Benjamin Brückner | Drucken | Kommentare (3)02.03.2011 

Kuchenschlacht!

Im Irrenhaus sieht’s irre aus. Sebastian Hartmann inszeniert am Centraltheater „Pension Schöller“

Matthias Hummitzsch und Peter René Lüdicke (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Ein mehrstündiges Lustspiel ist eine heikle Sache. Dazu noch eine Urberliner Kulisse im Leipziger Centraltheater. Pension Schöller – ein gesellschaftsskizzierendes Stück, das bereits im 19. Jahrhundert gespielt und in die heutige Gegenwart übertragen wird. Dabei ist eine Drehbühne, auf der ein idyllisches Café mit Terrasse installiert ist, Beginn eines Spuks in drei Akten. Der dort gern als Gast verkehrende vermögende Gutsherr Philipp Klapproth wird eines Tages von seinem dümmlich-neurotischen Neffen Alfred angepumpt. Dieser benötigt Geld für ein geschäftliches Vorhaben.

Klapproth gesteht den Kredit zu, allerdings ist nicht etwa eine enge Familienbande der Grund seiner Entscheidung. Vielmehr hat der reiche Onkel eine dekadent-perfide Absicht im Hinterkopf. Er bittet Alfred, ihn in eine Anstalt für Geisteskranke zu lotsten. Einmal echte Irre sehen, das ist Klapproths sehnlicher Wunsch. Schon dreht sich die Bühne und gemeinsam mit seinem Malerfreund Kißling führt Alfred dem voyeuristischen Onkel in die nahegelegene, mit Pflanzen und gemütlichen Sofas ausstaffierte Pension Schöller, ein Gästehaus mit exzentrischen, an sich aber völlig gesunden Bewohnern. Die damit verbundenen Missverständnisse führen zu abstrus-komischen Situationen. Klapproth amüsiert sich prächtig und baut Luftschlösser mit den vermeintlichen Insassen wie der aufstrebenden Schriftstellerin Josephine Krüger, dem Möchtegern-Schauspieler Eugen Rümpel und dem Befehlssprache liebenden Major Gröber, die im Laufe der Geschichte noch bitterlich einstürzen sollen. Denn die Gäste der „Pension Schöller“ besuchen Klapproth nach einiger Zeit in seinem Heim und fordern von ihm, seine einstigen Versprechen einzulösen. Schlussendlich erliegt er dem Wahnsinn seiner eigenen eingebildeten Überlegenheit in Konfrontation mit den vermeintlich Verrückten aus der Vergangenheit.

Die tragikomischen Lacher bleiben nicht aus – insbesondere markante Eigenheiten wie Rümpels Unfähigkeit, ein „l“ zu sprechen und es zwanghaft durch „n“ zu tauschen, was seinen Karrierewunsch als Schauspieler natürlich erschwert, führen zu Gelächter. Doch auch die Anspielungen auf bevorstehendes Unheil, etwa die in vielen Szenen auftauchende Axt, das ohne Klapproths Zutun vor ihm spielende Klavier und die effektreich explodierenden, Geld in die Wohnung schleudernden Türen bleiben nicht aus. Peter René Lüdicke gibt alles, um Klapproths Irrsinn überzeugend und zugleich mit einer perfiden Komik darzustellen. Er schreit den Namen seiner Frau, obwohl diese neben ihm steht, er fällt ihr als Nervenbündel weinend in die Arme, stürzt sich auf den Boden und entwickelt eine recht ungesunde Paranoia. Beeindruckend auch die Darstellung des Alfred durch Maximilian Brauer. Eine steife Körperhaltung, zuckend entgleitende Gesichtspartien und überzeugend gestammelter Nonsens verschmelzen zu einem sehr guten Spiel.

Unerträglich ist allerdings der Endabschnitt des Stückes – nach der noch amüsanten Kuchenschlacht der Darsteller auf der Bühne zetert Linda Pöppel einen dermaßen überflüssigen, gewollt sozialkritischen Monolog auf die Zuschauer herab, dass man sich gezwungen fühlt, zu gehen. Es sind nicht die Themen wie Falschernährung in ihrer Rede, die einen nach über drei Stunden aufmerksamen Zuschauens die Beine in die Hand nehmen lassen. Das Geschrei hat etwas Pseudoprovokatives, so wie wenn ein pubertierender Anarchie-Anhänger naserümpfend die lupenreine politische Wahrheit vermitteln will. Keine Subtilität, sondern brachiales Nervtöten über 20 Minuten, was für dieses Stück nicht notwendig gewesen wäre. Dies zeigte vor allem auch der Versuch des Publikums, das nicht enden wollende Gerede nieder zu klatschen. Selbst wenn diese Reaktion regiegewollt gewesen sein mochte – sie war ein deutliches Zeichen von „Es-ist-zu viel-der-Belehrung“. Wer den Abschnitt ertragen kann und sich auf die Länge einstellt, für den ist das Stück dennoch empfehlenswert.

