| Drucken19.01.2003 

So intensiv wie zur Premiere: Tennessee Williams' Glasmenagerie im Repertoire des Schauspiels (Friederike Haupt)

19.01.2003 Schauspiel Leipzig, Theater hinterm Eisernen
Tennessee Williams' Glasmenagerie im Schauspiel Leipzig (Repertoire)


Glasporträt eines Mädchens

Scherben bringen Glück, heißt es. Nie jedoch erscheint einem dieser Satz falscher als nach einer Aufführung der Glasmenagerie: Am Schluss steht da Laura, umgeben von den Trümmern ihrer Träume, alleingelassen von ihren einzigen Bezugspersonen, verzweifelnd an der Welt und sich selbst, hilf- und hoffnungslos bleibt sie zurück in einem Meer aus zerbrochenem Glas.

Betretene Stille im Publikum, bis nach einigen Sekunden zögerlich der verdiente Applaus beginnt. Zu sehr hat einen das Drama berührt, als dass man seiner Begeisterung ob der schauspielerischen Leistungen freien Lauf lassen könnte, zu unpassend scheinen den Zuschauern Pfiffe und Bravo-Rufe angesichts des eben Gesehenen. Was muss Theater leisten, um eine solche Wirkung zu erzielen?

Es ist Laura Wingfield, von der die eigentliche Faszination ausgeht, Mutter und Bruder verstärken mit ihren Eigenheiten nur die Fremdheit der Welt, der die junge Frau zu entkommen versucht. Alles scheint falsch zu sein, was in Lauras Umfeld passiert: Die Mahlzeiten werden zur Tortur, wenn Mutter Amanda mit gefrorenem Lächeln ?Kauen, kauen, kauen, kauen, meine Kinder, kauen, kauen...? befiehlt, zwischendurch die Aufgaben einer Frau definiert ? ?Bleib frisch und appetitlich? ? und Bruder Tom mal wieder sämtliche Tischmanieren ignoriert, um anschließend ins Kino zu gehen, wo er die Abenteuer findet, die ihm sein Leben verwehrt. Die Zukunft Lauras ? für Amanda nur glücklich denkbar bei möglichst schneller Findung eines geeigneten Verehrers ? ist ungewiss: Ihre Berufsausbildung hat sie abgebrochen zugunsten langer Spaziergänge durch Park und Zoo, Freunde hat sie keine und zu allem Übel plant der Bruder auch noch heimlich eine Marinelaufbahn, um der Tristesse des Alltags zu entkommen. Schwer zu ertragen das alles, und es wäre für Laura wohl unmöglich, hätte sie sich nicht ihre gläserne Scheinwelt errichtet.

In Williams` Erzählung ?Glasporträt eines Mädchens? von 1948 heißt es: ?Wenn man den Raum betrat, herrschte immer ein leuchtend irisierendes Schimmern in ihm, das von den Glasfigürchen ausging. Sie fingen auch den schwächsten Lichtstrahl auf, der durch die Jalousien aus dem Tal des Todes in ihr Zimmer drang.? Diese zerbrechliche Magie ist es, die Laura fasziniert, die kleinen Glaspferdchen trösten sie über alle Realitäten hinweg; fast könnte man sagen, sie sei selbst eines von ihnen. Die kleinste Erschütterung kann alles zum Zerbrechen bringen, und diese Spannung zeigt die Leipziger Inszenierung selten gut: Ellen Hellwig in der Rolle der Laura überzeugt mit einem Spiel, das von markerschütternden Schreien über gequälte Anpassung an die Vorstellungen der Mutter bis hin zur unbedingten Liebe zur Musik und den Glastieren alle Register zieht, um dem Zuschauer eine Ahnung davon zu verschaffen, was es bedeuten kann, isoliert zu sein. Während der Aufführung entsteht so gewissermaßen das Porträt eines Mädchens, dessen Glashaus schon lange eingeworfen ist von einer Welt ohne Interesse an Andersartigkeit und Außerordentlichem, und es lässt einen selbst als stiller Beobachter im Theater resignieren, wenn Amanda (sehr gut: Susanne Stein), aufgebrezelt im Abendkleid und mit schriller Stimme dahinfaselnd, Lauras ?Flachbrüstigkeit? rügt und wieder und wieder auf ihre 17 Verehrer zu sprechen kommt, die sie in ihrer Jugend hatte und die doch so unwichtig sind, da der Auserwählte und Vater der Kinder schon vor Jahren die Flucht ergriffen hat; was bleibt, ist ein Foto über dem Esstisch.

So durchschaubar sind alle Familienmitglieder und passen doch in keine Schublade: Der rebellierende Tom, dem weder Arbeit noch Familie scheinbar etwas bedeuten, bringt doch seine Schwester zum Träumen mit kleinen Zaubertricks; die Mutter, sonst so rational und berechnend, zeigt nachts mit Tom am Fenster ihre sentimentale Seite (?Schau in den Mond und wünsch dir was?), und Laura, die immer Schüchterne, vergisst über dem Tanzen mit Jim, dem ?Verehrer wider Willen? ? auf Geheiß Amandas eingeladen, um das Mädchen zu erobern ? jede Hemmung und wirkt glücklicher als je zuvor.

Es ist eine Meisterleistung Williams', solche Figuren zu schaffen, die alle in ihrer eigenen Traumwelt leben, sei sie nun aus Vergangenem, Abenteuern oder gläsernen Tierchen zusammengesetzt. Eindrucksvoll wird in den zwei Stunden Aufführungszeit demonstriert, wie instabil eigentlich jede auch noch so massiv wirkende Fassade ist, und wer den Saal verlässt, kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, ob nicht auch er jemanden wie Laura kennt oder eben verkennt.

Eine Aufführung, die man sicher nicht so bald wieder vergisst und die auch noch über ein Jahr nach ihrer Premiere am 29. September 2001 mit einer Intensität gespielt wird, die unter die Haut geht. Mit Toms Worten am Ende vom Glasporträt eines Mädchens: ?Ich sehe dann den schwachen Glanz der vielen hundert transparent schimmernden Glasfigürchen mit ihren sehr zarten Farben. Der Atem stockt mir, denn zwischen ihnen taucht das Gesicht meiner Schwester auf ? die Nacht gehört ihr!?

(Friederike Haupt)

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