Kurt Hinkefuß | Drucken28.03.2012 

Der Trinker: Erst melancholisch, dann chaotisch

Sebastian Hartmanns Inszenierung von „Der Trinker“ legt die erzählerische Stärke von Falladas Roman offen

Schauspieler Steve Binetti (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Die Premiere von Sebastian Hartmanns Der Trinker-Interpretation ist erwartungsgemäß ausverkauft. Die Aufführung an sich ist überraschend – eben keine Erwartungsgemäße. In seiner Trinität aus Intendant, Regisseur und Bühnengestalter nimmt Hartmann den Originaltext von Hans Fallada auf und schafft daraus ein emotionales, zweigeteiltes Bühnenstück. Es ist gerade die Konsequenz dieser Zweiteilung, welche gleichzeitig beeindruckend und ermüdend ist.

Der erste Teil ist ruhig, es beginnt bedächtig. Ein Musiker tritt vorsichtig mit Gitarre auf die Bühne und wird sie lange Zeit nicht mehr verlassen. Steve Binetti ist das Metronom in diesem Abschnitt, indem er seicht im Hintergrund traurige und nachdenkliche Töne anstimmt und diese in den seltensten Momenten unterbricht. Zwar gibt es vereinzelt Lieder, inklusive einem wiederkehrenden Titelsong. Hauptsächlich begleitet die Gitarre das Geschehen aber mit leisem Geklimper, und ihr Spieler wird selbst nur ab und an als Nebendarsteller aktiv.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte, wie Erwin Sommer zum Trinker wurde. Samuel Finzi und Andreas Leupold berichten sie auf einem schmalen Metallsteg sitzend. Hinter ihnen hängt minimalistisch eine als Bühnenvorhang angemalte Stoffwand. Beide Schauspieler sprechen als Erwin Sommer, manchmal gleichzeitig oder ergänzend, manchmal auch für eine andere Person, aber sie spielen keine Szenen. Die drei Männer tragen identische Anzüge und berichten in wohlgeformten bürgerlichen Sätzen, wenn sie nüchtern sind und aggressiv oder weinerlich im entgegengesetzten Stadium. Besonders Samuel Finzi gibt die Figur des Trinkers in all ihren Aspekten authentisch wieder: Hoffnung, Verzweiflung, Wut, Verlangen, Hilflosigkeit. Er erzählt glaubhaft. Wenn er schreit, erstarrt das Publikum; wenn er lachte, lacht es mit und wenn er aufgeben will, atmet es schwer. Eine gute Erzählung zeigt sich gerade darin. Bei Andreas Leupold springt dieser Funke nicht so deutlich über, oft wirkt er fremd gegenüber seinem Mitgeteilten. Das ist schade, aber sein Anteil am Bericht ist geringer. Die bedrückende Atmosphäre im Saal nimmt ständig zu. Natürlich unterstützen die subtilen Klänge die Situation, aber der Verdienst an diesen langanhaltenden, tief emotionalen Momenten muss dieser starken Erzählleistung zugeschrieben werden.

Dann schlägt die Melancholie ins Chaos um. Während des ersten sinnlosen Rauscherlebnisses beginnt plötzlich der Vorhang zu beben und in den Zuschauerraum hineinzuwachsen. Unter einer riesigen roten Fratze verschwinden jetzt die Darsteller. Der Stoff reißt weg und das Bühnenbild ist leer. Im schwarzen Off thront die verantwortliche Windmaschine. Nachdem im ersten Teil die Genese des Trinkers gezeigt wurde, ist ab hier dessen Lebensweise ausgebreitet. Während wirre Szenen stattfinden, bewegen sich vor neuem Stoff schrille Farben und Gestalten. Diese sind durch aufwendige Lichtprojektionen erzeugt. Dann fließt künstliche Kotze, die Darsteller treten als bucklige Glöckner auf und weiteres Unerklärbares und Undurchschaubares geschieht.

Wie im ersten Teil die anhaltende Bedächtigkeit ermüdet, verursacht im zweiten das unaufhörlich Neue diese Konzentrationsschwierigkeit. Jede Sequenz im Einzelnen ist ansprechend und begeistert, aber über die Dauer von zwei Stunden wird das Stück leider anstrengend. Vielleicht würde eine eingesetzte Pause hier Abhilfe schaffen, aber so ginge natürlich der berauschende Effekt zu Beginn des zweiten Teils verloren.

Dieses Theaterstück lohnt sich schon allein wegen dem ersten Teil sehr. Hier zeigt sich die Kunst der Gefühlsübertragung im Schauspiel auf wundervolle Art und Weise. Einerseits, weil sie deutlich gelingt, und andererseits, weil sie durch eine so spezielle Idee passiert. Und gerade da dies im Detail witzig und immer wieder aufweckend geschieht, jedoch niemals die Ernsthaftigkeit des Unglücks vernachlässigt wird, bin ich voller Lob und Dank für dieses Aufführung.

Der Trinker

R: Sebastian Hartmann

Mit: Samuel Finzi, Andreas Leupold, Steve Binetti

Premiere: 17.März 2012, Centraltheater


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