Torben Ibs | Drucken | Kommentare (17)15.09.2011 

Provinz siegt über Kunst

Intendant Sebastian Hartmann wird seinen Vertrag nicht verlängern. Er verlässt 2013 das Centraltheater. Ein Trauerspiel – kommentiert Torben Ibs

Sebastian Hartmann (R.Arnold/Centraltheater)

In Leipzig siegt das provinzielle Denken über die Kunst. Der ständigen Quengeleien um Skala, Konzepte, Zahlen und überhaupt Vorstellungen von Theater müde, schmeißt Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann das Handtuch. Er verlässt zum Ende der Vertragslaufzeit 2013 das Haus. Da mögen jetzt bei einigen linken und konservativen (in Leipzig geht ja sogar beides zusammen) die Sektkorken knallen, für das kulturelle Image der Stadt ist dies ein erneuter Schlag.

Sicher, nicht alles, was Intendant Hartmann und seine Kolleginnen und Kollegen in Centraltheater, Spinnwerk und Skala angefasst haben, wurde zu purem Gold. Aber was Hartmann geschafft hat, ist ein wenig frischen Wind ins Leipziger Kulturleben zu bringen. Doch in Leipzig gilt, wer Wind säht, wird Sturm ernten, und der tobte bald. Da es aber unfein ist, gegen die Kunst selbst zu wettern, was sogar der in Theaterfragen hochnotpeinlich agierende Kulturbürgermeister selbst bemerken musste, verlegten sich die Meckerer auf scheinbar Objektives: Zahlen. Der kleinkrämerische Geist gegen die großen Weihen der Kunst. Wir wissen nun, wer gewonnen hat.

Hartmann selbst wird das nicht stören. Es war seine erste Intendanz und er hat ordentliche Arbeit abgeliefert. Die nächsten Jahre versprechen sogar besser zu werden, da er sich mit seiner Arbeit jetzt um ein neues Haus bewerben muss. Doch Leipzig steht kulturpolitisch mal wieder vor einem Scherbenhaufen. Nachdem schon die Kulturbürgermeistersuche durch das ungeschickte Agieren des Oberbürgermeisters eine Farce war, kann er nun schon wieder rauchende Trümmer in seinem Aufgabenfeld besichtigen. Selbst ein Theater, das in Berlin nicht einmal sonderlich avantgardistisch gewesen wäre, fällt in Leipzig gnadenlos durch. Das ist die Botschaft von Hartmanns Entscheidung an mögliche Intendanzkandidaten. Oder mit anderen Worten: Finger weg von diesem Stadttheater!

Man sieht schon die Stellenausschreibung: „Gesucht wird Theatermann ohne künstlerische Ideen, der mit Minimalbudget und einer Stadt mit einem Kulturverständnis in der Nähe zum sozialistischen Realismus auskommt. Kulturpolitischer Dilettantismus inklusive.“ Wer käme infrage? Vielleicht Peter Stein. Der wurde für seine künstlerische Langeweile in den letzten Jahren von der bundesweiten Kritik derart zerrissen, dass er gut zur vorgestellten Ästhetik der Leipziger Kulturpolitiker passen müsste. Aber selbst der würde für das Geld hier wohl nicht arbeiten. Die Stadt will europäische Kulturhauptstadt werden und schafft theaterästhetisch nicht einmal im Ansatz den Anschluss ans 21. Jahrhundert. Arme Kulturstadt.

Kommentare lesen und hinzufügen (17)

Gunnar Hempel schrieb am 15.09.2011 um 22:29 Uhr:

Unfassbar! Manchmal möchte man einfach nur fliehen aus dieser Stadt. Aber dann hätten die verkorksten Biedermeier gewonnen...

a.p. schrieb am 16.09.2011 um 03:07 Uhr:

Auf Nachtkritik ist eine ganz gute Einschätzung veröffentlicht. Meinung teile ich, dass ein experiment zu früh aufhört.

