Doreen Kunze | Drucken06.10.2011 

The time has come, the Walrus said

Mit „Songs for Alice“ lädt das Figurentheater Wilde & Vogel auf eine phantastisch-musikalische Reise

Röchelnd und düster: das weiße Kaninchen (Fotos: Therese Stuber)

Einen Dresscode scheint es für das Wunderland wohl nicht zugeben. Im weißen Unterhemd und mit pinkem Cowboyhut auf dem Kopf betritt Michael Vogel die Bühne, gefolgt von Charlotte Wilde in knalligen Strumpfhosen. Gemeinsam mit Johannes Frisch wollen das Figurentheater Wilde & Vogel an diesem Abend im Lindenfels Westflügel ins Wunderland reisen, und die Zuschauer dahin mitnehmen. Mit Songs for Alice (Regie: Hendrik Mannes) zeigt das Trio eine Adaption der durchaus bekannten Bücher Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln des britischen Autors Lewis Carroll. Die Auseinandersetzung mit dem Alice-Stoff ist allgemein sehr beliebt in Film und Literatur, erst letztes Jahr brachte Tim Burton eine eher mittelmäßige Verfilmung in die Kinos. Der Umgang mit Carrolls Werken ist bei Songs for Alice jedoch ein anderer. Eine musikalische Reise soll es werden, begleitet von wundersamen Figuren. Das zeigt schon das Bühnenbild: ein schwerer Kontrabass thront neben kurios anmutenden Rhythmusmaschinen und eine knallig bunte Fender E-Gitarre findet neben einer elektrischen Geige ihren Platz. Davor, dazwischen und daneben sind die Figuren des Stückes zu sehen. Schemenhaft lässt sich schon ein weißes Kaninchen erkennen und ein fleischig wirkendes Etwas am Bühnenrand scheint beharrlich ein- und auszuatmen.

In dieser Szenerie entwickeln die drei Spieler und Musiker nun Alice’ Geschichte, und gehen dabei sehr sprunghaft vor. In einem stetigen Miteinander von Musik, wie sphärischen Klängen und Gesang, und einem eher minimalen Puppenspiel werden Szenen aus den Büchern angedeutet und textlich unterlegt. Johannes Frischs Kontrabassspiel untermalt die Szenen stätig und schafft so ein klangliches Wunderland, das durch Charlotte Wildes Geigen- und Gitarrensound schaurige Formen annimmt. Nicht immer ist der Bezug zum Original dabei klar, hat man nicht gerade zuvor die beiden Bände gelesen und die Geschichte im Kopf. Durch die klaren Anfänge und Enden der tableauhaften Szenen schafft es die Inszenierung nicht, eine Illusion aufrecht zu erhalten. Vielmehr findet sich der Zuschauer immer wieder zurück in seiner Zuschauerposition, was der Gesamtheit des Ganzen abträglich ist.

Die Figuren, Puppen und Masken haben indes eine gewohnt erstaunliche Ausstrahlung und bewegen ihre Glieder mit einer wunderbaren Präzision. Während Michael Vogel eine Flamingo-Marionette über die Bühne laufen lässt, flattert ein kleiner Schmetterling ununterbrochen in seinem Einmachglas und lässt mit jedem Flügelschlag ein sanftes Klirren ertönen. Das weiße Kaninchen, eine Handpuppe, scheint unterdessen der Conférencier des Stückes zu sein, ganz wie er auch in Carrolls Werken eine Art roter Faden ist. Immer wieder taucht es auf, röchelnd und düster, und begleitet Alice ein Stück. Dass Alice dabei nie wirklich auftaucht, tut dem ganzen kein Abbruch. Befiehlt das Kaninchen dem Mädchen klein zu werden, dann bricht Vogel unter großer Anstrengung zusammen und die Handpuppe thront erhaben über ihm.

Die Sammlung der kuriosen Puppen wird durch eine Vielzahl anderer Figuren erweitert. Die Herzogin erscheint als große Maske mit umfangreichem Kopfschmuck, der Klumpen am Bühnenrand zeigt sich alsbald als die Wasserpfeife rauchende Raupe, welche Alice in ein wirres Gespräch über das Wesen der Identität verwickelt.

Die verschiedenen Szenen bei Songs for Alice sind stilistisch sehr durchwachsen. Von mehrsprachigen Unterhaltungen über wirres, endlos scheinendes Geschrei ist viel dabei, und genauso unterschiedlich sind die Reaktionen. Ist man als Zuschauer in einem Moment begeistert von der Ausdruckskraft einer Szene, verliert sich dies in der nächsten oft wieder. Als Rahmen für die musikalische Geschichte dient der Inszenierung Carrolls Lied „The Walrus and The Carpenter“ aus Alice hinter den Spiegeln. Immer wieder wird es angestimmt und verbindet die Einheiten so. Walross und Zimmermann bringen die jungen Austern am Strand dazu, sie zu begleiten. Schließlich essen die Beiden sie auf. Dasselbe Schicksal wird wohl die zuckrigen Schleckmuscheln ereilen, welche an der Abendkasse an die Zuschauer verteilt wurden.

Songs for Alice

Figurentheater Wilde & Vogel (Stuttgart/Leipzig), in Koproduktion mit dem Lindenfels Westflügel und dem FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart

Regie: Hendrik Mannes

Mit: Michael Vogel, Charlotte Wilde, Johannes Frisch

Premiere: 29. September 2011, Lindenfels Westflügel


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