Alexandra Hennig | Drucken07.07.2011 

Vor lauter Glück

Schlagerschnulzen, Sprechgesang und Bewegungskunst. Die shot AG zeigt „Schwarzer Vogel roter Himmel“ im Lofft

Foto: Annika Thalheim

Zwei Menschen, die sich begegnen, einander nah sind, miteinander auskommen müssen und in Verhandlung treten für so etwas, was wir Liebe nennen. Darüber zu reden, werden wir wohl niemals müde werden. Daraus Filme zu drehen, Bücher zu schreiben, damit zu spielen. Das Theaterkollektiv shot AG aus Dresden hat mit diesem Material eine Inszenierung gefüllt, die sich bewegt und Gehör verschafft. In einer Mischung aus Tanz- und Sprechtheater wird eine Choreografie auf die Bühne gebracht, die - auf kleinstem Raum getanzt - gleichsam sich im Zwiegespräch mit der Liebe befindet. Und, weil es sich hier um Dinge handelt, mit denen wir beinahe alle etwas anfangen können, geschieht das mit Hilfe alt bekannter und bewährter Schlagerschnulzen.

Zunächst hat es schon einiges für sich, sie so zu sehen, eine Frau und einen Mann, vereint auf ungefähr einem Quadratmeter. Der Mikrokosmos ihrer Beziehung erstreckt sich ziemlich genau auf der Fläche eines weißen Couchtisches: die obere und untere Tischplatte - zwei Ebenen, die ihnen übrig bleiben, innerhalb derer sie sich bewegen können. Vor ihnen auf dem Boden eine Hand voll Müll, ausgebreitet liegen sie da: die Bierflaschen, Dosen, leere Milchtüten und Papierreste. Von Anfang an sind sie dabei, die Spuren einer gemeinsamen Lebendigkeit, denn wir sehen: „Pärchen auf vergilbten Fotos der Phantasie.“ Übrig geblieben sind die Reste: Fast wie Muscheln, die angespült vom Meer am Strand liegen, würden sie weniger traurig aussehen.

„Marmor, Stein und Eisen bricht“

Nur: wer spricht? Schnell wird klar: sie beide sprechen nicht die gleiche Sprache. Aber - wie auch: Denn er spricht, während sie sich (nur?) mit ihrem Körper artikulieren kann.

Allen Liebesgeschichten folgt nach einem knisternden Anfang irgendwann die Anstrengung und während Darsteller Wolfang Boss einen Monolog über die Leidenschaft hält, hat sich ihm das Glück sogleich als Schluckauf auf den Hals gehetzt. Sie beide sitzen dort an ihrem Platz, von dem aus es nirgends sonst hinführt. Sie hat tanzend ihm den Rücken zugewandt. Präzise, schnelle Bewegungen der Choreografie von Nora Schott, die gekonnt zu einem Miteinander werden, immer dann, wenn er ihre Hüfte umfasst und nebenbei seine Worte fast schon zu Musik werden: „Dein Vertrauen zu spüren, dich zu berühren… das ist G.L.Ü.C.K.“ Und immer wieder hüpft dieses Wort aus ihm heraus, als hätte er sich daran verschluckt. „Glück.“ „Glück“…

Es ist: „Glück.“

Sogleich nimmt sie ihn und danach er sie auf die Schulter. Was hier entsteht, ist etwas Gemeinsames, ein Zusammenspiel, bei dem immer neu verhandelt und entschieden wird, wer hier gerade wen führt. Weiter geht es mit den Liedtexten, die virtuos gesprochen und verfremdet werden, seine Stimme, der eine Körperlichkeit verliehen wird und ihre Bewegungen, die komplex aufeinander abgestimmt sind.

Doch: Was genau passiert zwischen den beiden? Inmitten der Lieder, deren gesprochene Texte von Schmerz, Verzweiflung, Sehnsucht über Glück reichen, läuft die Entwicklung ihrer Beziehung doch recht schleppend. Die Ebenen, die hier verhandelt werden, kommen beinahe zum Erstarren in der immer gleichen Dramaturgie von gesprochenen Worten und Bewegungen.

