Anne Fleischer | Drucken31.03.2014 

Stadt als Bühne

Wie stellt man das Leben einer ganz normalen Leipzigerin dar? Oper Dynamo West aus Berlin verwandeln die Geschichte der Friseurin Christa Kabisch in eine begehbare Performance – mit Ach und Krach

Foto: Nils Linscheidt

Zur Vorstellung sind an diesem Abend nur wenige junge Leute ins Theater gekommen. Stattdessen dominieren Rentner mit Basecap und ausgeblichenen Jeans und ein paar schicke Mittvierziger das Publikum. Zu sehen gibt es Salon Chris im LOFFT, die vertonte Performance eines realen Lebens. Nach einem holprigen musikalischen Einstieg zweier Live-Performerinnen an digitalen Instrumenten wird die Lebensgeschichte von Christa Kabisch präsentiert: Eine ganz normale Leipzigerin, die seit 1986 einen Friseursalon in Lindenau betreibt. Der kurzen Einführung folgt der gemeinsame Gang in ein Hinterhaus am Lindenauer Markt, das mit allerlei Versatzstücken aus Christas Leben geschmückt ist: Auf einem Tisch stehen bunte Glasvasen und Plastikblumen, daneben laufen auf einer schmalen Anzeigetafel nacheinander Schlagworte durch. „Mann“, „Haus“ und „DDR“ lauten diese zum Beispiel. Plötzlich ertönt orientalisch anmutende Musik aus dem hinteren Teil des Raumes: Zwei Bauchtänzerinnen in typischen Gewändern erscheinen und wagen eine klimpernde Choreografie. Das Publikum klatscht verhalten. Nun gibt es viel Zeit, um das Leben der Christa Kabisch zu erkunden: Auf einem Tapeziertisch liegen Fotos und Porträts aus 71 Jahren bewegten Lebens akkurat aufgereiht. Gleich daneben Aufnahmen von Christas schrägsten paillettenbesetzten oder leopardengemusterten Outfits. Zwischendurch wird das Umherwandern in der Galerie immer wieder von kleinen Acts unterbrochen: So tritt der Frauenchor Leipzig-Süd auf, um Lieder in sächsischer Mundart zum Besten zu geben, ein paar Minuten später wiegt sich eine Ballerina in kleinen Tanzschritten zu leiser Musik.

Leider können es die Mitwirkenden der Performance und des LOFFT nicht unterlassen, am Rande der Ausstellung immer wieder Privatgespräche zu führen, wodurch das Ganze etwas unprofessionell wirkt. Auch die Atmosphäre in dem zur Galerie umgestalteten Rohbau ist eher befremdlich. Als schließlich fünf mit iPods ausgestattete KünstlerInnen durch simultanes Knopfdrücken opulente Musik erklingen lassen, während eine junge Dame vor ihnen auf einer Papierplane goldenes Lametta verstreut, um es dann gleich wieder aufzukehren, wird das Publikum sinntechnisch völlig abgehängt. Einzig eine ältere Dame, die mit einem Hefter von Raum zu Raum zieht und lustige wie traurige Episoden aus Christa Kabischs Leben vorliest, kann die ZuschauerInnen für längere Zeit an einen Ort fesseln.

Ursprung der rätselhaften Performance ist die Berliner Gruppe Oper Dynamo West, deren erklärtes Ziel es ist, „das Musiktheater-Potential von Realität“ zu erforschen. Bedauerlicherweise geht ihr Konzept in diesem Fall nicht auf. Die willkürliche Zusammenstellung der Erinnerungsstücke und die sporadisch auftauchenden Performanceelemente scheinen nicht recht zueinanderzupassen, die musikalischen Einlagen wirken seltsam gewollt. Eine thematische Kontextuierung, beispielsweise die nähere Beleuchtung der Lebensumstände Christa Kabischs zu DDR-Zeiten, lässt das Stück – bis auf eine kurze Anekdote – vermissen.

Das fulminante Finale findet dann im realen „Salon Chris“ in der Odermannstraße 10 statt. Es läuft Rock’n’Roll-Musik, Sekt für alle wird ausgeschenkt. „Sie können sich im ganzen Salon umsehen, haben Sie keine Scheu“ ruft die in schwarz gekleidete Tänzerin. Ist das alles nur eine geschickt getarnte PR-Aktion, um langfristig die Ladenkasse aufzubessern? Die Inhaberin verneint entschieden. „Das war die Idee des Berliner Regisseurs“, sagt Christa Kabisch. Er habe sie, nach der Besichtigung verschiedener Friseursalons in der Umgebung, angesprochen. Am Ende dürfen sich dann alle noch ein Autogramm von „Chris“ abholen. Eine elegante Dame aus dem Publikum zeigt sich indessen hellauf begeistert: „Hier wird ein Mensch mal so präsentiert, wie er ist. Und dabei nicht in den Dreck gezogen, so wie sie das im Fernsehen machen. Das finde ich gut.“

Salon Chris

Regie: Johannes Müller, Julie Rüter

Konzept, Künstlerische Mitarbeit: Janina Janke

Besetzung: Christa Kabisch und Anwohner aus Leipzig Lindenau

Musik: Matthias Krebs (DigiEnsemble Berlin)

Oper Dynamo West, Berlin

LOFFT; Premiere: 28. Februar 2014


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