| Drucken09.10.2004 

Sarastros weise Tunten: „Die Zauberflöte” in umstrittener Neuinszenierung (Sebastian Schmideler)

W.A. Mozart: Die Zauberflöte
Regie: Ralf Nürnberger
Gewandhausorchester unter der Leitung von Stefan Blunier
Oper Leipzig
Premiere am 9. Oktober 2004


Oper der Widersprüche - Ralf Nürnbergers streitbare "Zauberflöte"

Ein Abend der Gegensätze brachte am 9. Oktober das Premierenpublikum in Rage: begeisterte Zustimmung, heftige Buh-Rufe. Kein Wunder: Ralf Nürnbergers "Zauberflöten"-Inszenierung war von Anfang an auf Provokation angelegt. Nürnberger setzt klare Fronten und mutet dem Publikum eine fertige, zum Teil dogmatische Interpretation mit wenig assoziativen Freiräumen zu. Mit welchem Recht suggeriert er dem Publikum die gängige Legende, in der "Zauberflöte" werde die Französische Revolution in nuce thematisiert, spiegele sich der Kampf zwischen Bürgertum und Adel, der Anbruch der Moderne wieder? Lässt Schikaneder-Gieseckes abenteuerlich zusammengestoppelte Vorlage nicht lediglich den Schluss zu, Geburts- und Tugendadel könne nach erfolgten Prüfungen unter einem glücklichen Stern zusammentreffen? Alte und neue Eliten sich in einen Kreis der "Eingeweihten" vereinen? Besteht nicht vielmehr die Möglichkeit einer Reform in den Grenzen des aufgeklärten Absolutismus? -
Nürnberger seinerseits versucht zwar der Oper gerade dadurch gerecht zu werden, dass er sie mit gutem Grund in den Kontext ihrer Entstehungszeit stellt, schießt aber über das Ziel hinaus, indem er ideologisiert, weil er überinterpretiert. Denn er stilisiert den todkranken Mozart zum Revolutionär, plustert die "Zauberflöte" auf zu einem Panorama der "bürgerlichen Revolution", unterlegt ihr letztlich eine Reflexion über das Scheitern der Ideale von 1789. Überall versucht Nürnberger zu dekonstruieren und zu politisieren, dem Kunstwerk mit Singspielcharakter den letzten Rest Moral zu rauben, zusätzliche Widersprüche aufzuwerfen. Das mag löblich sein, ist aber gewagt, weil es der Vorlage zuviel zumutet, mehr Skepsis hinterlässt, als in sich Schlüssiges erkennbar macht.
Vollends missglückt ist der Versuch, einerseits an die Wiener Volkstheatertradition anzuknüpfen und dabei gleichzeitig mit Guillotinen, Särgen, Karl Marx, Haeckel oder Industrialisierungssymbolen zu schockieren. Wenn die Weisen aus Sarastros Reich als Tunten dem Publikum zuwinken, Papageno sich statt an einen Baum unter eine Guillotine legt, bei der feierlichen Weihe einer austreten muss, dann wird Erhabenes nicht widersprüchlich, sondern durch billige Zoten beschädigt, Komik mit boshaftem Ernst verknüpft.
Zu kritisieren ist nicht, dass Nürnberger so vorgeht, sondern wie er die Pointen zum Teil anlegt: illustrativ, derb, unsensibel, ohne Sinn für doppelten Boden, als ob das Publikum Anspielungen nicht durchschauen könne. Gesten wirken penetrant und gespreizt, Kardinalfehler wie das Sprechen mit dem Rücken zum Publikum werden nicht vermieden, sondern gesetzt.

Auch die Interpreten des Abends warfen Widersprüche auf. Eine wirklich brillante Königin der Nacht von Anna-Kristiina Kaappola, ein vollkommen überzeugender Papageno von Milko Milev, eine gewohnt einfühlsame Eun Yee You als Tamina. Stanley Jackson als Tamino stand in ihrem Schatten. Die drei Damen Hendrikje Wangemann, Kathrin Göring und Inga Lampert überzeugten durch polyphone Qualität. Das schwer zu verzeihende Manko der Inszenierung war allerdings eine überwiegend mangelhafte Phonetik und Artikulation sowohl im Gesang als auch in den Zwischendialogen. Taminos Wort "Man muss erst sprechen lernen" hätte ernster genommen werden sollen. Milevs Papageno war da eine erfreuliche Ausnahme, abgesehen von den deutschsprachigen Sängern. Ein Gegengewicht bildete immerhin der kraftvolle Bass Sarastros, gesungen von James Moellenhoff. Auch ein Publikumsjoker wurde ausgespielt: drei Thomaner in der Rolle der Knaben wirkten mit Erfolg.

Außerordentlich farbenreich und präzise sang diesmal der Opernchor. Auch das Gewandhaus-Orchester machte seine Sache sehr professionell, nur dass Dirigent Stefan Blunier bisweilen etwas drängte und den Sängern durch seine straffen Tempovorgaben wenig Freiräume zum Gestalten ihrer Rolle ließ.

In sich schlüssig, wirklich gelungen und dem verfolgten Konzept angemessen waren die Kostüme von Claudia Rühle und das wunderbar eindrückliche Bühnenbild. Das Spiel mit Symbolen der Freimaurer, den Farben der Französischen Revolution, Kontrasten zwischen Licht und Dunkel, Weiträumigkeit und begrenzter Enge, Unendlichkeit und Endlichkeit wurde souverän durchgeführt. Der Schöpfer des weltweit größten Panorama-Bildes, Yadegar Asisi, bewies auch auf der Opern-Bühne seine überzeugende Kunstfertigkeit.

(Sebastian Schmideler)

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