Sarah Schramm | Drucken03.10.2011 

„The music is enough“

Erëmira Çitaku führt mit „Shoshë“ zum Festival Off Europa die Grenzenlosigkeit der Musik vor Augen

Shoshë (Fotos: Off Europa)

Flötentöne hauchen Windgeräusche, ein Piano spielt den Mond an, ein Tenor aus dem Off besingt ihn. Davon betört, geht der Mond gemächlich auf. Er zeigt sich in seiner ganzen Schönheit und hüllt den Raum in sein mystisches Licht. Vom Mond hypnotisiert, verlassen wir die Erde und tauchen ein, in einen anderen, grenzenlosen Raum. Wir fassen Fuß in einer Welt, die nach anderen Mustern funktioniert, von Gedichten, Musik und Bewegungen getragen wird und alle Sprachen spricht – in der Welt der Kunst.

In diesen Raum entführt uns Shoshë, ein multimediales Projekt der Flötistin und Konzeptkünstlerin Erëmira Çitaku. Entstanden in der kosovarischen Hauptstadt Priština, bringt das Stück im Rahmen des 20. OFF-Europa-Festivals albanisch/kosovarische Kultur nach Sachsen. Es importiert sowohl Landestypisches als auch Grenzenloses und Außerirdisches.

Shoshë, neben dem Titel des Stücks auch albanisches Wort für „Sieb“, reinigt, siebt aus und sucht hinter den Fassaden des Daseins nach einer Welt jenseits der hiesigen – vielleicht nach dem Ursprünglichen, der einstigen Naturverbundenheit vor der Industrialisierung. In jedem Falle aber forscht Shoshë nach einer Welt, die die Kunst und nicht das Geld regiert. Mit Gesang, vorgelesenen Texten, Videoprojektionen sowie choreographischen Elementen begeben sich die Künstler um Erëmira Çitaku auf eine Suche, die von Musik geführt wird. Insgesamt werden sechs Titel auf die Bühne gebracht. Diese sind thematisch unterschiedlich, lösen verschiedene Emotionen aus und fügen sich doch zu einem Ganzen: Einer Liebeserklärung an die Musik, die das Leben in all seinen Facetten begleitet und über die Mittel verfügt, die Grenzen des Irdischen zu überschreiten.

So sieht man in Lullaby auf der Videoleinwand eine Frau sehnsüchtig aus dem Fenster blicken. Sie schaukelt eine Wiege und blickt erneut zum Fenster. Dazu haucht auf der Bühne eine in ein weißes Gewand gehüllte Frau ein leises „sch sch sch“ und wird dabei musikalisch dezent geleitet. Das Zusammenwirken von Musik, Bild und angedeuteter Sprache strahlt eine meditative Ruhe aus und ist zugleich mystisch und beunruhigend. Denn die Frage danach, weswegen die Frau aus dem Fenster sieht, auf wen sie wartet, bleibt.

Den assoziativen und fragmentarischen Charakter haben alle der multimedialen Konzepte gemeinsam. Jedes baut sich auf dem Flötenspiel von Erëmira Çitakus auf. Alle anderen Instrumente wechseln im Verlauf der 55-minütigen Vorstellung. Piano, Trompete Violine, Akkordeon – mal kombiniert, mal als Solo. Und dann wäre dann noch das „Octo“, entworfen vom albanischen Komponisten Liburn Jupolli. Dieses Gebilde ist eine verfremdete achtsaitige E-Gitarre, deren Klang sich aber nicht wesentlich vom konventionellen 6-Saiter unterscheidet. So außergewöhnlich dieses Instrument sein mag, eine große Rolle spielt es in Shoshë nicht.

Im letzten Teil der Konzeption wird das Sieb – Shoshë – in den Fokus gerückt. Eine Violine ertönt, die Flötistin schiebt in einem großen Sieb Perlen umher. Eine schwarz gekleidete Frau streicht mit ihren Händen langsam über ein weiteres Sieb, erzeugt dabei kaum vernehmbare Töne. Behutsam und grazil schiebt sie es über den Boden, hebt es über ihren Kopf, blickt es an und setzt es wieder ab. Man könnte meinen, dieses Sieb sei ein heiliger Gegenstand. Etwas, was übrig geblieben ist von der Tradition. Auf der Leinwand erscheinen das Meer und eine Frau, die etwas in einem Shoshë auswäscht, während auf der Bühne weiterhin langsam und in ästhetischen Bewegungen mit dem geheiligten Gegenstand getanzt wird. Man will sich reinigen vom Fortschritt, vom Überfluss und zurück kehren zur Natur. Zurück zu ihren Bildern und Tönen, sich von ihr inspirieren und treiben lassen. Das Piano wird dominanter, eine Frau besingt das Shoshë. Was sie genau singt, kann man ohne Albanisch-Kenntnisse leider nicht verstehen. Auch die symbolische Bedeutung des Siebes bleibt Spekulation. Aber das macht nichts. Denn das Stück liefert in seiner eigenen Erklärung, die Begründung für die Rätselhaftigkeit: „We don’t have to know everything. The music is enough.“

Shoshë

R: Erёmira Çitaku

Mit: Erёmira Çitaku, Liburn Jupolli, Visar Kuqi, Avni Krasniqi, Meriton Ferizi

23. September 2011, Lofft Leipzig

Das Gastspiel fand im Rahmen des Festivals „OFF EUROPA 2011 UNIVERS SHQIPTAR Albanien/ Kosovo/ Diaspora“ statt.


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