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=6051:sebastian-hartmann-verlaesst-leipzig-2013-ein-kommentar&catid=101:debatte&Itemid=84

peter stein schrieb am 16.09.2011 um 11:04 Uhr:

ich komme gerne, herr ibs

Wolfgang Engel schrieb am 16.09.2011 um 12:29 Uhr:

Ich würd auch gern wieder!

jan ole schrieb am 16.09.2011 um 12:38 Uhr:

oh herr gott. hör mir auf.
die gleichung hartmann ist gleich avantgardistisch ist gleich gut geht nicht auf. diese undifferenziertheit ist wirklich peinlich. wie blind und naiv hartmanns theater deart zu überhöhen . hartmanns theater war von gestern,langweilig und revolutionär zum selbstzweck .
wer jetzt kommt, das wird man sehen.hartmann personifiziert eben nicht zeitgenössiches theater. es geht auch anders.

Jerry Bruckheimer schrieb am 16.09.2011 um 12:38 Uhr:

that's so cool, I so wanna come to Leipzig to do my new action blasting movie! The theatre seems to be the shed I was looking for all time long for the explosion in the 7th scene! And you don't need anymore, do you? Btw, Leipzig's in Nebraska, isn't it?

kunert schrieb am 16.09.2011 um 16:30 Uhr:

man muss eben auch mal hinter die kulissen schauen und steht dann wirklich vor einem scherbenhaufen. menschen, die früher gerne in diesem betrieb gearbeitet haben, sind weg, haben aufgegeben oder wurden rausgemobbt. das hat für mich nichts mit kunst zu tun. das besondere an diesem theater war früher, dass man etwas gemeinsam getan hat, man war ein team. aber wo man scheisse reinsteckt kommt eben langfristig auch nichts anderes raus.

Frida schrieb am 17.09.2011 um 14:16 Uhr:

Dieser Text ist eine Ansammlung von Plattheiten:
"Da mögen jetzt bei einigen linken und konservativen (in Leipzig geht ja sogar beides zusammen) die Sektkorken knallen." Mit" linken" meinen Sie möglicherweise die Linkspartei? Die "Linken" in der Stadt dürften heir differenzierte Meinungen aufzuweisen haben.
"Hartmann selbst wird das nicht stören. Es war seine erste Intendanz und er hat ordentliche Arbeit abgeliefert. Die nächsten Jahre versprechen sogar besser zu werden, da er sich mit seiner Arbeit jetzt um ein neues Haus bewerben muss. ".
Ich bin sicher dass es ihn "stört". Wenn Hartmann etwas ist, dann ist er ambitioniert. Genau das hat am Anfang viele (potentielle) Zuschauer auf Distanz gehen lassen. "Gute Arbeit"... wow, schönes oberflächliches Raster für etwa 10 Theaterarbeiten und ein (kolportiert) schlechtes Betriebsklima. Und wieso sollte jetzt durch eine Bewerbungssituation etwas anders werden? Toll auch "Der kleinkrämerische Geist gegen die großen Weihen der Kunst." Seit wann ist Stadttheater Kunst?

Gunnar schrieb am 17.09.2011 um 17:54 Uhr:

Schon bemerkenswert, welche Auffassungen von Kunst hier vertreten werden. Nach Kommentator kunert handelt es sich schon um Kunst, wenn Menschen gerne und friedlich in einem Betrieb arbeiten. Und für Kommentatorin Frida hat Kunst im Stadttheater ohnehin nichts zu suchen. Na dann...

Frida schrieb am 17.09.2011 um 18:51 Uhr:

Entschuldige "Gunnar", von "nichts zu suchen" war nicht die Rede. Aber womöglich hast du Recht: "die großen Weihen..." das kommt da schon mal vor. Ist nur etwas lächerlich.

RobinGoodfellow schrieb am 18.09.2011 um 10:36 Uhr:

Sollte Journalismus nicht neutral sein? Gibt es nicht auch noch irgendetwas zwischen Provinziell und der ganz hohen Kunst? Und wer legt fest, dass Hartmann dies ausschließlich und ganz ohne Kritik ist/war?
Hartmann hat wirklcih einiges ins Rollen gebracht und viel Neues angestoßen, nur Kunst sollte auch den Anspruch haben, verstanden werden zu können! Und wenn dann bei Paris, Texas (ich mochte es trotzdem) Quantenpysik und der Erlkönig vorkommt, und der Räuber Moor am Scrotum gepackt und über die Bühne gezogen wird, darf man ja mal die Stirn runzeln...

