Franziska Hilde Frank | Drucken26.11.2010 

Schneewittchen lebt!

Schneewittchen lernt, sich selber zu vertrauen - und der Zuschauer lernt’s gleich mit. Im Theater der Jungen Welt feierte das Weihnachtsmärchen Nummer eins Premiere

Schneewitchen modern: Schönheit ist nicht alles (Fotos: Frank Schletter)

Ein riesiger golden gerahmter Spiegel prangt über grünem Flor. Geschickte Lichteffekte lassen zeitweise durch ihn hindurch sehen und seine einnehmende Stimme sichtbar werden (Martina Krompholz). Schon bald stürmt Elisabeth Fues als egozentrische, selbstsüchtige, dem Schein mehr Bedeutung beimessende, böse Königin auf die Bühne und richtet sich vor ihm aus. Es folgt, was jedes Kind kennt: das Frage-Antwort-Spiel nach der Schönsten im Land – für die Königin das Wichtigste vom Allerwichtigen. Ihr opulentes schwarz-rotes Korsagenkleid mit Reifrock unterstreicht diesen Charakter vorzüglich. Man hat selbst ein bisschen Angst vor dieser Elisabeth Fues. Angst und gleichzeitig Mitleid sind es, sieht doch jeder ihre Kälte und Oberflächlichkeit. Arme Königin. Die Kinder im Saal hat die Königin definitiv nicht auf ihrer Seite.

Wer jetzt denkt, das sei doch immer dasselbe, der irrt. Irmgard Paulis inszeniert den Klassiker der Brüder Grimm nämlich in einer sehr modernen Fassung nach Katrin Lange. Schneewittchen wurde zu einer Komödie mit überraschend emanzipiertem Ende und einer offensichtlichen Botschaft (oder sollte man sagen Message): Vertraue dir selbst und mach die Augen auf. Habe Mut, dich deines … Sie kennen das.

Im Laufe des Stückes emanzipiert sich Anke Stoppas unschuldiges Schneewittchen in glaubhaften Schritten vom unselbstständigen, lenkbaren Püppchen, das nicht weiß, was es machen soll, wenn es ihr keiner sagt, zur selbstbewussten Frau. Sie sucht sich eigenständig sieben kleine Freunde, gewinnt bald den belederhosten Jäger (Moritz Gabriel) für sich und trickst schließlich sogar die dumme Trulla von Königin aus, damit die sie endlich in Ruhe lässt. Mit Hilfe der Zwerge und sich selbst findet Schneewittchen den Weg in ihr neues Leben.

Die Zwerge als Helfer und Freunde müssen definitiv gesondert erwähnt werden: Sie sind der Ober-, Zwischen-, Neben-, Mittel-, Nach-, Hinter- und Unter-Zwerg und leben in den Tiefen des grünen Flors. Sobald sich die Wand mit dem Spiegel zurückgeklappt hat, öffnen sich Luken im Boden und die Zwerge kriechen aus ihren Löchern, stellen ihre kurzen Beinchen auf die Kanten und fangen an, durcheinander zu reden – allerdings immer schön demokratisch, denn dies ist ein modernes Märchen. Die multifunktionale Bühne von Martin Käser und die liebevollen Kostüme begeistern: die Bühne ist Gemach der Königin, bald Wald mit Bäumen, bald Wohnstatt der Zwerge mit Schüsselchen und Becherchen.

Wer gespannt auf das neue Ende ist, dem sei ein Hinweis gegeben: Äpfel haben zwei Seiten und nicht der Prinz ist der Retter, sondern der eigene Verstand, denn dies ist ein modernes Märchen. Die Königin guckt in die Röhre. Schönheit ist nicht alles.

Ein sehr stimmiges und kurzweiliges Weihnachtsmärchen geschrieben im Auftrag des Theaters der Jungen Welt. Gehen Sie rein. Auch wenn Sie 45 sind!

Schneewittchen lebt!

nach Grimm von Katrin Lange

Regie: Irmgard Paulis

Mit: Elisabeth Fues, Moritz Gabriel, Laura Junghanns / Mike Ender, Martina Krompholz, Matthias Kuhn, Chris Lopatta, Reinhart Reimann, Anke Stoppa, Detlef Vitzthum

Premiere: 21. November 2010, Theater der Jungen Welt


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