Tobias Prüwer | Drucken12.10.2011 

Urlaub vom Ich

In der Leipziger Skala ruft Regie-Punk Schorsch Kamerun „Das Ende der Selbstverwirklichung“ aus

Fotos: R.Arnold/Centraltheater

Das Ich ist kein Gegenstand
Ludwig Wittgenstein

„Ein Selbstüberbietungsparcours als begehbare Konzertinstallation“, kündigt das Programm an. Und tatsächlich präsentiert sich die Uraufführung von „Das Ende der Selbstverwirklichung“ als Gang durchs Skala-Gebäude. Wie in einer Tropenhalle führen abgesteckte Wege durchs ganze Theaterhaus. In einer Art Duschkabine ziehen ein paar Menschen Topfpflanzen, andere proben im Sitztanz die Entschleunigung. Imker in orangefarbenen Anzügen umsorgen Fleißbienchen und auf dem Hof tratschen männliche Waschweiber. Während sich der Zuschauer durch diesen Hindernislauf bewegt, wird er über mobile Kopfhörer mit musikalischem Agitprop berieselt. Persönlichkeitsentfaltung sieht wahrlich anders aus.

„Lebe dein Leben, mach dein Ding“: Für viele ist der Ruf nach Selbstverwirklichung zum Zeitgeist-Motto geworden. Jeder verfolgt ein kreatives Projekt, will sein Selbst in den Beruf einbringen. Doch das ist Illusion, säuselt Schorsch Kamerun zu Klavier und Klarinette über die Kopfhörer dem Publikum entgegen. Seit Jahrzehnten der Gegenkultur verpflichtet, erst als Sänger der Hamburger Punkband Die Goldenen Zitronen – „Für immer Punk“, „Alles was ich will (nur die Regierung stürzen)“ –, bringt er Kulturkritik später als Theaterautor und -regisseur auf die Bühnen. Und nun macht Kamerun in Leipzig Station, um den Menschen mitzuteilen, dass der Drang nach Selbstverwirklichung nichts anderes ist als Selbstausbeutung – und ihn nervt. „Jeder Mensch ist ein Künstler. Das klingt heute wie eine Drohung. Nein, ich will deine Youtube-Filme nicht sehen.“

Um seinen Abschied plastisch zu gestalten, setzt Kamerun auf fast 60 Freiwillige. Sie stellen das aktive Personal seiner sozialen Plastik und stammen – von ein paar Schauspielstudierenden abgesehen – offenkundig selbst aus jenen kreativen Zusammenhängen, wo man das Hobby einmal zum Beruf machen will. Alle hatten sichtlich Spaß beim Herumbasteln an der Installation. Viele kleine Einfälle amüsieren. Dem großen Ganzen fehlt es aber an Pep und Tragfähigkeit. Nach einer halben Stunde hat der Zuschauer alles gesehen und wartet auf das Ende. Dieses fällt als Versöhnung am Kantinentisch aus: Mit einem gemeinsamen Mahl verabschieden die Darsteller das Publikum. Hübsch anzuschauen, aber nicht vor Originalität überbordend, führt Eulenspiegel Schorsch Kamerun so den Witz der vermeintlichen Selbstverwirklichung vor: „Und ich, ich mach das hier sicher nicht / um irgendwie ‚anti’ auf die Anderen zu wirken / ich habe das alles nur für dich getan / und du willst ausgerechnet jetzt in den Urlaub fahren“.

Das Ende der Selbstverwirklichung

R: Schorsch Kamerun

D: Henrik Baumgarten, Philip Frischkorn, Schorsch Kamerun, Evgeny Ring, Artem Sargsyan, Sebastian Wehle und zahlreichen weiteren Mitwirkenden

7.-16. Oktober, Skala


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