Doreen Kunze | Drucken12.10.2013 

Sechs Premieren und viele Todesfälle

Zum Start der neuen Spielzeit am Schauspiel Leipzig unter neuer Intendanz

"Who’s there" (Fotos: Rolf Arnold)

Es muss eine schwere Last sein für Enrico Lübbe, der seit der neuen Spielzeit Intendant am – nun wieder – Schauspiel Leipzig ist. Nach großem Gezeter unter Hartmannscher Leitung, vielen Diskussionen um vergraultes Publikum und Abhandlungen über den Sinn und Zweck von Nacktheit, Theaterblut in rauen Mengen und anderem theatralen Füllmaterial, blicken nun alle gespannt auf den Beginn einer neuen Ära im Theaterhaus. An drei Tagen waren sechs Premieren zu sehen, alle Spielorte – ob neu oder alt – zu begutachten und ein Blick auf das neue Ensemble zu werfen.

Los geht es nicht etwa mit einem großen Klassiker, obgleich diese Lübbe häufig als Spezialität angeheftet wurden. Nein, die Spielzeit startet mit einer Theater-Installation des Performancekollektivs Monster Truck. In Kooperation mit dem Schauspiel Leipzig und Sophiensaele Berlin wird dem Zuschauer zunächst ein doch sehr ungewöhnliches Theatererlebnis beschert. Dass die erste Produktion unter Lübbe´scher Intendanz dann auch noch in der Residenz (ehemals Spinnwerk) auf dem Gelände der alten Baumwollspinnerei zu sehen ist, läuft entgegen der Erwartungen.

Vom Zuschauer zum Hauptdarsteller und wieder zurück

Who’s there, so der Titel der ersten Premiere, erweist sich nicht nur als Stück für, sondern auch mit dem Zuschauer. Der Einlass erfolgt gestaffelt, aller sechs Minuten wird die Tür zum Bühnenraum aufgeschlossen, die Zuschauer einzeln eingelassen. Ein paar Wenige treten auch zu zweit ein, dies sei dann aber nur der halbe Spaß, weiß der nette Mann am Einlass zu berichten. Durch ein Missverständnis, vielleicht einen Fehler in der Kommunikation, kommt es mit jeder Minute zu erheblichen Verspätungen. Die Einlasszeiten, zuvor mit rot auf die Tickets geschrieben, können bald schon nicht mehr eingehalten werden. Das verärgert.

Doch ist man dann mal drin, hat die Tür ins ungewisse Dunkel durchschritten und den schweren Vorhang beiseite geschoben, steht man in einem langen Gang. Am Ende lässt sich bereits eine weitere Tür ausmachen, der Boden ist mit schwarz-weißen Mustern optisch aufgepeppt und versetzt sogleich in ein Alice-im-Wunderland-Feeling. Langsam und vorsichtig weiter geht es in einem Raum, der von allen Seiten mit roten Vorhängen begrenzt ist. Und eh man sich versieht, wird man vom Zuschauer zum Hauptdarsteller. Die Vorhänge öffnen sich abwechselnd, geben das dahinter befindliche Publikum frei. Eine Tribüne voller älterer Menschen, die mal freundlich, mal finster dreinschauen, Schauspieler in Skelettkostümen, Leute mit schlecht sitzenden, blonden Perücken. Hat der Zuschauer die durchaus unangenehme Zeit überstanden, bekommt er ebenfalls eine dieser synthetischen Barbie-Perücken in die Hand gedrückt, darf sich auf die Sitztribüne begeben. Von nun an gilt es, die nachfolgenden Zuschauer bei ihrem Theatererlebnis zu bestaunen. Ein bisschen erinnert das an einen dieser „Klopf-Klopf-Witze“, die früher mal so beliebt waren: „Knock knock“ – „Who´s there?“ Nur die Pointe fehlt irgendwie.

