Franca Hähle | Drucken27.11.2011 

Zwischen Kapitalismus und Fordismus

Scharpff & Team zeigen mit „Ameisen Report“ im Lofft verschiedene Formen von Arbeit auf

Fotos: Inna Wöllert

Arbeit – für den einen sinnstiftendes Element, für den anderen Existenzsicherung. Quer durch alle Lohnschichten zeigen Scharpff & Team im Lofft den Ist-Zustand des deutschen Arbeitsmarkts. Ein Manager, eine Friseuse, eine Creative Director, eine als Pflegekraft arbeitende Soziologin und ein Experte der Arbeit in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme probieren innerhalb eines Laboratoriums verschiedene Modelle von Arbeitsentlohung aus.

Fünf Figuren – fünf verschiedene Lebensmodelle. Während der Experte der Arbeit mit Wischeimer und Schrubber gelassen die Bühne putzt und die Friseuse auf dem Frisierstuhl auf ihre Kunden wartet, arbeiten sich die anderen drei an verschiebbaren Glaswänden und Teppichen ab. Die Glaswände dienen zwar mitunter als interaktives Whiteboard, werden aber sonst recht wenig für das Spiel genutzt. Schade, wo auch sonst das Spiel bis auf einige Intermezzos sehr sprachbasiert und statisch bleibt. Eine Spielart, die dem Konzept und Gegenstand jedoch gerecht wird und eine sehr fundierte Gesellschaftskizze ermöglicht. In einem unterhaltsamen Vortrag werden die zwei Arbeitsmodelle Kapitalismus und bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt und durchgespielt.

Gerahmt wird das Ganze durch ein aus Monopoly bekanntes spielerisches Element – die Ereignis- und Gemeinschaftskarten. Sechszehn an der Zahl strukturierten das Spielgeschehen in dessen Mitte die Wendung vom Kapitalismus zum bedingungslosen Grundeinkommen stand. Und bieten durch den rhythmisch wiederkehrenden Lagebericht, die Möglichkeit der Standortverortung.

Durch Ereigniskarten wie „Der Rentenversicherungsbeitrag verdoppelt sich“ oder „Katastrophe: Ein Liter Wasser kostet 10 €“ muss Spieler um Spieler die Szenerie verlassen. Bevor es jedoch zum absoluten Kollaps des kapitalistischen Systems kommt, wird das Laboratorium gestoppt und lädt zum Spiel nach den Regeln des unbedingten Grundeinkommens ein.

Allen geht es erstaunlich gut, nur dem Manager wird die Hälfte seines jährlichen Einkommens von 300.000 € gestrichen, um die Absicherung der anderen zu gewähren – was dem Publikum durchaus ein hämisches Lächeln entlockte. Letztendlich scheiterte auch dieses Modell. Denn als der Gesellschaft ehrenamtliches Engagement verordnet wurde, steigt der Manager dann doch aus.

Scharpff & Team verhandeln ein dichtes und komplexes Feld von gesellschaftlicher Relevanz, was durch ekstatisch sich rekelnde und exaltierte sprechende Ameisen mit Flaschenputzer-Fühlern durchbrochen wird. Diese beteten sämtliche Wirtschaftsmodelle und -alternativen der Nachkriegszeit daher. Auf eine Art und Weise mit Informationen und wissenschaftlichen Sprachduktus gedrängt, ist dies für den soziologischen Liebhaber sicher ein Genuss, manch anderem Zuschauer erschwert es aber sicher den Zugang.

Ameisen Report ist eine gut recherchierte, mit den Stichwörtern der kapitalistischen Netzwerkgesellschaft gespickte Performance, die Missstände vor Augen führt, den Wert von Arbeit ins Zentrum setzt und über eine Oberflächenbetrachtung hinausgeht. Ein Stück, wo sich der Besuch des Publikumsgesprächs am 1. Dezember sicherlich lohnt.

Ameisen Report

R: Heike Scharpff

Mit: Dela Gakpo, Nicole Horny, Philipp Sebastian und zwei Experten der Arbeit: Ulrich B. + Julia Wagner

Gastspiel-Premiere: 24. November 2011, Lofft

Weitere Vorstellungen: 1. bis 4. Dezember, 20 Uhr


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