Pension Schöller

Schwank von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby

Regie: Sebastian Hartmann

Mit: Maximilian Brauer, Edgar Eckert, Sarah Franke, Eva-Maria Hofmann, Matthias Hummitzsch, Andrej Kaminsky, Janine Kreß, Ingolf Müller-Beck, Hagen Oechel, Linda Pöppel, Peter René Lüdicke, Holger Stockhaus, Barbara Trommer, Birgit Unterweger

Premiere: 10. Februar 2011, Centraltheater

Weitere Vorstellungen: 06.03., 12.03., 20.03., 30.03. ... 04.06.


Kommentare lesen und hinzufügen (3)

Peter schrieb am 31.03.2011 um 00:02 Uhr:

"Keine Subtilität, sondern brachiales Nervtöten über 20 Minuten, was für dieses Stück nicht notwendig gewesen wäre."

Wenn sie diesen Teil des Stückes als einziges nervtötendes Element bezeichnen, attestiere ich Ihnen eine ausgezeichnete Nervenfestigkeit. Mir persönlich fehlt in diesem von Ihnen verfassten Artikel allerhand. Angefangen bei textlichen Porno-Plattitüden wie "Ich komme nachher.", die sich fast komplett auf die erste Hälfte des Stückes. Aneinandergereihte Banalitäten, über die sich der verantwortliche Regisseur wohl scheckig gelacht haben muss. Weiter geht es mit einer Parade von Schauspielern, die immer wieder verpflichtet wurden, sich wie Hampelmänner in maßlos überzogenen Gesten über die Bühne zu bewegen und allesamt einen derart debilen Redefluss an den Tag legen, dass man zu keinem wirkliche Sympathie entwickeln kann. Es ist schade drum, bietet die textliche Vorlage doch einige sehr interessante Charaktere. Diese werden tatsächlich stellenweise nur angespielt, der Major beispielsweise. Für die dort inszenierte Rolle des Majors ist es kaum erheblich, dass dieser tatsächlich beim Militär war, zu sehr wird hauptsächlich auf seine scheinbare sexuelle Fixierung angespielt. Einzig herausragend ist die Rolle des Schauspielers Eugen, dessen langer Monolog in der zweiten Hälfte eine interessante Angelegenheit war, bei der man gerne zugesehen hat. Ich könnte viele weitere Punkte nennen, die mir an diesem Stück ge- bzw. missfallen haben, leider fehlt mir an dieser Stelle Zeit und Lust. Vielleicht ein anderes Mal.

Eines nur: Wer hofft, einen vergnüglichen Abend in diesem eigentlich ja als "Schwank" gedachten Werk zu verbringen, sollte sich dies zwei Mal überlegen. Für kurzweilige Unterhaltung ist leider selten gesorgt, oft auf zu niedrigem Niveau. Und wem der Humor in der ersten Hälfte absolut zusagt, wird vom kompletten Twist in der zweiten wohl überfordert sein.

Tobias Prüwer schrieb am 01.04.2011 um 19:08 Uhr:

Um einen Kontrapunkt zu setzen: Ich empfand de Inszenierung als recht gelungenen Kommentar der Leipziger Kulturpolitik. Man wehrt sich mit den Mitteln, die man hat. Und dass der Schwank "Pension Schöller" deshalb nicht als routiniert-reibungsloses Unterhaltungsmittel inszeniert wird war für mich also völlig ok. Dass aber eine solche Intervention nicht zu ungunsten der Unterhaltung verlaufen muss, ist die eigentliche Überraschung. Und dass die erste Hälfte viel eher die Zumutung war - aber nach Geschmack des amüsierlustigen Publikums gestaltet (ich sage nur "Arsen und Spitzenhäubchen"), fand ich auch keinen schlechten Dreh. Fall es jemanden interessiert, hier kann man meine dezidierte Kritik lesen:

http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5243%3Apension-schoeller-sebastian-hartmann-inszeniert-die-verwechslungskomoedie-mit-kleinem-gruss-richtung-kulturpolitik&catid=290&Itemid=40

Beste Grüße, tobias prüwer

Anja schrieb am 11.04.2011 um 20:06 Uhr:

Ich habe am Wochenende nun auch endlich die "Pension Schöller" gesehen - und ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Obwohl mich die an manchen Stellen fragwürdig flache Komik etwas gestört (und das pseudo-intellektuelle Gekicher in der Sitzkategorie 1 ausgerechnet bei eher subtil bzw. ironisch anmutenden Passagen genervt) hat, empfand ich die Aufführung als sehr gelungen. Der Zaunpfahl in Richtung Kulturpolitik, Robbie Williams-Entertainment, Tortenschlacht-Finale und für mich hervorstechend und hoffentlich noch oft durch Herrn Hartmann bemüht: Holger Stockhaus und Peter René Lüdicke. Schließe mich an, fand den Abend sehr gelungen.

 
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