D.H. Elle | Drucken09.04.2019 

Monsters but no monsters

Claudia Bauer inszeniert am Schauspiel Leipzig Tennessee Williams' „Süßer Vogel Jugend” als fade Groteske

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Julia Preuß als Heavenly mit Michael Pempelforth als Boss Tom Finley (Fotos: Rolf Arnold)

Tennessee Williams weiß, wovon er schreibt, wenn er in „Süßer Vogel Jugend“ die alternde Filmdiva Alexandra del Lago mit ihrem jungen Liebhaber Chance voll alkoholisiert, mit Pillen und Hasch versorgt, in einem Hotel in dessen Heimatdorf St. Cloud absetzt. Das Stück spiegelt mit brutaler Ironie Williams eigene küstlerische und emotionale Krisen: Die zahlreichen künstlerischen Flops, die Nichtakzeptanz seiner Homosexualität in der Südstaatenheimat, die Verzweiflung über die psychiatrische Erkrankung seiner heiß geliebten Schwester. Sie alle bilden die Folie für einen etwas umstädlichen Plot, den Hausregisseurin Claudia Bauer nun am Schauspiel Leipzig inszeniert hat.

Alexandra del Lago trinkt und hurt und weint an der Sauerstoffflasche hängend ihrer Filmkarriere nach. Chance versucht über den Hollywood-Fame von Alexandra del Lago einen Star-Wettbewerb zu organisieren, um mit seiner Jugendliebe Heavenly als Gewinnerpaar nach Hollywood durchzubrennen. Chance weiß noch nicht, dass Heavenly sich damals mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hat und ihre Gebärmutter entfernt werden musste. Diese Kastration der Dorfschönheit ist für die puritanische Kleinstadt und ihren Bruder Tom Finley ein Skandal. Sie versuchen Chance loszuwerden. Aber nicht nur Chance ist eine sexuelle Bedrohung im amerikanischen Süden. Ein Schwarzer wird von Tom Finleys Anhägern kastriert. Familienoberhaupt Boss Finley, weißer Unternehmer und rechter Politiker, kämpft um seine Stimmen, das weiße amerikanische Patriarchat und das Ansehen seiner Familie.

Scheitern gilt bei Tennessee Williams leider nicht als Chance

If I could turn back time – Scheitern gilt bei Tennessee Williams leider nicht als Chance, und so sitzen auch in Claudia Bauers Inszenierung die Protagonisten zwischen meterhohen schwarzgläzenden Vorhägen wie in einem riesigen Restmüllsack. Eine karge Vorhölle, durch deren Öffnung von der Hinterbühne ein warmes Licht aus einer Garderobe scheint, in der wir uns stundenlang für einen Auftritt vorbereiten könnten, der aber niemals stattfinden würde. Über den Köpfen Ballons, auf denen per Videoprojektion die Hauptcharaktere in charmantem Schnellsprech ihre Lebenslügen rechtfertigen. Der Tod, zwei Röschen an den Schläfen, spielt Klavier dazu. „Fehlt nur noch, dass die Ballons platzen“, kommentiert ein Zuschauer verzweifelt die nicht sehr subtile Metaphernsprache des Bühnenbildners Andreas Auerbach, während die Drehbühne unaufhörlich um sich selbst kreist: „Wie die Protagonisten ...“

Wenn es schon keine Spannung auf das, was passiert, geben soll, warten wir gespannt darauf, wie es passieren wird, denn Williams bietet genug an verstörendem Material. Florian Steffens als Chance und Anita Vulesica als Alexandra del Lago rennen aber leider nur in allzu schönen Körpern in erwartbarem Satin über die Vorbühne und kreischen sich gegenseitig heiser. Was nervös und überdreht anfägt, wechselt bald in einen genervten Ton, der sich zu einer genervten Haltung auswächst, als müssten Textmassen weggestemmt werden, bevor endlich das eigentliche Stück beginnen kann. Gepaart mit platten Sexanspielungen wird es fast unerträglich. Thomas Braungardt als zukünftiger Bräutigam von Heavenly in Anzug und Krawatte bringt mit seinem Intermezzo keine neue Farbe in die Spielsituation. Der Diener Fly, der in der Stückfassung eigentlich ein Schwarzer ist und die Unterdrückung der Schwarzen zeigt, ist für das Regie-Team ein David-Lynch-artig mysteriöser, weißgeschminkter junger Herr, dessen Mysteriosität weder begründet wird, noch nehmen die Mitspieler an ihr groß Anstoß.

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Florian Steffens als Chance und Anita Vulesica als Alexandra del Lago

Im Programmheft werden Brücken zu Trumps weißem Suprematismus geschlagen. Aber auch die Erwartung, in der Figur des Boss Finley eine komische Verzerrung des Trumpschen Gehabes oder gar die Vielschichtigkeit von Trumpscher Manipulationsfähigkeit zu erfahren, bleibt aus. Geradezu kleinlaut wirkt Michael Pempelforth unter seinem Südstaatler-Hut, ein bisschen müde von der Macht, aber noch nicht mal wirklich müde. Ungleichmäßig ausgestopfte Bäuche, der Sohn trägt ein Mickey-Mouse-T-Shirt, sie singen völkisch ... Der Tod spielt wieder Klavier.

