| Drucken27.02.2004 

„Street Scene” beim 12. Kurt-Weill-Fest in Dessau (Matthias Wießner)

Eröffnungsveranstaltung des 12. Kurt Weill - Festes Dessau
Anhaltisches Theater Dessau
Freitag, 27. Februar 2004


"Street Scene" (Premiere)
Oper in zwei Akten von Kurt Weill (Musik) und Elmer Rice (Libretto)

Übersetzung: Stefan Troßbach
Musikalische Leitung: GMD Golo Berg
Inszenierung: Nicholas Muni
Ausstattung: Stefan Rieckhoff
Chöre: Markus Oppeneiger
Dramaturgie: Ronald Müller

Solisten: u.a. Janice Hall, Ulf Paulsen, Christina Gerstberger, Jörg Brückner, Pavel Safar, Kostadin Aguirov, Nikola David, Anja Karmanski, Günter Krause, Daniela Zanger, Anna Baranowska und Peter Diebschlag

Anhaltische Philharmonie Dessau
Chor des Anhaltischen Theaters Dessau

Koproduktion des Kurt Weill Festes Dessau mit dem Anhaltischen Theater Dessau


Weill und wie er Amerika sah

Zur Eröffnung der 12. Auflage des Dessauer Kurt-Weill-Festes lud das Anhaltische Theater Dessau zu einer Neuinszenierung der Weill-Oper "Street Scene". Der 1900 in Dessau geborene Komponist Kurt Weill hatte das Werk 1947 für den New Yorker Broadway geschrieben. Vor dem Hintergrund genauer Kenntnis der europäischen Opernmusik verwob Weill diese europäische Musiktheaterform mit der Form der amerikanischen populären Songs und verbindet die Vielfalt musikalischer Ausdrucksformen zu einem großen neuen Ganzen. Der Wunsch des Komponisten war es, "eine Musik zu schreiben, die zugleich ernst und leicht ist, opernhaft und populär, emotional und intellektuell, orchestral und vokal" und nichts weniger zu kreieren als eine "amerikanische Oper" in der Nachfolge George Gershwins.

Die Handlung, basierend auf dem gleichnamigen Drama von Pulitzerpreisträger Elmer Rice, spiegelt exemplarisch für den kulturellen Schmelztiegel New York das Zusammenleben von Einwanderern verschiedener Nationen und Kulturen in einer Straße dieser Stadt zwischen einem Abend und dem darauffolgenden Nachmittag. Dabei geht es um Klatsch und Streitereien, unerfüllte Sehnsüchte, geplatzte Lebensentwürfe, Generationskonflikte, Nachbarschaftshilfe, Armut, Einsamkeit, Vergewaltigung, Liebe und Eifersucht, die letztlich in einem Mord mündet. Dieses sehr amerikanische Stück besitzt auch etwas Allgemeingültiges für alle Gesellschaften.

In Dessau wird das Stück erstmals in einer neuen Übersetzung von Stefan Troßbach aufgeführt, abgesegnet von der in Fragen der Weill-Interpretation ausnehmend peniblen Weill Foundation (http://www.kwf.org). Regie führte der künstlerische Leiter der Cincinnati Opera und Weill-Experte Nicholas Muni. Er versucht den Naturalismus des Stücks zu brechen, indem er das Geschehen mit einer Rahmenhandlung versieht und gleichzeitig auf einer deutschen Straße mit nach dem Krieg ausgebombten und zerstörten Häusern und einer Straße in New York ansiedelt. Ausstatter Stefan Rieckhoff schuf dafür eine Straßenflucht mit zerstörten Häuserfassaden.