Theater in der Disko, Party im Theater

Weiter geht’s im Shuttle-Bus zum großen Theaterhaus. Als nächstes steht die Premiere zu Der Lärmkrieg an, einer Auftragsproduktion des Schaupiel Leipzig. Die Menschen, viele von ihnen waren schon zur ersten Premiere zu erblicken, begeben sich in die Diskothek, der neu eingerichteten Spielstätte des Schauspiel. Früher tatsächlich mal eine Diskothek, stand der Raum, bzw. der Räumekomplex längere Zeit leer. Derzeit dient der Ort für die Premierenpartys, noch steht der Umbau an, weshalb Der Lärmkrieg auf der Probebühne unterm Dach stattfand. Dessen ausführliche Besprechung finden Sie hier.

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„Othello, du bist Schuld!“

Zum großen Showdown des Abends: Nun doch ein Klassiker. Shakespeares Othello auf der Großen Bühne, inszeniert von Christoph Mehler. Der Zuschauersaal ist rappelvoll, alle wollen einen Blick auf die neue Theatermanier in Leipzig erhaschen.

Ins Dunkel der nur partiell beleuchteten Bühne gehüllt, seht er da: Othello. Bis zu den Knöcheln im Wasser, inmitten eines großen Beckens. Der Rest der Bühne eher ereignislos. Hier ein Laufsteg, um nach vorn zu kommen, dort eine weiße Wand, die im Spiel aber außer Acht gelassen wird. Die Schauspieler arbeiten sich an dem Text ab, Worte wie „Arsch“ und „Scheiße“ sollen ihn wohl modernisieren. Dazu noch Dosenbier, jede Menge Dosenbier, mit dem auch gern gekleckert werden darf.

Am schwersten liegt an diesem Abend wohl die mangelnde Aufrichtigkeit im Magen. Die Ungewissheit: Ist das jetzt mit Absicht so? Sollen die Texte aufgesagt klingen? Und warum scheint Desdemona einem Satire-Magazin entsprungen? Unsicher stakst sie über die Bühne, es wirkt, als müsse sie sich das Grinsen nach jeden Satz verkneifen.

Nach zwei Stunden ist es dann geschafft, wobei doch durchaus noch Zeit für einen Schlussmonolog, überhaupt für das Ende gewesen wäre. Das unbeholfen hervorgerufene „Othello, du bist Schuld“ hängt noch im Raum, als das Wasser im großen Becken nach dem schnellen Erstickungstod Desdemonas schon wieder ruhig geworden ist.

Ein auf und Ab

Tag zwei hält zwei Premieren bereit. Und dann (Regie: Claudia Bauer), welches wieder im Diskothek-Interim zu sehen ist, und Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen (Regie: Mateja Koležnik) auf der Hinterbühne des Hauses.

Mit großen Puppenköpfen kommen die Darsteller in Und dann daher, hämmern den Text von Wolfram Höll in den Raum. Dieser geht ins Ohr, in den Kopf. Die Stärken des Textes werden durch grotesk überzeichnetes Spiel ergänzt. Wort und Spiel gehen endlich einher, das ließ das Premierenwochenende bislang vermissen. Der Einsatz von Videoinstallationen, Stimmenverzerrungen und Projektionen bringt Vielfalt auf die Bühne, durchbricht die gelegentlich aufkommende Monotonie der Inszenierung.

Ganz anders dann Des Meeres und der Liebe Wellen. Die Konzentration liegt hier vor allem auf dem Text. Die Schauspieler sind positioniert auf einen großen schwarzen Felsen, der den Tempel in seiner ganzen Abgeschiedenheit darstellt. Inmitten dieser Einöde: Hero und Leander. Ein Liebespaar, dem altgriechischen Mythos entsprungen, von Franz Grillparzer neu aufgenommen. Es ist ein Auf und Ab, nicht nur in der Handlung. Nein, auch wortwörtlich: Leander erklimmt den Fels, Hero steigt hinab. Hero steigt hinauf, gefolgt vom Oberpriester und seinem verräterischen Wächter. Leander heimlich wieder ab, Hero wartend. Janthe, die treue Gefährtin Heros hinauf, alle ab. In diesem Erklimmen und Hinabsteigen entwickelt sich die durchaus spannende Geschichte der zum Scheitern verurteilten Liebe zwischen Hero und Leander, verharrt dabei aber an der Oberfläche.

