| Drucken08.08.2002 

Sommertheater der Moritzbastei 8. bis 24. August (Anna Kaleri)

?Beute? von Joe Orton
Sommertheater der Moritzbastei 8. bis 24. August
Regie: Bettina Jahnke

(Foto: Aurelia Annus)


Schneiderpuppe mit Geschlechtsleben

Die Leiche liegt schon tot im Sarg, als sich das Sommertheaterpublikum setzt, das wirklich ein anderes Publikum ist als im ?richtigen? Theater ? und wie setzt sich das Publikum? Es (bestehend aus allerhand russischen Damen im noch heiratsfähigen Alter) wischt die eigentlich sauberen Sitze mit Taschentüchern ab und breitet eine rosa-braune Zeitung darüber aus (warum eigentlich die Financial Times?). Dann dunkelt sich der Himmel über dem Innenhof der Moritzbastei allmählich ab, Musik von einem Greeneway-Film ertönt und das Theater beginnt.

Seit drei Tagen ist die Herrin des Hauses tot und die Pflegerin (Simone Cohn-Vossen) will dem frischen Witwer eine jüngere Frau besorgen, am besten sich selbst. Der Sohn des Hauses (Tilman Günther) mit päpstlich nicht absegnungsfähigem Lebenswandel tritt auf und verweigert die Einsichtnahme in einen menschenhohen Schrank. Nebenbei erfährt man von einer geplünderten Bank, die sich zufällig neben dem Beerdigungsinstitut befindet. Mit einem Sargträger und einem Inspektor ? la Sherlock Holmes, der sich auffällig als Arbeiter von den Stadtwerken ausgibt, ist das Personarium perfekt für eine Sommerkomödie der umwerfend britischen Art. Die Leiche tauscht ihren angetrauten Platz im Sarg mit der Beute aus dem Überfall. Sie wird eingewickelt und als Schneiderpuppe ausgegeben und kann zumindest von einem Mann nicht wieder ausgewickelt werden, weil die Puppe weiblichen Geschlechts und katholisch sei. Seitenhiebe auf die englische Moral bleiben nicht aus. Die Inschrift eines Kruzifixes lautet sinngemäß: ?Sankt Maria bis auf Arier? und der Totengräber bekniet seinen Verbündeten: ?Warum lügst du nicht wie jeder normale Mensch?? Die Krankenschwester scheint zunächst den Ton zu übernehmen, doch in einer grotesken Spirale von Ereignissen und Entpuppungen steht am Ende bis auf den Witwer niemand mehr integer da. Selbst der Inspektor ist bestechlich, wenn er auch die Summe ordentlich quittiert, soweit zumindest hat er Einblick ins Gesetz.

Zwar wissen die Zuschauer und unter ihnen die russischen Damen ziemlich bald, was sich wie verhält, doch die Aufklärung zu verfolgen, ist noch spannend genug und auch die Freude am Klamauk kommt nicht zu kurz: Glasaugen rollen durch die Gegend und das Gebiss der Verstorbenen wird als Kastagnette benutzt. Die gesellschaftskritischen Ansätze passen zwar eher in die Nachkriegszeit, aber zuviel erwartet man nicht von einem netten Sommertheaterstück. Bis auf kleine Textunsicherheiten des Inspektors beschert es auch einem vom Schauspielerischen her verwöhnten Besuchern eine amüsante Beute. Die russischen Damen wurden übrigens von schwarzen Limousinen angeholt. Wenn ich die Zeitung lese, warte ich irgendwie unbewusst auf einen Banküberfall oder zumindest auf Mord und Heiratsschwindelei.

(Anna Kaleri)

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