Mathilde Lehmann | Drucken16.02.2011 

Die Erde plumpst vom Mond und treibt in Ellipsen

Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ in den Cammerspielen lässt Darsteller und Technik schwitzen

Wenn der Aufwand des Klatschens lohnt... (Fotos: Sebastian Schimmel)

Hunde können sprechen. Sie wollen bloß nicht. Aber wenn Hunde tatsächlich das Maul öffnen, ist es ziemlich ärgerlich, wenn sie hohlen Mist von sich geben. Man hatte dann doch gehofft, dass sie über tiefsinnigere Gedanken als die Menschen verfügen. Wie gut, dass diese Erkenntnis die einzig große Enttäuschung des Tagebuches eines Wahnsinnigen in den Cammerspielen Leipzig bleibt. Wohl gemerkt, weil es eine ist, die nicht der Regisseur Danilo Riedl verschuldet hat, sondern der Autor höchstpersönlich, Nikolaj Gogol.

Der Beamte Poprischtschin ist unglücklich mit seinem Beruf, zudem mindestens genauso unglücklich in die Tochter seines Vorgesetzten verliebt. Er flüchtet sich zunächst aus der Realität in kleine Traumwelten, doch der Wahnsinn nimmt überhand. Das geht so weit, dass Poprischtschin zur Überzeugung gelangt, nach dem Tode des spanischen Königs Ferdinand VII., zum neuen König gekrönt worden zu sein. Zu guter letzt wird er in eine Nervenklinik eingewiesen, welche er mit der Inquisition verwechselt. Der Plot ist genauso wahnsinnig wie sein Protagonist. Es liegt ein Flirren zwischen Realität und Fiktion in der Luft.

Das Publikum schmückt Vorder- und Hinterseite des Raumes, die Bühne befindet sich in der Mitte. Man kennt Nachteile einer zweiseitigen Bühne – egal, wie gut man mit Perspektiven spielt, es gibt immer einen Zuschauer, der gerade nichts sieht. Damit das nicht eintritt, haben sich Riedl und die beiden Darsteller ordentlich ins Zeug gelegt. Und es funktioniert. Die anderthalb Stunden sind bis in die Nanosekunden choreographiert, es gibt keine Hänger, kein Schleifen, nur klar gezeichnete Bewegungen durch den Raum.

Die Bilder, die daraus entstehen, sind sehr schön und faszinierend. So wird zum Beispiel die Rolle des Poprischtschins meist geteilt und von Sarah Arndtz und Christian Feist parallel zu beiden Seiten des Raumes gespielt. Hier formieren sich kleine Kämpfe zwischen den beiden Darstellern, bloß eine Seite des Wahnsinnigen kann den Vorrang haben – und so kommt immer einer der beiden zur Sprache: Arndtz sitzt unter einem Tisch und lässt ihre Augen gemein glitzern, Feist stellt sich auf einen anderen Tisch und pendelt langsam, artikuliert sich schwerfällig, klammert sich an Ziegelsteine und konstatiert immer wieder: „Aber warum denn nur auf Spanisch?“ Eine diabolische Stimmung kommt auf, wie man sie schwer beschreiben kann. Die Wechsel der Rollen sind schnell und hart, verwirren und hinterlassen den leichten Dunst von Wahnsinn durch den Raum wabern.

Irritierenderweise ist es nach der Vorstellung jedoch nicht mehr festzustellen, ob man die Schauspieler überzeugend fand oder nicht. Jedes Nasenzucken und in die Haare greifen erschien bereits als bis ins kleinste Detail geplant. Sarah Arndtz und Christian Feist treten als Darsteller hinter ihrer Abbildung zurück, funktionieren, das muss gesagt werden, als Abbildung jedoch hervorragend. Selten sieht man ein so gut gebautes Stück, der Inhalt und die Form fügen sich ineinander.

Ungünstig ist es für solche Pläne, dass die Technik an dem Abend größtenteils versagt. Jedoch richtet die entsprechende Ansage Riedls die Aufmerksamkeit auf Fehler, die man sonst wohl übersehen hätte. Ungeachtet des Fehlens (laut Regie) offenbar elementarer Teile ist das Tagebuch eines Wahnsinnigen eine wunderschöne und intelligente Inszenierung, deren Zeit wie im Flug vergeht. Das Einsetzen des Applauses dauert ein wenig, jedoch nicht, weil man sich überlegt, ob die Vorstellung den Aufwand des Klatschens lohnt, nein, sondern weil man hofft, dass sie noch nicht zu Ende ist.

Tagebuch eines Wahnsinnigen

nach einer Erzählung von Nikolai Gogol

R: Danilo Riedl

Mit: Sarah Arndtz, Christian Feist

Premiere: 26. Januar 2011, Cammerspiele


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