Emilia, leichtfüßig doch ohne Tiefe

Samstagabend, die letzte Premiere des Eröffnungswochenendes. Wieder dreht sich alles um eine scheiternde Liebe: Lessings Emilia Galotti ist zu sehen, Regie führt Intendant Lübbe dieses Mal selbst. In nur 80 Minuten fasst er den oft gezeigten Stoff zusammen, dies verkraftet die Inszenierung nur durch Auslassungen und schnelles Vorantreiben der Handlung. Eine herrlich naiv daherkommende Emilia Galotti (Anna Keil) tippelt leichtfüßig im Sommerkleidchen durch massive, dunkle Pfeiler, die sich immer dann auf der drehbaren Bühne bewegen, wenn die Handlung etwas Bewegung benötigt oder die Szene wechselt. Auch der Prinz nutzte dieses Bühnenarrangement, um nette Schattenspiele zu vollführen. Alles in Allem lässt die Inszenierung Tiefe und Weitblick vermissen, kann dies auch nicht durch die schön konstruierten Bilder wettmachen. Lübbes Emilia Galotti wirkt unentschlossen, nicht bis zum Ende durchdacht und vorhersehbar. Die Schauspieler können nichts dafür, sie wirbeln, fegen, tippeln, schleichen über die Bühne, intrigieren, lieben, vergöttern, verachten. An großen Gefühlen mangelt es nicht, daran nicht. Und dennoch steht da am Ende des Abends ein unfertiges Stück, bei dem versäumt wurde, an den Tiefen zu feilen. Der Großteil der Zuschauer scheint sich daran nicht gestört zu haben, der Applaus ist überwältigend, will beinahe kein Ende nehmen.

Fazit

Zum Eröffnungswochenende am Schauspiel bot sich dem Publikum eine bunte Mixtur verschiedener Theaterformen in unterschiedlichen Räumlichkeiten, die in ihrer Gesamtheit zu sagen schienen: Wir machen Theater für alle. Am Ende des Wochenendes jedoch ist es schwer, eine allgemeingültige Aussage zu treffen. Von ereignislos bis aufregend, von ruhig bis ekstatisch. Durchwachsene Stücke, vorhersehbar, erwartbar, dennoch unterhaltsam. Auch die Zuschauerstimmen, die auf den Premierenpartys zu vernehmen waren, kamen nicht überein. Von heftiger Kritik bis zu überschwänglichem Lob war alles dabei. Es wird sich zeigen, ob dies der Wandel ist, den die Stadt brauchte.

Who’s there - Schauspiel Leipzig/ Residenz

Performancekollektiv Monster Truck

Premiere: 3. Oktober 2013


Der Lärmkrieg (UA) - Schauspiel Leipzig/ Diskothek

Regie: Dieter Boyer

Premiere: 3. Oktober 2013


Othello - Schauspiel Leipzig/ Große Bühne

Regie: Christoph Mehler

Premiere: 3. Oktober 2013


Und dann (UA) - Schauspiel Leipzig/ Diskothek

Regie: Claudia Bauer

Premiere: 4. Oktober 2013


Des Meeres und der Liebe Wellen - Schauspiel Leipzig/ Hinterbühne

Regie: Mateja Koležnik

Premiere: 4. Oktober 2013


Emilia Galotti - Schauspiel Leipzig/ Große Bühne

Regie: Enrico Lübbe

Premiere: 5. Oktober 2013


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