Edda Reimann | Drucken29.03.2012 

Heilloses Durcheinander

In ihrer Inszenierung „Solveig macht Peer“ begleicht die Regisseurin Solveig Hoffmann eine offene Rechnung mit ihrer Namensschwester aus Ibsens Klassiker „Peer Gynt“

Fotos: Moritz Hoffmann / Lofft

Solveig macht Peer. Ja, und wieso macht Solveig Peer? Weil Solveig nun mal Solveig heißt.

Mit der weiblichen Protagonistin aus Ibsens Drama scheint Solveig Hoffmann nur den Vornamen teilen zu wollen. Ibsens Solveig ist gottesgläubig, sittsam und wird von Peer besonders für ihre unantastbare Reinheit verehrt. Als geborener Hallodri verklärt er die genügsame Solveig zur unbefleckten Maria. Ibsen scheint es seinem Protagonisten gleichzutun und so lässt er Solveig in der Pose mildherziger Tugendhaftigkeit erstarren: Anstatt ihren nichtsnutzigen Freier nach Jahren unredlicher Abenteuer vor die Tür zu setzen, wird Solveig am Ende des dramatischen Gedichts zur barmherzigen Erlöserin. Und nicht nur das scheint der Regisseurin und Leiterin der freien Theatergruppe van der Hoffmann an der weiblichen Hauptfigur zu stinken. Die unfreiwillige Namensverwandtschaft wird hier zum Anlass genommen, den alten Stoff noch einmal zu bearbeiten und darin vorkommende Frauenbilder neu aufzurollen.

So folgt der erste Teil der Inszenierung noch in groben Zügen Ibsens Original: Peer hat Stress mit seiner Mutter, begeistert sich für Solveig, schwängert trotz dessen eine Fremde, verlässt Haus und Hof, Solveig folgt ihm, Mutter stirbt. Wer sich den norwegischen Klassiker jedoch noch nicht zu Gemüte geführt hat, kommt in der Inszenierung Hoffmanns schnell ins Straucheln. Die gewählten Szenen aus der Vorlage reihen sich teils zusammenhanglos aneinander, die Schauspieler wechseln dabei undurchsichtig die Rollen und so ist mal Mutter, mal Peer selbst, wer vorher Solveig war. Dies soll den Zuschauer wohl mächtig verwirren und so starre Rollenverständnisse ins Wanken bringen. Leider fällt es dabei schwer, die eigentliche Handlung auszumachen.

Vielleicht muss der Zuschauer in Hoffmanns Inszenierung gar nicht begreifen, wieso Peer zum Vogelfreien wird und sein Haus im Wald errichtet, dennoch bleibt der Eindruck, dass etwas fehlt: Die reine Ironisierung des alten Stoffes ist nicht genug. Der anfängliche Charme, Ibsens angestaubten Figuren der Postmoderne auszusetzen, verfehlt schon bald seine Wirkung.

Während sich die vier Schauspieler also über Peer Gynt hermachen, kommen sie fast ohne Requisite aus. Die eigentliche Kulisse bildet ein Schattenspiel dreier impertinenter Störenfriede, die dann und wann durch vulgäre Zurufe und Kommentare in das Geschehen eingreifen. Hinter weißen Stoffbahnen verfolgen sie ihr degeneriertes Treiben und die Projektion ihrer Körper bildet das eigentliche Bühnenbild.

Das ist zwar nett anzusehen, wie das Ganze in die Dramaturgie des Stückes passt, bleibt aber leider offen. Ein Blick in das ausgeteilte Faltblatt verrät, es handelt sich hier um Zombies, die in ihrem destruktiven Wirken das Geschehen auf der Bühne lenken sollen. Der Zuschauer sieht leider nur einen an abgetrennten Beinen nagenden, daueronanierenden und Selbstverstümmelung betreibenden Haufen Wüstlinge. Reichlich zombieuntypisch muten diese an. Ihr verzerrtes Krächzen würde sich besser dazu eignen, den Bösewichten aus den Looney Tunes eine Stimme zu verleihen.

Als schließlich Daniel Craig, die sexy Nanny Fran Fine und die Heilige Maria die Bühne stürmen, steht der Zuschauer erneut vor einem Rätsel. Auch hier hilft der Blick in das bewährte Begleitheftchen: In Anlehnung an die Vornamen der Darsteller treten nun ihre populären Alter Ego auf die Bühne. Daniel Reichelt als 007, Franziska Nojack gibt uns die Nanny und Marie Piehler geht in der Rolle der Heiligen auf. An dieser Stelle verliert sich die Inszenierung nun wirklich in bloßem Klamauk. Hier wird nichts neu aufgerollt, sondern vielmehr in alter Manier veralbert.

Zu guter Letzt findet sich der bunte Reigen aus Zombies, Fran Fine und Peers Solveig auf der Bühne ein und sie trällern ein gar lustig Lied zusammen. Der Abend geht zu Ende, das Publikum klatscht artig. Der ein oder andere mag sich fragen, was die Regisseurin neben ihrem Vornamen wohl noch zur Behandlung dieses Stoffes verleitet hat: Solveig macht Peer. Ja, und wieso macht Solveig Peer? Weil Solveig nun mal Solveig heißt.

Solveig macht Peer

R: Solveig Hoffmann

Mit: Daniel Reichelt, Franziska Nojack, Maria Piehler, Emanuel Schiller, Robert Lüddecke, Leonie Euler, Ronny Eckert

Premiere: 22. März 2012, Lofft Leipzig


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