| Drucken29.11.2003 

Sarah Kane „Gier”, Premiere (Babette Dieterich)

Horch und Guck, 29.11.03
Sarah Kane ?Gier? (Premiere)

A:Thomas Dehler
B:Torben Kessler
C:Carolin Conrad
M:Jana Bauke


Liebesquartett im Kopfkäfig

Eine hölzerner Laufsteg führt durchs Horch und Guck zwischen den Zuschauerplätzen hindurch auf eine Bühnenfläche. Wie eine Nabelschnur. Kupferne Drahtverschläge befinden sich an den Wänden, dahinter vertrocknete Zimmerpflanzen. Zwischen den Drahtverschlägen quadratische Bilder der vier Akteure in Handlungen, von denen sie später erzählen werden, sich hinträumen oder wegsehnen. Sarah Kanes Personen sind namenlos, heißen A, B, C und M. Sie treten aus einem Metallverschlag auf. Es sind nur noch Stimmen, die ihre Verluste, Sehnsüchte und Ängste beschreiben. Roter Faden der Themen, um die das Quartett kreist: Liebe in ihren vielen Varianten, Mutterliebe, sexuelle Liebe, Missbrauch.

Was passiert auf der Bühne außer der Sprache, die in Gier eine große Musikalität entfaltet? Sarah Kanes Regieanweisungen berücksichtigen nur den Sprachgestus. Regisseur Boris von Poser hat versucht, die einzelnen fragmentarischen Handlungsstränge nachzuinszenieren und sie dadurch plastischer werden zu lassen. Die Personen treten miteinander für kurze Szenen in Kontakt, umarmen sich, spielen Ringelreihen um eine Säule, kauern sich aneinander, versuchen, sich Wärme zu geben.

Im ersten Teil dieses 70-minütigen Einakters dominiert eine Missbrauchbeziehung zwischen A (Thomas Dehler) und C (Carolin Conrad). Das andere Paar, B (Torben Kessler) und M (Jana Bauke), umkreist sich ebenfalls mit den Motiven von Kinderwunsch, Verführung und Demütigung. Überraschender und zugleich wohltuender Ruhepunkt im ersten Drittel des Stückes bildet der Monolog von A, dessen Stimme bisher Missbrauchsphantasien geäußert hat, und der nun voller Zärtlichkeit seine Sehnsüchte artikuliert: ?Und ich will Verstecken spielen und dir meine Kleider geben und dir sagen 'Ich mag deine Schuhe' und auf den Stufen sitzen während du badest...? Während dieses Monologes winden sich die Akteure allein in größtmöglicher Entfernung voneinander.

Leider bietet das Stück nur diesen einen langen Monolog als Ruhepunkt innerhalb des zerrissenen Erinnerns der vier Stimmen. Im weiteren Verlauf werden die einzelnen Handlungsstränge immer kürzer und fragmentartiger, auch die Inszenierung neigt zur Hektik. Da wäre es stellenweise von Vorteil gewesen, die erzählten Handlungsfetzen weniger nachzuinszenieren, die Akteure wirklich nur zu Stimmen werden zu lassen und der Musikalität der Sprache von Sarah Kane zu folgen. Diese führt immer wieder zu überraschenden Wendungen, wenn sich Stimmen antworten, die bisher nichts miteinander zu tun hatten, wenn alle vier wie aus einem Munde sprechen, sich nachahmen, die Sprache sich über den Inhalt erhebt und das überhöhte Ende des Stückes, den Fall ins Licht, bereits antizipiert.

Dieser Schluss ist etwas ambivalent, die vier Stimmen sehen eine gemeinsame Vision, ein Licht. Das Licht, das der Sterbende erblickt, das Licht der Erlösung? Doch wovon? Vielleicht sind diese vier Stimmen Aspekte einer einzigen Person, die ihre Erlösung im Selbstmord findet. Nicht umsonst hat die Autorin auf Regieanweisungen verzichtet und in diesem Stück eher ein Kopfkino dargestellt. Die Interpretation drängt sich auf, wenn man bedenkt, dass Sarah Kane an starken Depressionen litt und ihrem Leben kurz nach Vollendung ihres Stückes 4.48 Psychose ein Ende setzte.

Neben dem gelungenen, kargen Bühnenbild (Katja Schröder), das außer dem Laufsteg und den Verschlägen an der Wand noch aus mehreren breiten Bänken besteht, die mal als Liege, mal als Tisch oder Hindernis Verwendung finden, muss man die Leistungen der Schauspieler hervorheben. Mit wenigen Worten versetzen sie die Zuschauer in eine neue Situation und wechseln in rascher Folge Sprechgestus und Impulse. Regisseur Boris von Poser hat die einzelnen Situationspartikel und Erzählhaltungen sehr pointiert herausgearbeitet.

Thomas Hertel schuf den Klangraum zur Inszenierung. Herzschläge, an wenigen Stellen eingesetzt, verstärken die Assoziation, dass sich diese Bühne innerhalb eines einzigen Menschen befindet. Gerade bei solchen assoziativen Stücken ist die Verführung groß, mit Musik und Klängen Stimmungen zu erzeugen, und es so dem Zuschauer zu erleichtern, die Szenen zu wechseln. Dieser Verführung ist Thomas Hertel nicht erlegen und vertraut der Musikalität, die in der Sprache von Sarah Kane liegt.

(Babette Dieterich)

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