Zu Beginn sehen wir eine deutsche,junge Frau im langen,schäbigen grauen Mantel die winterliche ausgebombte Häuserzeile einer deutschen Strasse der unmittelbaren Nachkriegzeit entlanggehen. Sie verkörpert die Trostlosigkeit und Orientierungslosigkeit der Menschen nach dem Zusammenbruch der Diktatur und den Zerstörungen des Krieges. Einen fluchtartigen Ausweg aus der Misere bietet ein alter Volksempfänger, den die junge Frau aus den Trümmern hervorholt. Aus ihm tönt die "Stimme Amerikas" und kündigt die Übertragung vom Broadway in New York an, Weills Oper "Street Scene". Das Mädchen lauscht den Tönen aus dem Radio und so beginnt die Oper erst einmal "nur" als Rundfunksendung. Erst nach und nach regt sich etwas auf der Bühne, nach einigen Momenten singen und spielen Darsteller und Orchester live. Jetzt ist die Szenerie in das New York der 40er Jahre transferiert, Bühne und Personen in ein traumhaft anmutendes Gelb, wie auf einem alten Foto, getüncht. Die junge Frau träumt sich in die Geschichte hinein und übernimmt letztlich sogar die Rolle der Rose.

Die musikalische Leitung des Abends oblag dem Generalmusikdirektor des Anhaltischen Theaters, Golo Berg. Er leitet das umfangreiche Dessauer Ensemble souverän über die Schwierigkeiten der anspruchsvollen Partitur. In der zentralen Rolle des Mädchens Rose Maurrant bezauberte mit ihrem schlanken Sopran und ihrer frischen, intensiven Spielweise Christina Gerstberger. Ebenso eindrucksvoll auch die in San Francisco geborene Janice Hall als ihre Mutter. Glaubwürdig spielt sie die von ihrer Ehe frustrierte Anna Maurant, die den Ausweg in einer außerehelichen Affäre sucht. Sie ist aber auch jeweils zur Stelle, wenn es in der Nachbarschaft Hilfe braucht, argwöhnisch beobachtet von ihrem hartherzigen und vorurteilbelasteten Mann. Ulf Paulsen spielt einen konservativen Familienvater, dominant, Schläge verteilend und gegen alles Moderne argumentierend. Gerade bei Janice Hall wünschte man sich das englische Original zu hören, da die Übersetzung ins Deutsche bewirkt, dass hier deutsch mit amerikanischem Akzent gesungen wird. Die neue deutsche Übersetzung ist zwar gelungen, doch wirkt die Sprache so manches Mal behäbiger als das englische Original.

Den stärksten Musicalmoment bringt die Genre-Fachfrau Anja Karmanski als Mae Jones auf die Bühne. Sie stolziert als Femme fatale durchs Quartier und legt mit ihrem Partner eine gelungen anzügliche Sing- und Tanzeinlage aufs Parkett. Ansonsten ist der Spielfluss für ein Musical mehrheitlich zu statisch.

Eifersucht führt dazu, dass Roses Vater seine Frau und ihren Liebhaber ermordet. Solch eine gescheiterte Beziehung vor Augen kann sich Rose auch nicht dem Werben von Sam, einem wissbegierigen jungen Juden, hingeben und verweigert jede feste Bindung. Sie möchte vorerst allein in die Welt und versuchen, ihr Leben neu zu beginnen.

Alles in allem war "Street Scene" ein gelungener Auftakt zum Dessauer Weill Fest, dass in diesem Jahr unter dem Motto "Stadtkultur" stand - ein angesichts von Entstädterung und Bevölkerungsabnahme, schrumpfenden Städten, Zersiedlung und des gerade im Osten Deutschlands geschehenen und weiter erforderlichen Stadtumbaus hochaktuelles Thema. Über den "Großstadtkomponisten" Weill knüpft es an die Großstadtbegeisterung und -kritik der Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Es nimmt aber auch die langjährigen Beschäftigung des Bauhauses Dessau mit dem Thema Stadt auf. Ausgestattet mit solchem Motto gelang es dem diesjährigen Kurt-Weill-Fest in Dessau sich aus dem Allerlei der inzwischen unüberschaubaren Festivalvielfalt herauszuheben.

(Matthias Wießner)

Anhaltisches Theater Dessau, 16. April, 14. Mai, 25. Juni.
www.anhaltisches-theater.de.

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