| Drucken29.11.2007 

Schwerpunkt Geschlechterdifferenz: Wolfang Engel inszeniert „Der Kaufmann von Venedig” (Michael Wehren)

William Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig
Schauspiel Leipzig
Regie: Wolfgang Engel
Mit: Thomas Huber, Till Wonka, Andreas Keller , Aleksandar Radenkovic, Oliver Chomik, Matthias Hummitzsch, Heidi Ecks u.a.
Premiere: 22. September 2007


Wolfang Engel inszeniert Der Kaufmann von Venedig

"Wir sind alle Opfer!?? Warum wir den Kaufmann von Venedig nicht sehen wollen". Das steht auf dem Blatt Papier, welches man mir vor dem Schauspiel Leipzig freundlich in die Hand drückt. Das Bündnis gegen Antisemitismus Leipzig zeichnet dafür verantwortlich und es bezieht sich auf Wolfgang Engels Inszenierung des Shakespeare-Klassikers Der Kaufmann von Venedig.

Natürlich können unsere LeserInnen bezüglich dieses Stückes alles ergoogeln oder auf Wikipedia nachschauen. Dennoch seien hier kurz Inhalt sowie Problem referiert: Der junge Dandy Y leiht sich bei dem Juden X den Betrag Z. Kaufmann A haftet dafür. Und zwar mit seinem Körper K. Mit Hilfe des Betrags wirbt Y bei der Dame H um Gunst und Heirat O. Y gewinnt zwar H, woraus O folgt, jedoch gehen die Geschäfte des A zunächst dermaßen fehl, dass X ihm an die Wäsche gehen kann, was bedeutet: Er will sich ein Stück Fleisch aus diesem herausschneiden. Durch die Intervention von H geht schließlich doch alles "gut" aus, K bleibt unversehrt, X wird gedemütigt, assimiliert und ausgelacht. Der Kaufmann von Venedig war bei deutschen AntisemitInnen sehr beliebt und tatsächlich stellt der Text eineN jedeN LeserIn vor unverkennbare Probleme: handelt das Stück doch durchaus zwiespältig von Geschlechterdifferenzen, Kulturdifferenzen, Religionsdifferenzen und scheut auch vor Stereotypen nicht zurück.

Wolfgang Engel hat nun letztlich Folgendes getan: Er hat den "Schwerpunkt" des Stückes von der Religionsdifferenz zur Geschlechterdifferenz verlegt. Die Gruppe junger Kerle erscheint als homoerotischer Männerbund, in dessen Zentrum der melancholische Kaufmann steht. Frauen kommen, wenn überhaupt, als Beute und Geldbörse vor. Und so liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Dragking-Performance von Heidi Ecks, welche schließlich das Blatt zu Gunsten des Kaufmanns wendet. Der verkleidete Körper bringt hier das Gesetz in der Geste der Buchstabentreue aus den Fugen. Die Interpretation Engels ist durchaus behutsam, selten, eigentlich nie, ostentativ-expressiv. So changiert die Inszenierung zwischen Lustspiel, Regietheater, Aufmerksamkeit und Unverbindlichkeit. Seltsam kurzweilig erscheint der Abend im Rückblick, aber das Publikum amüsiert sich durchaus immer mal wieder...

Dem Rezensenten ist freilich eine Nebenhandlung im Gedächtnis geblieben: Carolin Conrad spielt Jessica, die Tochter des jüdischen Kaufmanns. Von ihrem Geliebten dem väterlichen Haus entwendet, zur Christin gemacht und assimiliert, trägt ihr Blick, ihr Auftreten, tatsächlich so etwas wie Leipziger Inszenierungsgeschichte mit sich, denn da ist plötzlich nicht nur die Tochter des Agamemnon, sondern auch jene Medea, deren verzweifelte Anpassungsversuche der griechischen Welt der Schönen und Reichen galten, anwesend. Hier begreift man kurz, was es heißen könnte, dass das Theater und nicht das Programmheft sich mit Geschichte auseinander setzt.

(Michael Wehren)

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