| Drucken15.03.2001 

Roland Schimmelpfennig: „Die arabische Nacht” (Marcus Erb-Szymanski)

15. März 2001
Schauspielhaus Leipzig, Horch und Guck, Premiere

Roland Schimmelpfennig
?Die arabische Nacht?
Regie: Franziska-Theresa Schütz
Bühne und Kostüme: Winnie Schirmer
Musik: Alexandra Holtsch, Ben Lauder
Dramaturgie: Oliver Spatz
Hans Lohmeier: Michael Mechel
Fatima Mansur: Barbara Trommer
Franziska Dehke: Carmen Betker
Kalil: Jörg Dathe
Peter Karpati: Patrick Imhof

Abenteuer auf der Treppe

Über eine rundum gelungene Premiere am Leipziger Schauspielhaus

Es gibt Momente, in denen die Zeit ins Stocken gerät, es gibt Orte, wo sich die Linien der Raumkoordinaten verfilzen und es gibt - gerade an solchen Stellen - Energien, die die Menschen umtriebig werden lassen, ohne dass sich die Quelle ihrer Induktion je ausfindig machen ließe.

Lohmeier, der Hausmeister eines Hochhauses, ist der Erste, der merkt, das etwas nicht stimmt. Das Rauschen der Wasserleitungen, sonst der Refrain seines Alltags, klingt ihm heute wie ein fremdes und dennoch vertrautes Lied, das allerdings in der siebten Etage verstummt. Dort, wo die junge Laborantin Franziska wohnt, deren Leben immer erst beginnt, wenn sie eingeschlafen ist und ihre Fantasien erwachen. Die Fantasien ihrer handfesten Mitbewohnerin Fatima dagegen sind durchaus real und erscheinen in Gestalt des jungen Burschen Kalil, der gern beteuert, wie sehr er Fatima liebt und dass er keine andere Frau als sie begehrt, auch wenn er immer erst nach Sonnenuntergang bei ihr aufkreuzen darf. Bleibt schließlich noch Karpati, den es ebenfalls unaufhaltsam in den siebten Stock dieses Hochhauses treibt, dessen Beweggründe sich allerdings sehr real auf das voyeuristische Erlebnis zurückführen lassen, Franziska beim Duschen beobachtet zu haben.

?Abenteuer auf der Treppe? heißt ein beliebtes Kinderbuch von Jewgenij Schwarz, und auch Thomas Schimmelpfennig hätte sein neuestes Theaterstück (im Februar am Staatstheater Stuttgart uraufgeführt) so nennen können. Aber damit soll keineswegs gesagt sein, dass dieses Stück des ?Hausautors? und Dramaturgen der Berliner Schaubühne kindisch sei. Ganz im Gegenteil, Schimmelpfennig braucht keine Kindereien, keine drastischen Effekte, keine hyperintellektuellen Konstellationen und auch keine pseudopsychoanalytischen Problemlösungen, um mit sanfter Poesie seinen Text mit großer Ruhe dahinfließen zu lassen wie eben jenes Wasserspiel in den Hochhausrohren, das die Figuren ebenso wie die Zuschauer oder Leser als ein geheimnisvolles ?Lied? von Anfang bis Ende begleitet. Schimmelpfennig bedient sich dabei eines einfachen, aber sehr wirkungsvollen Tricks. Er lässt seine Protagonisten nicht nur das sprechen, was sie mitzuteilen haben, sondern auch all das, was sie sehen, was sie fühlen, was sie gerade tun. Das bedeutet nun aber nicht, dass es sich hierbei um ein philosophisches Lehrstück handelt, in dem die Akteure ständig das, was sie tun, reflektieren, sondern im Gegenteil: Es bedeutet, dass jedes Handeln nur noch das Resultat einer Reflexion ist, dass die geistig-sprachliche Ebene der praktischen vorausgeht, dass man nie weiß, ob das, was gerade geschieht, nicht vielleicht nur in der Einbildung des Handelnden geschieht. Und eben dieses beckettsche Prinzip hat dann natürlich auch seine philsophische Dimension: Denn so etwas wie Wirklichkeit entsteht nur dann, wenn sich die Fantasien zweier Menschen berühren und ein Stück Wegs gemeinsam gehen. Ansonsten lebt jeder in seinem eigenen Universum, das jungfräulich bleibt gegenüber den Welten der anderen, selbst wenn sich die Darsteller im Alltag auf den Füßen stehen.

Und letzteres sorgt natürlich auch für Situationskomik, was Regisseurin Franziska-Theresa Schütz konsequent, aber unaufdringlich, weil nie vordergründig, herausgearbeitet hat. Auch sie bedient sich eines einfachen, nicht weniger wirkungsvollen Tricks. Sie lässt ihre Schauspieler nie das tun, was sie gerade von sich behaupten, zu tun. Wenn Karpati davon spricht, wie er dem Rauschen des Wassers nachgeht, um die Schöne zu finden, die er durchs Fenster gesehen hat, spielt er mit einer Puppenstube und entlarvt seine Reden als kindlich-pubertäre Tagträume. Wenn Kalil im Fahrstuhl festsitzt und davon erzählt, wie er sich zu befreien versucht, sitzt er resigniert-verdrossen da und mumpelt seine Frühstücksbemmchen aus der Brotbüchse.