Zwar sieht es mal danach aus, als tanzten sie zusammen, um sich dann wieder zu verlieren. Auf Momente der Nähe folgen subtile Konflikte: die Unmöglichkeit einer gemeinsamen Sprache, wenn sie anschließend trotzdem außer sich stehen. Die Sehnsucht, beieinander zu sein, die Enge dieses Raumes und ihre Sprachen: doch so fern! Pathetische Gesten sind willkommen in dieser Liebeserklärung. Und doch passiert an diesem Abend erstaunlich wenig.

„Please, please: Am I your man?“

Ein Moment des Aufrüttelns, wenn sie auf seinen Rücken klopft, so dass er zu stottern anfängt, sie auf die Schulter nimmt und aus Gestammel plötzlich Rattern wird. Kurzerhand wird ihr Körper in dieser sehr gelungenen Szene zum Maschinengewehr erkoren, wie sie so starr da liegt und er sie mit einem Arm balanciert. Und er wird nicht müde in seinem Sprechgesang. Denn es verhält sich so: Er ist der Mann, sie die Waffe und er singt: “Das bisschen Haushalt macht sich von allein, das bisschen Haushalt kann so schwer nicht sein... Rrrrrrrrratarataratarat! “

Nach diesem Höhenflug und ein paar Liedern weiter: „Schwarzer Vogel, roter Himmel, Stimmen im Wind, sei nicht traurig, Suzanne, es fängt alles erst an“, begegnen sie sich beide doch auf einer Ebene: Sie haben ihre Beine unter die erste Tischplatte geklemmt und sitzen sich nun gegenüber wie bei einem Verhör.

Sie schauen geradeheraus, schauen sich an und ein Lichtkegel ist genau auf ihre Köpfe geworfen. Ein großer Moment dieses Abends wird vorbereitet: Ohne, dass es jemand bemerkt hätte, hat sie ihm neben dem Gequatsche mir nix dir nix die Hose ausgezogen. Oha! An diesem Abend haben sich neben der ganzen Liebesmisere auch Momenten des Witzes und der Leichtigkeit eingeschlichen. Zum Glück, denn das ist in der Tat das besondere Verdienst dieser Arbeit, auch wenn sie im weiteren Verlauf mit Längen zu kämpfen hat. Neben einer Intensität, die nicht (mehr) in allen Szenen spürbar wird, kommt der Stoff eben doch irgendwann zum Stillstand, wenn die Rolle der Frau in diesem Miteinander irgendwie doch wieder zum altbacken-Schlagerbild zurückkehrt. Neben der Tatsache, dass sie schlicht stumm bleiben wird, läuft es wie fast immer in tragischen Liebesdingen doch darauf hinaus, dass sich eine nicht verstanden fühlen muss. Kein Wunder, wo sie zum dritten Mal ansetzt, ihrem Gegenüber einen Zettel zu schreiben, diesen immer wieder weg wirft um dessen Inhalt schließlich unverständlich flüsternd in den Raum zu stellen. Auch, wenn sie behaglich die Bierflaschen wegstellt, die er aus seiner Jacke hervorholt, waren die Anfangsbilder dieses Abend doch spannender gewesen. Worauf zudem Verlass ist: bis zum Schluss wird er es durchziehen, sein unermüdliches Sprechen-Können, was zwar sehr gut dargeboten ist, sich aber auch irgendwann erschöpft hat.

„Du hast mich an mich erinnert. Du hast mich an mich an mich…du dich…an mich erinnert -flieg mit mir zu den Sternen - Sing mit mir, ein kleines Lied…Ein bisschen Frieden“ . UNDSOWEITER.

Letztlich sind sie doch eben ein Paar mit seinen Rollen, deren Schwierigkeiten so manches Mal und auf Dauer ermüdend wirken. Im Theater wie im echten Leben. Ein Abend voller Liebeslieder kann eben auch anstrengend sein. Es ist und bleibt eben nicht so leicht mit dem Glück. Mit allem, was nicht dazu gehört.

Schwarzer Vogel, roter Himmel

shot AG

Mit: Nora Schott, Wolfgang Boss

Lofft, Premiere: 23. Juni 2011


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