| Drucken07.12.2005 

Sir, geben Sie Gedankenfreiheit! Schillers „Don Karlos” in der Inszenierung von Wolfgang Engel (Nadja Feulner)

Friedrich Schiller: Don Karlos, Infant von Spanien

Regie: Wolfgang Engel
Bühne: Andreas Jander
Kostüme: Ulrike Schulze
Musik: Thomas Hertel

Schauspiel Leipzig, Großes Haus
2. Dezember 2005

Foto: © Rolf Arnold


"Liebe und Gewalt als Korrelate höfischen Lebens"

Wie viele verschenkte Augenblicke kann man zählen in unseren Leben, Momente, in denen wir nicht danach gelebt haben, was unser Herz uns sagte, sondern auf unseren Kopf hörten, der zu oft von Ängsten und Zweifeln dominiert ist. Manchmal bedarf es etwas Mut und Selbstüberwindung, um dem Gefühl zu vertrauen, doch im Nachhinein entdeckt man oft, dass die Bauchentscheidung die Richtige war. Wie viele Menschen kämpfen noch für ihre Träume, für ihre Leidenschaften, für die Liebe? Es ist schmerzhaft, zu sehen, wenn ein Mensch sich seinen Glauben, das innere Feuer oder die Leidenschaft nehmen lassen hat. So bedauerte ich auch das Ende des Don Carlos, des Infant von Spanien. Eine starke Liebe und über alles erhabene Leidenschaft verbanden ihn mit seiner Stiefmutter, doch am Ende ist er innerlich tot, kein Verlangen treibt ihn mehr, nur noch Ratio. Wie konnte es dazu kommen? Die Geschichte ist lang und verworren, voller Intrigen und Machtkämpfe, Lügen, Morden und gebrochener Herzen.

Don Carlos, der Sohn des spanischen Königs Phillips II, ist zutiefst deprimiert: Er liebt seine Stiefmutter Elisabeth von Valois. Das ist auch der Grund für das gegenseitige Misstrauen zwischen Vater und Sohn, denn Carlos war einst mit Elisabeth verlobt. Als sein Jungendfreund Marquis von Posa nach langen Europareisen an den spanischen Hof zurückkehrt, vertraut Carlos sich ihm an. Posas historische Mission ist die Befreiung der Niederlande, wo die Provinzen Flandern und Brabant sich gegen die spanische Fremdherrschaft erhoben haben. Dazu braucht er Carlos` Unterstützung, und muss ihn dazu aus seiner Elegie reißen. Als Posa es schafft, die Königin in sein Vertrauen zu ziehen, die ihm ihre Fürsprache versichert, kann auch Carlos überzeugt werden. Doch dieser bittet seinen Vater vergeblich um den Oberbefehl in Flandern, der König beauftragt den gefürchteten Herzog Alba mit der Unterdrückung des Aufstandes. Als sich eine Aussöhnung zwischen Vater und Sohn anzubahnen scheint, fürchten Alba und andere Höflinge um ihren Einfluss beim König. Eine Verbündete finden sie in der Prinzessin Eboli, einer Dame der Königin, die Carlos liebt und in die König Phillip verliebt ist. Aus Eifersucht verrät sie die Liebe zwischen Elisabeth und Carlos beim König, welcher nun den Marquis von Posa beauftragt, die Wahrheit über dieses Verhältnis herauszufinden. Der treue Freund entlastet die Verdächtigen und erringt Phillips Vertrauen. Posas Absicht ist es, Carlos heimlich nach Flandern zu bringen, damit er dort den Aufstand gegen Phillip organisieren kann. Inzwischen misstraut Carlos allerdings der Loyalität des Freundes und vertraut sich der Prinzessin Eboli an. Um Carlos zu retten, bezichtigt sich Posa selbst der Liebe zur Königin und wird von Phillips Häschern ermordet. Nachdem Alba die Verwicklungen Carlos` in Posas Aufstandspläne enthüllt hat, übergibt der König seinen Sohn eiskalt der Inquisition. Carlos und Elisabeth müssen sterben.

Der "Don Carlos" ist das Werk, an dem Schiller die längste Zeit gearbeitet hat. Von den ersten Entwürfen in Bauerbach 1782 bis zu seinem Tod im Jahre 1805 sollte ihn das Stück beschäftigen. Es markiert des Dichters Übergang vom "Sturm und Drang" hin zur "Klassik". Was ursprünglich als familiäres Eifersuchtsdrama angelegt war, wurde durch die Einführung der Figur des Marquis von Posa zu einem politischen Ideendrama. Diese Figur, von Schiller in den Mittelpunkt des Stückes gerückt, dient in ihrer Funktion als Sprachrohr der zeitgenössischen Forderungen nach Gedankenfreiheit und Menschenrechten. Doch er ist auch ein Revolutionär, der für das Erreichen seiner politischen Ziele auf die Taktik setzt, die Unzufriedenheit im Volk zu verschärfen, um das revolutionäre Potential der Massen zu schüren.

