Carmen Orschinski | Drucken01.02.2013 

Was uns fehlt, lockt uns an

Jasmin Solfaghari hat für die Musikalische Komödie einen Wohlfühlwagner für die ganze Familie inszeniert. Darf man das? Man darf!

Ruth Ingeborg Ohlmann als Sieglinde und James Allen Smith als Siegmund (Fotos: Tom Schulze)

Die Oper Leipzig startet ins Wagnerjahr. In den Ring ums Buhlen um Besucher wirft sie dem opernhungrigen Nichtwagianer wenige Wochen vor der hauseigenen Rheingold-Inszenierung ein Öpernchen als Lockmittel. Ein Appetithäppchen, das Lust machen soll auf mehr. Schließlich habe man alles richtig gemacht, sagt Jasmin Solfaghari im Interview mit der Leipziger Volkszeitung, „wenn wir das noch nicht Wagner-affine Publikum, ganz gleich ob Kind oder Erwachsener, so weit bringen, dass alle danach nahtlos mit dem Rheingold im großen Haus weitermachen können.“

Dass Kinderscharen danach die Oper stürmen werden, um sich die vierstündige Rheingold-Inszenierung reinzuziehen, oder gar für die noch folgenden zwölf Stunden lange Walküre, Siegfried und Götterdämmerung sensibilisiert werden, bleibt nicht nur fraglich, sondern kann wohl klar mit Nein beantwortet werden. Und so hat der Ring für Kinder doch den Beigeschmack einer Mogelpackung, welche letztlich, wie von Solfaghari klar formuliert, nur ein Einstieg für die sein soll, die bis jetzt nicht in Erwägung gezogen haben, am sich über mehrere Spielzeiten erstreckenden Leipziger Mammut-Ring zu partizipieren.

Richard Wagner schrieb im Jahr 1851 an Theodor Uhlig über seinen Ring des Nibelungen: „Mit meiner Konzeption trete ich gänzlich aus allem Bezug zu unserem heutigen Theater und Publikum heraus, breche für immer mit der formellen Gegenwart.“ Mit dem Ring in der Kinderfassung konzipierte man etwas, das genau konträr zur wagnerschen Intention vom Neuen Theater steht – also entgegen der Idee Wagners, das „dekadente“ Theater reformieren zu wollen, mit Hilfe seiner Kunst zu einer besseren Volkserziehung beizutragen und somit die Welt zu verbessern. Wagner wollte mit ebenjener unverschämten 16-stündigen Vertonung seines zusammengesammelten, enzyklopädischen Mythen-, Sagen- und Heldenwissens das Wesen der Kunst zur Kunst zurückholen, sie der Industrie und dem faulen, dem gelangweilten Betrachter entreißen. Darf man eine so klar formulierte Einstellung des Schöpfers zu seinem Werk derart klar übergehen, um mit dessen geistigem Eigentum etwas zu erschaffen, was dieser mit genau jenem versuchte abzuschaffen? Man darf. Man hat. Und es ist gut.

Erzwäng' ich nicht Liebe, doch listig erzwäng ich mir Lust?

Ring und Gold, Macht und Kapital, Auflehnung und Scheitern, Mord und Freitod, die Zeugung eines Helden durch Inzest, eine Welt, die in Flammenmeer und Flut untergeht, um in neuer Ordnung aufzuerstehen – der Stoff, aus dem Kinderalpträume gemacht sind. Wie bereitet man diesen Stoff, diese Fülle, nun kindgerecht auf? Jasmin Solfaghari tut dies folgendermaßen: Sie nimmt sich Hartmut Keils und Maximilian von Mayenburgs Fassung für Kinder des Rings der Bayreuther Festspiele aus dem Jahr 2010. Hier liegt eine bereits gefeierte, zweimal 50 Minuten lange Version vor, welche mit Verzicht auf lange Arien, Kürzung der prägnantesten orchestralen Motive sowie gesprochenen Passagen, welche erklärend zwischen die Musik gefügt wurden, eine leicht verständliche Vermittlung des Stoffs garantiert. Um ganz sicher zu gehen, gibt es 45 Minuten vor der Aufführung eine inhaltlich auf den Punkt gebrachte, kindgerecht vorgetragene Einführung.

Links: Josefine Weber als Brünnhilde. Rechts: James Allen Smith als Siegmund

Das von Solfaghari in Zusammenarbeit mit Frank Schmutzler, dem Technischen Leiter des Hauses, erarbeitete Bühnenbild überrascht. Verzichtet es doch auf alles erwartbar Kindische und bleibt dennoch auch für Kinder fassbar.

Einzig ein Stoffbär, der Siegfried als 15-Jährigem zur Seite gestellt wird, zerstört kurzzeitig das ästhetisch in sich geschlossene Bühnenbild. Der Versuch, Kindern an dieser Stelle eine Möglichkeit der Identifikation mit dem Helden zu schaffen, scheitert und wirkt schlicht albern.

Solfaghari entschied sich für diese Umsetzung als eine Reminiszenz an Wieland Wagner. Der Regisseur des „neuen Bayreuth“ und Enkel Richard Wagners hatte als erster bewusst auf einen detaillierten Naturalismus verzichtet und durch Abstraktion und suggestive Lichtregie die Musik in den Vordergrund gestellt und das Bühnengeschehen expressiv verdichtet. Leider spricht Solfaghari im LVZ-Interview von einer negativ konnotierten „Low-Budget-Produktion“, was den Eindruck erweckt, als habe sie nicht wie Wieland Wagner bewusst auf Obiges verzichtet, sondern bloß aus den vorhanden Mitteln das Beste gemacht.

Wagner orientierte sich im Aufbau an den Dionysien, welche, ebenfalls eine Tetralogie, nach dem Vorabend des Festspiels, im Wechsel Tragödie und Komödie folgen lassen. Siegfried stellt somit im Zyklus eine Komödie dar. Das Ensemble der MuKo genießt sein Tun auf der Bühne sichtlich, was spätestens nach den ersten 50 Minuten – wir sind bei Siegfried angelangt – auch auf das Publikum übergeht. Das durchgängig gute und liebevolle Schauspiel lässt verzeihen, was im übertrieben kitschigen Freundeskreisschlussbild kulminiert, und rundet den Abend tatsächlich zu einem Wohlfühlprogramm für die ganze Familie ab. Als Einführung in den Nibelungenkosmos bleibt die Inszenierung doch zu rudimentär. Als Kinderoper jedoch funktioniert sie und ist durchaus zu empfehlen. Wagner hingegen hätte es wohl nicht gemocht.

Der Ring für Kinder

Musikalische Leitung: Stefan Diederich
Inszenierung: Jasmin Solfaghari
Bühne: Frank Schmutzler / Jasmin Solfaghari

Josefine Weber, Ruth Ingeborg Ohlmann, Mirjam Neururer, Claudia Schütze, Carolin Masur, James Allen Smith, Andreas Rainer, Kostadin Arguirov, Milko Milev, Stefan Klemm, Tobias Pfülb, Folker Herterich
Orchester der Musikalischen Komödie

Musikalischen Komödie, 19. Januar 2013

Wagner eingedampft. Jasmin Solfaghari inszeniert an der Musikalischen Komödie den „Ring des Nibelungen“ für Kinder – und scheitert (Steffen Kühn)

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