Doch unabhängig von den komischen Effekten gelingt der Inszenierung durch die Divergenz zwischen beschriebener und vollzogener Handlung eben das deutlich zu machen, was der Kern des Ganzen ist: Dass sich das Leben nurmehr in den Köpfen der Figuren abspielt, dass die Fiktion mächtiger geworden ist als die Realität und dass Dialoge und Kooperationen von allen Beteiligten völlig anderes interpretiert werden. So bleiben alle in ihren eigenen Gedanken gefangen wie Kalil im Fahrstuhl, und wie bei ihm huscht die reale Welt schattenhaft vorüber, durch ein winziges Fensterchen nur unscharf beobachtet und gleichnishaft gedeutet. So degeneriert das platonische Prinzip des Dialogs zum individualistischen Agieren von Monaden, deren destabilierte Harmonie in der unendlichen Melodie ihrer Monologe jede wirkliche Kommunikation verhindert. Und eben weil dies im Zentrum der Inszenierung steht, gesteht man Frau Schütz zu, die Unabhängigkeit der tatsächlichen Geschehnisse von ihren Beschreibungen zu nutzen, um kausale Ursachen für die teils seltsamen und teils auch so menschlichen Metamorphosen ihrer Protagonisten anzudeuten. So hält Franziska eine Filmrolle in der Hand, wenn die Jungmädchenfantasien mit ihr durchgehen, Lohmeier legt in derselben Situation ein Video ein und Kalil liest, als das sexuelles Begehren plötzlich den Stier in ihm weckt, unzweideutige Heftchen. Aber solches bleibt behutsam angewendet, wirkt nicht gewaltsam und die Regie widersteht auch der Versuchung, die bisweilen an ein Märchen aus 1001 Nacht erinnernden Träume als Jungsche Archetypen auszudeuten, die dem Stück konzeptionelle Gewalt antun würden. Denn bei Schimmelpfennig ist vieles angedeutet und alles offengelassen. Eben das macht den Reiz des Textes aus, dass er dem Leser (wie ein guter Therapeut im Übrigen auch) die Interpretation der Träume nicht vorschreibt.

Weil nun das Inszenierungsteam seine Arbeit, was selten genug heutzutage ist, voll und ganz in den Dienst des literarischen Werks stellt, und dadurch dessen suggestive Kraft und Faszination augenscheinlich macht, ist diese Premiere eine rundum gelungene Sache. Nur auf eines muss noch aufmerksam gemacht werden. Am Ende wurde eine Streichung vorgenommen, die doch einen erheblichen Eingriff in den Text darstellt. Denn während die Mehrzahl der Figuren mehr oder weniger elend vor die Hunde geht, finden Lohmeier und Franziska in dem Moment zusammen, da Lohmeier unfreiwillig in Franziskas Fantasiewelt eindringt, nachdem er in deren Bannkreis geraten ist und seine Gedanken nun von ihr wie von einem morphischen Feld beherrscht werden. Als er erwacht befindet er sich in den Armen von Franziska, die ihn küsst, wobei beide meinen, es sei der erste Kuss in ihrem Leben: Dort, wo sich die Fantasien zweier Menschen berühren, endet das Blindekuhspiel des Lebens. Doch genau dieser Pointe wird der Text beraubt, indem in der Leipziger Aufführung nach der Kuss-Szene Franziska noch die von früherer Stelle geborgte Sätze spricht: ?Ich hatte einen sonderbaren Traum ... ich träumte, ein Mann hätte mich im Schlaf geküsst...? ?Zettels Traum? lässt grüßen, das Leben bleibt eine Illusion und Hoffnung auf ein Erwachen besteht nicht. (Welch bessere Rechfertigung gäbe es auch für das Theater? In gewisser Weise ist diese Sicht aber auch zu verstehen, denn der zugegebenermaßen etwas drastische Schluss ist vielleicht die einzige Schwachstelle im Text. Nachdem der Großteil der Szenen mit schlafwandlerischer Gelassenheit vorübergegangen ist, wirken die finalen Zuspitzungen etwas aufgesetzt. In der Version von Frau Schütz ist jedoch die dramatische Bewegung am Ende lediglich ein kleiner Wirbel in einem ansonsten seine Richtung nicht verändernden, weil sich im Kreis drehenden, poetischen Fluss. Das wirkt natürlicher, ändert aber nichts daran, dass ein derartiger Eingriff in ein so dichtes, poetisch ausgefeiltes und dramaturgisch durchdachtes Stück Literatur schmerzhaft bleibt.

Von den Darstellern gilt im Allgemeinen das Gleiche wie von der Inszenierung: Sie stellen sie sich unpretentiös in den Dienst des Stücks, so dass eine ausgewogene und in sich stimmige Aufführung gelingt. Dennoch sollte Michael Mechel vielleicht hervorgehoben werden. In der Rolle des Lohmeier ist er grübelnd, misstrauisch, dabei aber auch durchaus, wenns sein muss, zugreifend und immer mit der typischen Hosenträgerphilosophie eines Hausmeisters, die sich in dem Fall aber als der sechste Sinn erweist, der Lohmeier schließlich ins Leben zurückführt und ihn überraschend in den Armen von Franziska landen lässt.


(Marcus Erb-Szymanski)

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