Moritz Arand | Drucken | Kommentar (1)10.04.2013 

Knockout nach Niederschlag

„Stallgespräche“ 7.0 mit Clemens Meyer und Enrico Meyer: Langeweile und Aggression

Fotos: R.Arnold/CT

Ein Käfig in der Festspielarena im Centraltheater, grimmige Security in schwarzen Anzügen, aus den Lautsprechern tönt ein Remix des Rocky-Themas „Gonna fly now“ von Bill Conti, eine Leinwand und ein Maler... In dieser Szenerie verlief der Abend der siebten Stallgespräche mit Clemens und Enrico Meyer. Beim Anblick der stählernen Zelle läge die Vermutung nahe, dem Zuschauer würde im Verlauf des Abends ein intensiver Käfigkampf geboten. Doch aus Kampf wurde schnell Krampf. Dem als Warm-Up für die am nächsten Tag stattfindende dritte Leipziger Box Nacht (ebenfalls in der Festspielarena) gedachte Redeformat war bereits in den ersten Runden eine gewissen Müdigkeit anzumerken. Hinter einer unnötigen Deckung versteckten sich Clemens „Sugarray“ Meyer und sein auffallend wortkarger Sidekick vor ihren Gästen, die durchaus nicht unbekannt waren.

Der 1942 in Leipzig geborene Boxer Lothar Dummer brabbelt mitunter unverständlich von seiner Zeit als Boxer, erzählt von seinen Begegnungen mit Charlie Graf und Lothar Abend und von seinem gemeinsamen Training mit Cassius Marcellus Clay Jr. alias Muhammad Ali.

Der nächste Gast im Knast ist Timo „die deutsche Eiche“ Hoffmann. Der aus Eisleben stammende Schwergewichtler hat bereits gegen Luan Krasniqi und Vitali Klitschko geboxt. Gegen Krasniqi holte Hoffmann ein Unentschieden, gegen Klitschko verlor er nach Punkten, ist aber einer der wenigen Boxer, die gegen den Bruder von Wladimir Klitschko zwölf Runden im Ring stand. An manchen Stellen entfleucht Hoffmann ein nicht uninteressantes Bonmont wie zum Beispiel folgendes: „Boxen ist wie das wahre Leben auf zwölf Runden reduziert. Und du musst einmal mehr aufstehen, als dass du hingefallen bist.“ Um den Daseinskampf bewältigen zu können, sei der Boxsport eine nicht unwichtige Komponente der Kompensation. Und so sieht Hoffmann auch die Möglichkeit, durch den Boxsport Integrationsarbeit zu leisten. Nach seiner Karriere will er in Eisleben ein Boxgym eröffnen und jungen Menschen eine Chance geben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Boxen als Integrationsmaßnahme? Solange die Aggression im Ring bleibt und nicht auf die Straße getragen wird, ist das sicherlich ein respektabler Anspruch.

Als dritten Gast begrüßte Meyer seit der ersten Ausgabe der Stallgespräche mal wieder eine Frau. Eva „Rocky“ Rolle, die von Don King den liebevollen Namen Lady Pittbull verliehen bekam, ist Deutschlands erste Boxpromoterin und Chefin der Berliner Primetime Boxpromotion. Durch die Anwesenheit der Präsidentin des Maltesischen Boxverbandes kommt zeitweise, neben der überdrehten Selbstbeweihräucherung der berlinernden Dame, so etwas wie eine Diskussion zustande. Hoffmann und Rolle reden über Vergangenheit und Zukunft des Boxsports und kritisieren die Profitgier im Metier. Hoffmann wird dabei nicht müde zu behaupten, dass das Geld den Sport kaputt gemacht habe. Solche oder ähnliche Aussagen finden sich zuhauf in Kommentaren von Lesern diverser Sportartikel. Substanz? Fehlanzeige!

Mittendrin ein andächtig lauschender, viel zu ruhiger Clemens Meyer, der es wieder einmal verpasst, dem Gespräch eine Richtung zu geben, Akzente zu setzten, nachzufragen. Er hätte die Barbesitzerin Rolle fragen können, wie eine Kneipenschlägerei abläuft oder wie Schutzgeld eingetrieben wird... Dass Lothar Dummer während der Show nicht eingeschlafen ist, grenzt an ein Wunder. So ist es auch wenig überraschend, dass die Zuschauer nach eineinhalb Stunden den trockenen Abend zuende klatschen. Selbst Eva Rolle steht vorzeitig auf, weil sie eine rauchen will. Die Lacher des Abends produziert die unfreiwillige Komik Hoffmanns. Mit Kommentaren wie „Ein Vater ist keine Mutter“ oder „Wenn Boxen einfach wäre, dann hieße es Fußball“ erheitert er das Auditorium ein um das andere Mal.

Tragikomischer Höhepunkt des Abends waren sicherlich die nervig-störenden verbalen Ausfälle eines sichtlich angetrunkenen Zuschauers, den die Security gern hätte entfernen können. Vor seinem frühzeitigen Abgang lehnte der angezählte am Gitter des Käfigs, um Philipp Grötzinger beim Malen zuzuschauen. Der Künstler malte, wie könnte es anders sein, zwei Bilder auf denen jeweils ein Boxer zu sehen ist. Alle Bilder, die bisher im Rahmen der Stallgespräche entstanden sind, werden am 16.04. versteigert. Der Rest ist Schweigen und Warten auf die nächste Show.

Stallgespräche #7

Mit: Clemens Meyer, Enrico Meyer

Gäste: Lothar Dummer, ehemaliger DDR-Leichtgewichtsboxer

Eva „Rocky“ Rolle, erste Profiboxmanagerin Deutschlands, Chefin der Berliner Primetime Boxpromotion, Besitzerin einer Bar in Berlin-Kreuzberg

Timo „die Deutsche Eiche“ Hoffmann, deutscher Schwergewichtsboxer

27. März 2013, Centraltheater


Kommentare lesen und hinzufügen (1)

kreuzas schrieb am 17.04.2013 um 13:22 Uhr:

schutzgeld? kneipenschlägerei? brabble! timos unfreiwillige komik?
mann mann in welcher Welt lebst du? lern erstmal Respekt!!

 
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