Moritz Arand | Drucken13.02.2012 

Kandidaten des Nichts

Sebastian Hartmanns Inszenierung von Falladas „Der Trinker“ am Maxim Gorki Theater Berlin erweist sich als Grenzgang zwischen performancehaftem Spektakel und alptraumhafter Banalität

Schauspieler Samuel Finzi, Andreas Leupold, Steve Binetti (Fotos: Thomas Aurin)

Die chaotische Unordnung dieses Abends nimmt schon vor Beginn des Stückes seinen Lauf. Nach dem dritten Klingeln drängen sich immer noch viele Leute minutenlang durch die schmalen Gänge des räumlich kleinen Hauses Am Festungsgraben 2 in Berlin. Nachdem alle ihre Plätze gefunden haben, beginnt das Stück, das eine Koproduktion des Centraltheaters Leipzig mit dem Maxim Gorki Theater Berlin ist.

Steve Binetti betritt die Bühne, die ein schmaler Steg bildet und die durch eine Projektionsfläche nach hinten begrenzt wird, auf der ein schwarz-weißer Vorhang und der helle Kreis eines Scheinwerfers zu sehen sind. Auf dieser sehr beengten Bühne wird sich das gesamte Stück abspielen.

Nachdem Binetti seinen Platz nach mehreren Anläufen gefunden hat, bringt man ihm nach und nach seine Gitarre, seine Mikrophone und er beginnt mal volltönend-tief, mal schrill-kreischend zu singen. Man sollte den Gitarrenspieler nicht nur als musikalische Unterstützung begreifen. Vielmehr ist diesem eine Art orphischer Mystik gegeben. Er ist die Stimme aus dem „Orph“, halb musikalische Kommentarfigur, halb verwoben in die niederstürzende Bewegung des Spiels. Man fühlt sich an einen musizierenden Narren erinnert, der eigentlich mehr weiß als die, die er besingt.

Die Geschichte von Erwin Sommer ist die Geschichte vom Untergang eines Bürgers, der sich infolge schlecht gehender Geschäfte und einer zerfahrenen Beziehung zu seiner Ehefrau an den Alkohol verliert. Er wird zum Verbrecher, erwacht im Gefängnis und kommt in eine Heilanstalt, die er nie wieder verlassen wird.

Sebastian Hartmann vermeidet in seiner Inszenierung die Figurenkonstellation des Romans und lässt nur Erwin Sommer auftreten, der allerdings von zwei Schauspielern (Samuel Finzi und Andreas Leupold) verkörpert wird. Gelegentlich übernehmen die Schauspieler auch Passagen anderer Figuren (die Ehefrau Magda, Medizinalrat Dr. Stiebing) aus dem Roman. Aber im Großen und Ganzen teilen sie sich die Rolle Erwin Sommers, der auch Hans Fallada selbst sein könnte. Hartmann spricht in einem Interview davon, dass man das Stück auch als Monolog hätte auf die Bühne bringen können. Jedoch kommuniziere der Roman die ganze Zeit mit jemanden, der nicht nur der Leser ist.

Zu Beginn des Stücks sitzen die Protagonisten am Rande der Bühne und berichten im chorischen Wechsel von den Begebenheiten, die Erwin Sommer in den Wirbel der Alkoholsucht trieben. Zu den Klängen der Gitarre singen die drei Akteure die Zeilen eines Gedichts von William Blake. Es handelt sich um auguries of innocence: „Some are born for sweet delight / some are born for endless night. “ Wofür Erwin Sommer geboren ist, scheint festzustehen.

Dieser revuehaft-trunkene Charakter ist für manchen schon des Guten zu viel: Ein Gast verlässt wutentbrannt und schimpfend den Saal. Binetti kontert den Ausfall mit der Begründung, dass der Herr diesmal, anders als in der Probe, seine Rolle gut ausgefüllt habe. Das Publikum lacht. Doch vor dem Hintergrund, was noch folgen wird, wirkt das eben Beschriebene chorknabenhaft unproblematisch und erinnert an Jim Jarmuschs Film Dead Man, der auch einen Weg nach „unten“ vollzieht.

Im Verlauf des Stücks mutieren die Schauspieler von stur berichtenden Sprechern sehr schnell zu schwankenden Schreihälsen, die alle Phasen einer aufsteigenden Alkoholsucht durchspielen. Samuel Finzis Rolle ist gekennzeichnet von cholerischen Ausbrüchen gefolgt von depressiven Phasen, in denen er starr in die Leere blickt. Er liegt strampelnd auf der Bühne, verflucht seine Frau, die er für seinen Zustand verantwortlich macht. Die etwas weichere und melancholische Art von Andreas Leupolds Rolle tendiert zu sinnfreien Aneinanderreihungen beliebiger Buchstaben, die sich impulsiv entladen. Die überharten Ausbrüche aggressiver Natur überspielen mitunter das weichere Andere, das nur noch assistiert.

