Doreen Kunze | Drucken02.04.2012 

In die Enge getrieben

Sebastian Börngen inszeniert Strindbergs „Rausch“ im Partyzelt der Cammerspiele

Fotos: Hannes Fuhrmann / Cammerspiele

In einem großen weißen Partyzelt nimmt der Zuschauer Platz, an diesem Abend in den Cammerspielen. Während es sich langsam füllt, wird die anfängliche Bierzeltatmosphäre rasch durch ein immer stärker werdendes Gefühl der Beklemmung abgelöst. Mit jedem weiteren Zuschauer wird es enger und wärmer, denn das Zelt ist zu allen Seiten hin geschlossen. Und gut besucht ist das Theater zur Premiere von Rausch allemal. Wie schon viele Theatermacher vor ihm versucht sich auch Jungregisseur Sebastian Börngen an dem gleichnamigen Drama des Schweden August Strindberg, kommt dabei aber immer wieder ins Stolpern.

Strindberg erzählt in seinem Werk vom Regisseur und Dramatiker Maurice, von dessen Erfolg auf den Pariser Bühnen und von seinem plötzlichen Fall. An nur einem Abend zerstört er sein Leben und hintergeht seine Verlobte sowie seinen besten Freund. Börngen setzt mit seiner Inszenierung an eben diesem Abend ein, steckt die Vorgeschichte durch eine kurze Videosequenz ab. Die Wand des Partyzelts wird so zur Projektionsfläche. Zu sehen sind die sich verbeugenden Schauspieler auf der großen Bühne. Sie winken Maurice herbei, auch dieser lässt sich vom Publikum bejubeln. Eine Erzählstimme gibt die nötigen Informationen: Maurice´ Stück feiert Premiere in Paris und wird die Theaterlandschaft nachhaltig prägen. Es ist ein großer Tag für alle, und ein erhabener Moment für Maurice. Viel von dem, was die Stimme aus dem Off sonst noch erzählt, geht leider wegen der schlechten Akustik unter, was für den Zuschauer vor allem unbefriedigend ist.

Dann wird die Zeltwand geöffnet – endlich strömt auch frische Luft herein – und die eben noch auf der Leinwand gezeigten Schauspieler stehen nun in Person vor dem Publikum. Die Situation wird schnell deutlich: Es ist die Premierenfeier, auf der sich anfänglich noch alle gegenseitig loben und wertschätzen. Obgleich nur fünf Personen auf der Bühne sind, schaffen diese es, durch Beschreibungen und ausschweifende Gesten den Eindruck einer ausgelassenen, gut besuchten Party zu vermitteln. Als Zuschauer fühlt man sich schnell in der Rolle des heimlichen Beobachters. Das Geschehen spielt sich größtenteils außerhalb des Zeltes ab, dieses lenkt den Blick auf den Bühnenraum dahinter und erschafft eine Guckkastenbühne par excellence, die durch gelegentliches Spiel im Zelt allerdings aufgebrochen werden kann und wird.

Das Beziehungsgeflecht der Anwesenden wird im Laufe des Spiels auseinandergenommen und analysiert, die anfangs positive Grundstimmung schlägt immer mehr ins Negative um. Zwischen Maurice und dessen Verlobter Jeanne scheint es unausgesprochene Konflikte zu geben. Die Beziehung der beiden wirkt zuweilen aggressiv und resigniert. Einzig ihre kleine Tochter verbindet sie noch. Als Maurice sich dann auch noch auf die verführerische Henriette, die Freundin seines besten Freundes einlässt, ist die Gefühlverwirrung perfekt. Er, der sich im Lichte seines Erfolges gut fühlen sollte, verliert plötzlich jedes Gefühl für gut und schlecht. Gemeinsam mit Henriette sondert er sich von der Gruppe ab, die Zeltwand wird geschlossen, so dass die beiden allein sind. Gemeinsam spinnen sie sich ein Leben in Freiheit und ohne Verpflichtungen zusammen, rücken mit ihren Stühlen dabei immer näher zueinander. Wo nun sexuelle Spannung sein sollte, kann man diese hier bestenfalls erahnen. Die Szene wirkt zu aufgesetzt und gespielt. Überhaupt nimmt man den Darstellern ihr Spiel stellenweise nicht ab, Texte wirken auswendig gelernt und die Szenen mechanisch aneinandergereiht.

Das in der Inszenierung, neben einem Tisch, ein paar Stühlen und natürlich dem Zelt, auf jegliches Bühnenbild verzichtet wird, ist dem Ganzen nicht unbedingt abträglich. Textpassagen aber, die sich immer verworrener in die Länge ziehen, hingegen schon. Auch getanzt wird viel im Stück und so der Premierenparty-Charakter aufrecht erhalten. Neben bunten Discolichtern kommt auch ein Stroboskop zum Einsatz. Wild tanzen die Schauspieler in dessen Blitzlicht, erschaffen ein starkes Bild, das viel Potenzial in sich birgt. Um sie herum scheint sich der Raum aufzulösen, die Augen können den ruckhaften Bewegungen nur noch schwer folgen. Doch auch dieses wird letztlich überstrapaziert, so dass man irgendwann einfach nicht mehr hinsehen mag.

Im Laufe des Stückes wartet man als Zuschauer leider oft vergebens auf Höhepunkte oder Ereignisse. Die Handlung treibt vor sich hin, ohne wirklich voranzukommen. Stattdessen werden die Intrigen immer stärker verwoben. Es ist von einem dunklen Geheimnis die Rede. Dieses verliert sich jedoch im Laufe des Stückes und wird nie aufgelöst. Trotz allem schafft es die Inszenierung, den Zuschauer gefühlsmäßig mitzunehmen in die scheinbare Ausweglosigkeit der Protagonisten. Immer verworrener wird das Spiel, bis sich alle Darsteller schließlich im Zelt befinden. Nun sind auch wieder die Wände geschlossen und sofort wird die Luft stickig. Getrieben von der unausweichlichen, großen Katastrophe am Ende suchen die Figuren einen Ausweg, fallen in der Enge immer wieder übereinander her. In das alles kann der Zuschauer sich sofort einfühlen, ist doch auch er eingesperrt und kann nicht anders, als dem Geschehen folgen. Das mag belasten, ist aber eben genau die Stärke des Stückes. Theater muss nun einmal nicht immer komfortabel sein.

Rausch

R: Sebastian Börngen

Mit: Sarah Ahlschwede, Tanja Haberland, Sophie-Luise Lenk, Martin Skurt, Karsten Zahn

Premiere: 22. März 2012, Cammerspiele


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