Frank Castorf schrieb am 01.10.2011 um 09:12 Uhr:

Provinz fängt im Kopf an. Im Kopf des Rezensenten. Des Intendanten. Theater ist ein Ort der Begegnung, der Kommunikation. Es ist nur konsequent aus den bisherigen drei Jahren Konsequenzen zu ziehen. Andernorts, in anderen Metropolen, sind Intendantenwechsel alle fünf Jahre üblich und sehr fruchtbar für den theatralen Dialog in den städtisch oder anders öffentlichen subventionierten Theatern. Die Stadt Leipzig hat Hartmann sehr großzügig den Einstieg in einer Stadttheaterintendanz erlaubt, ohne dass er über die Erfahrungen dazu verfügte. Haupteinstellungskriterium war die Leipziger Abstammung und die Prägung in Berlin, Hamburg und andernorts. Er ist in erster Linie Schauspieler und Regisseur, dabei blieb er seiner bereits in den 1990er Jahren eben in Leipzig entwickelten Linie treu (Zerbombt im Lindenfels, 1997 z.B.). Freuen wir uns auf einen neuen Aufbruch, wünschen wir uns eine Internationalisierung der städtischen Bühnen, einen wirklichen Dialog mit der so genannten Freien Szene, die in Leipzig leider zu grossen Teilen aus Amateuren und Semiprofessionellen Theaterkünstlern besteht. Das muss kein Makel sein, aber von der eigenen Kunst leben zu können und zu wollen ist einfach etwas ganz anderes als sich quasi privat eine Bühne und Aufmerksamkeit zu verschaffen, besonders um der ganzen Welt das Innerste zu zeigen. Theater ist nicht Dr. Freuds Couch. Bei Hartmann scheint gerade diese Trennlinie, obwohl er die professionelle Seite vertritt, nie richtig gezogen worden zu sein. Kopfkino eben. Daher fängt die Provinz im Kopf an. Wer anderen "Provinz" an den Kopf wirft, darf ruhig mal selbst in seinem oder ihrem nachschauen. Ich jedenfalls bleibe noch bis zur Rente an der Volksbühne. Der Sebastian darf noch ein wenig weiter wandern und suchen.

Frank Castorf schrieb am 01.10.2011 um 22:40 Uhr:

Lieber Torben! Provinz fängt im Kopf an. In deinem zum Beispiel. Dieser Text ist kaum mehr als eine Glosse. Eine Glosse für die Gosse.

Dr. Siegmund Freud schrieb am 01.10.2011 um 22:47 Uhr:

Meine Couch gehört mir! Sie ist meine Bühne, nicht die von Sebastian Hartmann. Seelenwanderung hin oder her, Theater ist niemals nur eine Freudsche Couch, denn es geht doch ums Miteinander. Kommunizieren. Sehen und Gesehen werden, agieren und reagieren, einatmen, ausatmen. Es ist wohl an der Zeit, dass ihr in Leipzig mal alle ganz, ganz tief ausatmet. Ist gut für ein langes, glückliches Leben, gut um weiter die Theaterkunst zu gestalten und zu geniessen, in Leipzig oder auch in Wien oder sonstwo auf der runden Mutter Erde.

DGB (Hauptgesellschafter der Ruhrfestspiele Recklinghausen ) schrieb am 05.10.2011 um 10:16 Uhr:

Lieber Frank Castor....f - die freie Szene besteht "leider" aus "Amateuren und Semiprofessionellen Theaterkünstlern"? Na da denken's doch nochmal über die Zusammenhänge nach....oder kommen's mal nach Leipzig und schauen's sich das an!!!

Frank Castorf schrieb am 08.10.2011 um 11:53 Uhr:

Lieber DGB! Meine ausführliche Einschätzung beruht auf intensiver Arbeitserfahrung in Leipzigs freier Szene! Mit den besten Grüßen nach Recklinghausen!

DGB schrieb am 10.10.2011 um 08:35 Uhr:

Der Frank in Leipzigs freier Szene, dafür haben wir anno '89 hinter der Gardine gestanden.

 
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