| Drucken12.01.2002 

„Schade, daß sie eine Hure war” von John Ford, Premiere (René Granzow)

"Schade, daß sie eine Hure war" von John Ford, Premiere

Regie: Markus Dietz
Bühne und Kostüme: Franz Lehr

Es spielen: Marco Albrecht, Frank Apitz, Constanze Becker, Susanne Böwe,
Jörg Dathe, Christoph Hohmann, Stefan Kaminsky, Oliver Kraushaar, Jörg Reimers,
Schauspielstudio, Günter Schoßböck, Michael Schrodt, Susanne Stein

?Nur wer liebt, kann leben.?

Die Tragik des Stoffs erschließt sich dem Betrachter sehr schnell. Bruder und Schwester lieben sich und können diese ungeahnte Leidenschaft doch nicht leben. ?Ich sehe den Untergang? sind die ersten Worte Giovannis (Oliver Kraushaar), bevor er seiner schönen Schwester (Constanze Becker) die Liebe zu ihr gesteht. Annabella erwidert dieses Gefühl, anfangs noch etwas kindlich und naiv. Doch ein gemeinsamer Schwur, ?Liebe mich oder töte mich? besiegelt gleich zu Beginn das unvermeidliche Ende der Liebenden.

Die Geschwister werden in ihre schuldhaften Unschuld einer Welt aus Rachegelüsten, Gewalt und animalischer Begierde gegenübergestellt. Vor allem die drei Verehrer, die um die Gunst Annabellas werben, sind intrigante, boshafte Typen: der brutale und herrschsüchtige Soranzo (Günter Schoßböck), der hilflose und einfältige Grimaldi (Jörg Dathe) und der schrille, überdrehte Bergetto (Stefan Kaminski). Und da gibt es noch die ehemalige Geliebte Soranzos Hippolita (hervorragend gespielt von Susanne Stein), die in ihrer Ehre gekränkt nach Rache sinnt. Und ihren tot geglaubten Mann (Marco Albrecht), der als Doktor verkleidet wieder auftaucht, um ?zu sehen, wie andere meine Schande spielen.? Erst langsam erkennt man das verworrene Verhältnis der einzelnen Figuren zueinander, erst nach und nach löst sich das Geflecht der Intrigen auf.

Schon an der Farbensymbolik der Kostüme erkennt man den Kontrast zwischen Gut und Böse: Giovanni und Annabella treten meist in unschuldigen hellen Gewändern auf, während der Rest stets schwarz gekleidet ist. Auch der Nacktheit kommt eine tieferliegende Bedeutung zu; beide Protagonisten, besonders Annabella stehen oft nackt auf der Bühne: mitunter wirken sie dabei wie hilflose Kinder. Andererseits wird deutlich, dass Annabella für alle Männer, auch für ihren Bruder, ein Lustobjekt ist; sie ist es schließlich auch, die von Beginn an dazu verdammt ist, nicht zu handeln, sondern nur auf ihr Schicksal, auf ihren Tod zu warten.

Als Annabella von Giovanni schwanger wird, gewinnt die Handlung an Schnelligkeit; die Ereignisse führen jetzt den Untergang aller Beteiligten herbei ? ein Mord folgt dem nächsten (zuerst stirbt Hippolita, die eigentlich Soranzo töten wollte, dann Bergetto, irrtümlicherweise von Grimaldi erschossen und anschleißend Grimaldi selbst). Annabella wird gegen ihren Willen von ihrem Vater (Frank Apitz) mit Soranzo verheiratet. Als dieser allerdings die Schwangerschaft bemerkt (?Du Hure der Huren?) und wenig später herausbekommt, dass Giovanni, ihr Bruder, der Vater ist, eskaliert die Situation. ?Rache ist aller Ehrgeiz, der mir bleibt? verkündet der verbitterte Soranzo.

Eine besondere Rolle kommt dabei Vasques (hervorragend in Szene gesetzt von Christoph Hohmann), dem treuen Diener von Soranzo, zu. Schon in der Mitte des ersten Teils, als Hippolita ihn für ihre Rache an Soranzo instrumentalisieren möchte, weiß er: ?Ich werde eine besondere Rolle spielen darin.? Er ist der einzige, der bis zum Schluss mit kühlem Kopf handelt; er bereitet die Rache Soranzos an Giovanni vor, in dem er diesen in eine Falle lockt. Vasques ist es auch, der kritisch die verkommene Moral in Italien zu dieser Zeit in einem einzigen Satz deutlich charakterisiert: ?Eine dicke Frau heiraten, vorher angedickt, das sei doch gang und gäbe in diesem Land.?

Es kommt, wie es kommen musste ? ein blutiges Ende: Giovanni tötet im Wahn seine Schwester und reißt ihr das Herz heraus. Wenig später wird er selbst von Vasques ermordet. Leider wird hier die bis dahin konsequent durchgehaltene tragische Stimmung aufgegeben: Der Schluss wirkt grotesk und albern.

Der Regisseur Markus Dietz inszenierte mit ?Schade, dass sie eine Hure war? bereits sein viertes Stück im Schauspielhaus Leipzig. In der sehr kurzen Probenzeit ist es Dietz hervorragend gelungen, aus dem Stück mit seinen vielen, anfangs schwer durchschaubaren Nebenhandlungen und Verstrickungen ein Ganzes zu machen. Augenfällig ist seine eindringliche Art, für die noch jungen Schauspielern Kraushaar und Becker ein eigenes Profil zu entwickeln. Er fordert sehr beindruckend ihr Talent heraus.

Sehr einfallsreich gestaltet sich die Bühnenkonzeption von Franz Lehr: Eine schräge Drehbühne und mehrere Vorhänge ermöglichen es, die häufigen Orts- und Szenenwechsel im Stück in unterschiedliche Räume zu setzen oder parallel ablaufen zu lassen. Ein tragendes Element ist der wechselnde Einsatz des Lichts, der den Handelnden in den einzelnen Szenen eine stärkere Ausdruckskraft verleiht. Treten die beiden Liebenden auf, meist sieht man sie allein auf der Bühne, wird das Licht gedämpft, ist es düster, wie ihre Zukunft.

Die Aufführung ist ohne Übertreibung eine sehr sensualistische: der tragische Ausgang wird nicht nur durch die Handlung auf der Bühne hervorgerufen. Besonders das wechselnde, mal dumpfe, mal feierliche Licht und die Musik ? ?In darkness let me dwell? wird immer wieder von schmerztragenden, apokalyptischen Björk-Rhythmen übertönt ? weisen geradezu prophetisch auf das tödliche Ende hin. Ein Ende, auf das jeder gewartet hat.

(René Granzow)

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