| Drucken17.12.2001 

„Supermarket”, Repertoire (Anna Kaleri)

Probleme mit dem Wertesystem

Ein Tag in der Warteschleife: "Supermarket" von Biljana Srbljanovic
an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin

Ein ungewöhnlicher Empfang in einem Theatersaal ? dem Besucher, der sich den dunklen Gang hinter der Zuschauerempore entlangzwängt, schlägt relaxt-lebendige Musik entgegen. Vier Herren in weißem Smoking, ausgerüstet für eine Jazzsession, sitzen vor der Bühne und lassen gar nicht erst ein verstaubtes, heiliges Gefühl aufkommen.

Auf der Bühne befinden sich zwei staksige Schultische und ein Bürotisch. Sie werden durch eine Wand mit Tür und Fenstern abgegrenzt von der roten Laufbahn eines Sportplatzes. Das sind schon die drei Spielebenen, auf der sich die Handlung oftmals gleichzeitig abspielen wird. Während zwei Schüler (Linda Olsansky, Mark Waschke) auf dem Sportplatz ihre wenig galante Turnübungen vollführen, wartet im Büro ein Lokalredakteur (Gerd Wameling) auf den Direktor der Schule. Das Telefon klingelt. Etwas Mysteriöses hängt in der Luft. Es sind nicht nur die drei amerikanischen Kampffliegermodelle über dem Direktorenschreibtisch.

?Spielt mit Flugzeugen, der Idiot?, spricht der Reporter in sein Diktiergerät, mit dem er im Laufe des Stückes einige Probleme haben wird. Die Sportlehrerin (Cristin König) ist von dem verheirateten, alles andere als erotischen Bürokundelehrer (Jörg Hartmann) schwanger. Jeder hat mit jedem einmal, ?die Kinder haben Probleme mit dem Wertesystem?. Direktor (Falk Rockstroh), der eigentlich nur ein harmloses Interview zum Thema zehn Jahre Mauerfall abgeben soll, wartet mit einer dicken Akte auf. Sie soll sensationelle Enthüllungen zu seinem Dissidentendasein enthalten, wegen dem er angeblich aus Jugoslawien fliehen musste. ?Was Sie da in den Händen halten, ist Sprengstoff?, sagt Direktor Schwartz alias Crnojevic, aber den Redakteur interessiert die Akte nicht im Geringsten.

Wir erleben pubertierende Schüler zwischen Albernheit, Überforderung und Aggression. Drei Tennisbälle sind verschwunden, ein Schulfest soll vorbereitet werden - ein vertrautes Szenario -, aber am nächsten Tag steht wieder der Reporter im Büro, klingelt wieder das Telefon, der Vortag wiederholt sich in kleinen Variationen, ähnlich dem Film ?Und täglich grüßt das Murmeltier?. Nur daß der Protagonist am neuen Tag auch nicht viel besser mit der Situation umzugehen gelernt hat und sich die Figuren als immer skurrilere entpuppen.

?Soap opera? nennt die junge serbische Autorin Biljana Srbljanovic ihr Stück im Untertitel. Aufgewachsen mit den Serien ?Dallas? und ?Denverclan? im Jugoslawien der siebziger/achtziger Jahre ergibt sich als Basis ihrer Stücke ein schräges Gemisch. Wie schon in ihrem Stück ?Familiengeschichten. Belgrad? erscheint die Wirklichkeit als ein Kinderspiel. (In den ?Familiengeschichten? bringen Kinder ihre Eltern um, die in der nächsten Szene wieder auf der Bühne stehen, als wäre nichts gewesen.) Auch in ?Supermarket? gibt es keine chronologische Handlung und was in der vorhergehenden Szene offenbart wird, ist in der nächsten nicht mehr wahr. Das erinnert tatsächlich an ?Dallas?, wo Bobby Ewing, vor ein paar Serien gestorben, doch wieder mitspielen will und irgendwie plausibel für den Zuschauer eingefädelt werden muss. Es war alles nur ein Traum von Pamela. Und der Fernsehzuschauer nimmt das alles hin.

Biljana Srbljanovic benutzt diese Art der soap opera, um die tiefgreifende Irritation der Nachwendezeit darzustellen. Und als Konsumkritik, wobei dieser Zusammenhang und auch der Titel etwas weit hergeholt scheinen. Regisseur Thomas Ostermeier setzt zwischen den einzelnen Szenen Videoprojektionen ein. Die Erde von oben, eine Banane, eine Coladose im Weltraum - so viel zur Konsumkritik. Perfekt abgeguckt aus den Serien sind die Minen der Schauspieler, sie frieren ein und erscheinen als Projektion auf der Leinwand, zusammen mit unzähligen Serienausschnitten mit stereotypen, symbolhaften Gesten, die wir uns als Fernsehzuschauer ankultiviert haben. Deshalb funktioniert auch das ?Switchen? zwischen Theater und Show reibungslos, unterstützt von der großartigen Livemusik, einem Crossover von Fernsehmusik, Freestyle und Fanfara ciocarlia. Das Publikum vergisst sofort, dass es in einem Theater sitzt, als der Schüler Mali Dzahiri mit Mikro und Spot ins Publikum geht und den Fernsehshow-Entertainer spielt.

Am Schluss scheitert der Selbstmordversuch des Direktors, die Sache mit der Akte war doch nur erlogen, das kennt man schon, und alles mündet in ein ironisches Happy End. Kinder und Seifenblasen kommen auf die Bühne. Die Kinder singen ?Freunde für ein ganzes Leben? und es wird einem so kitschig zumute, als säße man leibhaftig in einer Fernsehshow. Nicht Thomas Gottschalk heißt der Moderator, sondern Thomas Ostermeier der Regisseur, mit virtuosen Kandidaten wie Falk Rockstroh und Mark Waschke. Bravo und Applaus!

(Anna Kaleri)

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