während der Vorstellung) zunehmend. Diese Oper gibt viel, doch sie verlangt eben auch etwas?

Verdient haben die Mitwirkenden diese Reaktion des Publikums keineswegs, bieten sie doch einen Opernnachmittag der Extraklasse. Das höchste Lob gebührt hierbei sicherlich dem Gewandhausorchester, das von Hartmut Haenchen zu Spitzenleistungen motiviert wird. Doch auch die Protagonisten lassen aufhorchen: Heikki Siukola als Tristan, der im letzten Akt zur Höchstform aufläuft, und Renate Behle, die eine beeindruckend vielschichtige Isolde abgibt. Auch die anderen Rollen sind durchgängig gut bis hervorragend besetzt. Hervorzuheben ist hier besonders James Moellenhoff, der einen wahrlich ?markigen? König Marke darstellt und dessen Schmerz über den Tod Tristans ergreifend Ausdruck verleiht. Der begeisterte Applaus nach der Vorstellung ist völlig berechtigt.

Die Bühne kommt ziemlich schlicht daher: Ein Kahn mit zwei Ruderblättern mitten auf der sonst leeren Bühne, die hinten durch zwei Wände begrenzt wird. Von diesen Wänden kann die eine zur Seite weg gezogen werden, wodurch sich ein mehr oder weniger breiter Spalt öffnen lässt. Diese Öffnung bildet das Tor zwischen Innen und Außen. So schließt sich der Spalt in dem Moment, als Tristan und Isolde den Liebestrank zu sich nehmen, und auch während der Liebesnacht im zweiten Akt schirmt er das Paar gegen die Umwelt ab. Verständlich, dass es die Warnrufe Brangänes nicht hört ? Der Spalt hat aber noch eine weitere Funktion: Durch ihn kann man bereits die Dekoration des jeweils nächsten Akts sehen. Jeder Akt wird nämlich durch eigene Farben bestimmt. So erscheint der erste im ?kühlen Eisblau des frühen Morgens?, der zweite in ?romantisch-mittäglichem Grün?, der dritte in Schwarz-Weiß als Ausdruck von ?Tod und Vergänglichkeit eines kalten Wintermorgens? (Zitate von Wolfgang Gussmann, dem verantwortlichen Bühnenbildner). Die Kostüme folgen dieser Konzeption. Während im ersten Akt das Mittelalter Pate steht, wird im zweiten die Entstehungszeit der Oper aufgegriffen, um dann im letzten die heutige Zeit zu charakterisieren. Dadurch gelingt eine Aktualisierung des Mythos, die seine Historizität nicht verleugnet. Alles das ist vielleicht nicht gerade spektakulär, nachvollziehbar und plausibel aber allemal.

Die Regie Willy Deckers bietet ebenfalls wenig Überraschungen. Die etwas konventionelle Personenführung hat aber den Vorteil, nicht von den wesentlichen Dingen abzulenken. Ein origineller Gedanke soll allerdings nicht unerwähnt bleiben: Am Ende des zweiten Aktes fügt Tristan sich keine tödliche Wunde zu, sondern nimmt sich mit dem Schwert das Augenlicht, woraufhin Isolde es ihm gleichtut. Wenn also Tristan im dritten Akt erwachend fragt ?Wo bin ich??, dann erhält diese Frage eine doppelte Bedeutung. Und als schließlich das lang ersehnte Schiff mit Isolde an Bord eintrifft, irren die Liebenden umher, unfähig, zueinander zu finden. Jeweils vor ihrem Tod nehmen sie ihre Augenbinden ab, der bevorstehende Tod hat sie im psychologischen Sinn hellsichtig gemacht. Der Kahn steht zum Schluss immer noch auf der Bühne, doch er ist zerbrochen. Die alles verlöschende Nacht bricht herein und nimmt Tristan und Isolde mit in ihr Reich.

(Frank Sindermann)

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