Julia Preuß als Heavenly im Tutu mit Knieschoner ist die erste bizarre Figur des Abends, die schnell zwischen weinerlich und rotzig wechselt, die wie verwurzelt mit großen Augen in der Bühnenmitte von ihrer Operation berichtet und eine blutige Hand aus der Unterhose zieht. Die plötzlich leicht wie Schaumwellen am Strand spricht, als Chance sie als schaumgeborene Venus mit Regenbogenwirbel beschreibt: Eine großartige Szene, die so schnell zwischen Privatheit und Öffentlichkeit der Figuren wechselt, dass man sich die Augen reibt und ehrlich berührt ist. Leider bleibt Heavenly mit ihren blutigen Fingern dann doch die ausdrücklich deklarierte Wahnsinnige des Abends. Und man ist froh, dass sich als unerwarteter Wahnsinn Sophie Hottinger dazugesellt. Leicht und quäkig umschlingt sie mit schrägen körperlichen Verrenkungen den Raum und schließlich Chance Wayne und hat sichtlich Lust an dem Verwirr- und Verführspiel als alternde Femme fatale Miss Lucy. Wunderbar zittert und trippelt auch Annett Sawallisch als Tante Nonnie auf der Stelle, als trage sie ihren ganz eigenen unterdrückten Wahnsinn auf die Bühne, der wie ein Dämon nicht aus ihrer Hausfräulichkeit heraus kann.

Was der Abend hätte sein können

Man merkt jetzt, was der Abend eigentlich hätte sein können. Ein Feuerwerk an skurrilen Bewegungen und schnellen Sprechsalven in unerwarteten, rasant wechselnden Haltungen. Entstellte Körper. Eine Gesellschaft in Panik. In der dann ein rechter Politiker wie Boss Finley, wenn er nur Ruhe und Normalität ausstrahlt, plötzlich wählbar wird. Stattdessen bleibt es ein Abend mit angezogener Handbremse. Und nur wer das Stück noch nicht kennt (und das scheinen zur Premiere viele zu sein) lässt sich von den Stückwendungen und Tennessee Williams Sprachkunst überraschen und zum Lachen bringen. Eine Sprache, die in der Übersetzung von Nina Adler aber auch einige Probleme birgt. So heißt „Chance“ in der deutschen Fassung Karl Wayne und nicht wie im Original Charles Wayne. Chance sagt, er spüre in sich eine „Sperre“ und meint doch damit sicherlich die künstlerische „Blockade“, die Williams auch in der Vorrede zum Stück beschreibt, und keine „Straßensperre“. Man ist seit den 80ern schon nicht mehr „voll wie eine Haubitze“, und „Bestie“ wäre durchaus mit „Monster“ zeitgemäßer übersetzt. Überhaupt könnte man in Leipzig, das im Jahr 2019 von dem Zuzug vieler internationaler Studenten und Künstler profitiert, durchaus mehr mit Anglizismen spielen. Es wäre ein Anfang, wenn Anita Vulesica als Alexandra del Lago aus dem Zuschauerraum rufen dürfte: „Ich bin so …lost! Lost! Lost! Lost! Lost! Lost!“ Statt: „Ich bin so verloren. Verloren. Verloren. Verloren. Verloren. Verloren.“

Die Groteske von Claudia Bauer scheitert, aber Williams Stück wirkt überraschend aktuell, was dann auch mit viel Applaus quittiert wird. Der schnelle Fame, den uns die digitale Welt verspricht, kann durchaus mit der Hollywood-Geilheit der 60er-Jahre verglichen werden. Und die Dynamiken des amerikanischen Rassismus haben noch nahezu das gleiche Gesicht. Wenn sich das Bühnenbild am Ende des Stückes zum musikalischen Endzeitarrangement von Roman Kanonik mit hochfrequenter Freddie-Mercury-Stimme in einen schwarzen Saloon mit der Aufschrift LOOK AT ME mausert, hat man das Gefühl, dass das weibliche und männliche Ich von Tennessee Williams auf der Vorbühne stehen und sie sich wie ein Gender-Wunder anstarren. Chance verschwindet in dem schwarzen LOOK-AT-ME-Saloon wie in einer Gruft. Die Frau macht weiter. Von diesen Momenten wünscht man sich mehr, an einem Abend, der eben leider nicht „Theatertreffen! Theatertreffen!“ ist, wie ein Kollege hinter mir raunt.

Süßer Vogel Jugend

Von Tennessee Williams

Deutsch von Nina Adler

Regie: Claudia Bauer

Premiere: 6. April 2019, Schauspiel Leipzig, Große Bühne

Weitere Aufführungenstermine unter www.schauspiel-leipzig.de

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