In der Fassung des Schauspiel Leipzig, die auf der ersten Buchausgabe von 1787 beruht, ist von Posa noch voll von Andeutungen über Verrat und drohende Gewalt. Denn dieser politische Enthusiast ist sich wohl bewusst, dass selbst die besten moralischen Absichten etwas Gewaltsames haben, wenn sie dem Volk nur übergestülpt werden, wenn sie von außen kommen und Freiheit allzu leicht korrumpiert, wenn sie mit Macht in Berührung kommt. Sehr gut verkörpert wurde diese Figur von Thorben Kessler, der die Rolle mit viel Begeisterung und Überzeugungskraft ausfüllen konnte. Gut durchdacht war auch die Entscheidung, die Pause genau nach der Szene anzulegen, in der von Posa auf das Angebot des Königs, in seine Dienste zu treten, einwilligt. Denn so hat der Regisseur und Intendant Wolfgang Engel das erreicht, wozu er einen Sinn im Theater sieht: die Menschen zu bewegen, und sie zusammen zu bringen, zur Kommunikation anzuregen. In der Pause konnte ich viele Diskussionen über die plötzliche Wandlung des von Posa hören, war doch nicht abzusehen, dass dies nur Verstellung und Mittel zum Zweck war.
Martin Reik`s Carlos erinnerte mich stark an Hamlet, einen Einzelgänger und andersartigen Sonderling an einem sonst sehr konformen Hof. Auffällig wurde es besonders durch das Kostüm, er sah immer aus wie etwas vernachlässigt, mit aufgeknöpftem Hemd, ungekämmt und zerknittertem Anzug. Selbstvergessen in seiner Liebe zu seiner Stiefmutter...

Ein bewusst gesetzter starker Kontrast zur Figur des Herzog von Alba, von Stefan Schießleder gespielt. Obwohl dieser eine sehr gute Körperlichkeit für seine Figur gefunden hatte, so zum Beispiel die Art zu sprechen, der unterschwellige Zynismus und das herablassende Lächeln oder das ständige Rauchen, konnte er mich nicht immer voll überzeugen, manchmal wirkte seine Darstellung auf mich etwas aufgesetzt. Doch alles in allem hat ein eingespieltes Ensemble zusammen wieder gute Arbeit geleistet.

Wichtig ist jedoch vor allem, was wir als Zuschauer heute noch aus diesen Botschaften entnehmen können. Um die Zeitlosigkeit des Stückes zu verdeutlichen, hat man in der Inszenierung auf historische Kostüme und Ausstattung verzichtet. Die Figuren tragen Kleider von heute, das Bühnenbild, gut gelöst mit der Idee der Drehbühne und in den Farben rot und gold gehalten, hat etwas von Königlichkeit, legt sich aber gleichzeitig nicht auf eine Epoche fest. Denn die am dortigen Hof herrschenden Strukturen kann man ebenso im New Yorker Stadtteil "Little Italy", im Weißen Haus oder den Büros von Welthandelsorganisation und Großkonzernen wiederfinden, denn dort wird heute der Großteil unserer immer noch sehr patriarchalisch und hierarchisch geprägten Gesellschaft bestimmt, in der Frauen kaum etwas zu sagen haben und zum Beispiel eine farbige Außenministerin eher eine Sache der "Etikette" als der Gleichberechtigung ist.

Schillers Carlos konnte den Kampf nicht gewinnen, dafür war er zu sehr Mensch, zu voll von Liebe und Leidenschaft, zu weinig Machtstreben und Kampflust herrschten in seinem Herzen. Politik machen Männer wie der aalglatte und eiskalte Herzog von Alba, der über die leidenschaftlichen Ausbrüche der anderen nur gehässig lachen kann und keine weiteren Interessen hat, als seine Macht und seinen Einfluss beim König zu verstärken.
Eigenschaften wie innere Leidenschaft und Verwegenheit, Furchtsamkeit und Verwirrung haben keinen Raum an einem Hof, der von einem Despoten regiert wird, der schnell mit Todesurteilen straft, zutiefst eifersüchtig und rachsüchtig ist.
Zu spät erwacht der Heldensinn von Carlos wieder, um über seine Liebe zu dominieren. Er hat gekämpft, doch mit den falschen Waffen, er war schwach, am Ende kommt er zwar noch zur Vernunft, und will seine Mutter verlassen, sagt, dass er sie nicht mehr liebt, doch es ist zu spät. Vor allem aber war es traurig zu sehen, dass er sich seine Liebe nehmen lassen hat, dass am Ende jede Leidenschaft erloschen ist. Darüber konnte auch kein Abschiedsgeschenk an die Angebetete in Form eines roten Plüschherzens mehr hinwegtrösten.


(Nadja Feulner)

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