Während dieses irren Ritts in den Abgrund des Alkoholismus wechselt die Projektion auf der Leinwand. Nach dem schwarz-weißen Vorhang, folgt eine Art 60er-Jahre-LSD-Show, in deren Verlauf sich die Projektionsfläche, angetrieben durch eine Luftmaschine, aufbläht und wie ein Schreckgespenst in den Zuschauerraum ragt. Im Anschluss sieht man eine Kneipenmeile, vor der die Figuren wie Zwerge wirken. Im ständigen Wechsel von weißem Licht und erneuten Einschüben der LSD-Show auf der Barmeile, schraubt sich das Geschehen in wahnsinniger Geschwindigkeit in die Höhe des alkoholischen Rausches und bricht am Ende in sich zusammen. Die übliche Hartmannsche Opulenz verfehlt hier ihre Wirkung nicht. Begleitet vom hintergründig unterstützenden Gitarrenspiel, wohnt man den wild stampfenden und herumschreienden Figuren bei ihrem ins Delirium abdriftenden Rausch bei. Anzumerken ist, dass bei diesem akustischen Chaos der Sprechtext der Schauspieler ins Unverständliche abzurutschen droht, was folgerichtig erscheint.

Der Rausch endet in einer minutenlangen Brech-Orgie, bei der die Schauspieler nicht nur sich selbst, sondern ebenso die Bühne wie auch das Parkett mit den verschiedenfarbigen „körperlichen“ Ausflüssen besudeln – die obligatorische Folie für die erste Reihe tut mal wieder Not. Weitere Personen verlassen den Saal. Der folgende Versuch der Implantation einer neuen Leber bei Samuel Finzi, das Vertilgen der Selbigen durch Andreas Leupold endet mit ohrenbetäubendem Dröhnen aus den Lautsprechern, unterstützt durch den Sturm, der, durch eine riesige Windmaschine entfacht, über die Köpfe der Zuschauer hinwegfegt. Ein Zuschauer blickt besorgt hinauf zu den sich im Wind verstärkt wiegenden Scheinwerfern.

In die Ruhe, die nach dem eben beschriebenen nächtlichen Rausch eintritt, schneidet eine gequälte Stimme aus dem Publikum: „Das ist Körperverletzung.“ Aus einigen Ecken ein murrendes Zustimmen gemischt mit leisen Versuchen der Rechtfertigung. Die Unruhe, die die ganze Zeit im Raum herrscht, ist auf einem Höhepunkt angekommen. Man erlebt ein zart besaitetes Berliner Publikum zwischen Schockstarre, Empörung und Unverstand, zwischen verlegenem Kichern und kommentierenden Einwürfen.

Die aus ihrem Delirium erwachten Figuren finden sich im Gefängnis wieder, verhaftet wegen Mordversuchs an Erwin Sommers Frau. Vom Gefängnis geht es in die Heilanstalt. In diesem Rahmen entstehen die Geständnisse einer Figur, die dem Leben nicht gewachsen war. Mal verkleidet als Quasimodo, mal in weißen Zwirn gehüllt schleudern Samuel Finzi und Andreas Leupold die Botschaft ihrer Figur aus den Mauern der Anstalt in den Raum. Alle sind verurteilt in diesem Raum zu leben, in dem es keine Aussicht auf Helle gibt, in dem man sein Leben nur herunterlebt, so das düstere Mantra eines Menschen der in die Hölle geraten ist. Bezogen auf das Theater eine beklemmende Aussicht, die mit einem Zitat Einar Schleefs korrespondiert, das im Eingangsbereich des Maxim Gorki Theaters auf einem Poster zu lesen ist: „Ich glaube, dass Theater jetzt an einem Endpunkt angelangt ist […] Das Fatale ist, dass es um nichts mehr geht […] Niemand spürt einen Schmerz, einen Inhalt.“

Welch ein Geheimnis lehrt uns diese Nacht, will man auf die Zeilen des im Stück zitierten Gedichts Nietzsches Der Herbst fragend erwidern. Das Schauspiel zeigt dem Zuschauer in widerlich-wirbelnder und ebenso ehrlicher Weise die Scheußlichkeiten von König Alkohol, dem wasserhellen Stoff, von dem Erwin Sommer sein Glück fordert aber in der Hölle ankommt. Der Kipppunkt, den Sebastian Hartmann inszenieren will, wird überschritten. Der Grenzgang ist nicht nur dargestellt, sondern vollzogen. Man wird das Gefühl nicht los, dass durch diesen Vollzug das Theater endet und in einen Bereich hineinspielt, der nicht genau auszuloten ist. Das ist eklatant interessant, birgt aber auch die Gefahr des Verlusts in sich. Aber um diese Gefahr geht es im Kern der dargestellten Problematik.

Lobend muss die Akustik des Stückes erwähnt werden. Die gesungenen Passagen sind klar verständlich und harmonieren mit dem Instrument. Daran sollte sich Leipzig ein Beispiel nehmen.
Schade ist, dass man bei den Inszenierungen von Sebastian Hartmann oft erst ex post zu verstehen beginnt, was der wesentlichen Andrang des Stoffes ist. Vom Ende her und über dieses hinaus ergibt sich ein nachhallendes Verständnis, das dem zelebrierten Zerhacken von Sinn und Bezug Rechnung trägt. Das Spektakel, die performancehaft wirkenden Passagen zwischen Erbrochenem und Leber, verhindern des Öfteren die Klarsicht, lassen Raum sich mit dem Nachbarn schon einmal über das Stück zu unterhalten. Wenn alle Stätten entweiht sind, ist das Tabu kein Tabu mehr, sondern täuschendes Zierrat, das über den Kern der Sache hinwegtäuscht.

Der Trinker

R: Sebastian Hartmann

Mit: Steve Binetti, Samuel Finzi, Andreas Leupold

Premiere: 04. Februar 2012, Maxim Gorki Theater

Leipzig-Premiere: 17. März 2012, 19.30 Uhr, Centraltheater


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach