| Drucken11.06.2002 

Tango pasión mit dem Sexteto Mayor (Ian Sober)

11.06.2002, Opernhaus Leipzig
Tango pasión

Veranstalter: Argo-Konzerte GmbH (weitere Termine am Seitenende)

Sexteto Mayor:
José Libertella ? Arrangements und Bandoneon
Luis Stazo ? Arrangements und Bandoneon
Mario Abramovich ? Violine
Eduardo Walczak ? Violine
Osvaldo Aulicino ? Kontrabaß
Oscar Palermo ? Keyboards

Special guests des Sexteto Mayor für Tango Pasión:
Jorge Orlando ? Schlagzeug
Anibal Gluzmann Becker ? Keyboards

Ensemble:
Juan Corvalan & Viviana Laguzzi
Osvaldo Ciliento & Graciela Garcia
Omar Ocampo & Monica Romero
Alberto Morra & Claudia Díaz
Omar Mazzei & Viviana Fortino
Claudio Orso & Graciela Caló

Gesang:
Guillermo Galvé

Choreographie:
Hector Zaraspe

Digitale Installation:
Shelley Eshkar

Konzeption und Produktion:
Mel Howard


Sechs sexy Paare und ein Sextett

Als Anfang der 80er Jahre die Show Tango Argentino in der westlichen Welt die bis heute andauernde Tango-Begeisterung auslöste, war das nicht zuletzt auch das Verdienst des Sexteto Mayor (bereits 1973 gegründet) mit der unverwechselbaren Brillanz seines Klangs. Auch bei der z. Zt. in Leipzig gastierenden Produktion Tango Pasión spielt dieses wohl berühmteste zeitgenössische Tango-Orchester die Musik. Schon allein deshalb lohnt die Investition in eine Eintrittskarte. Was nicht heißen soll, daß den Augen nichts geboten würde. Mit müheloser Eleganz, doch bisweilen atemberaubendem Tempo drehen sich die sechs Paare umeinander, die einzig für den Tango typische Invasion der Beine in den Tanzkreis des Partners bis zum Exzeß betreibend in einer Flut von sacadas und ganchos.

Der argentinische Tango (nicht zu verwechseln mit seiner europäisierten Standardtanz-Version) ist keine Abfolge von festgelegten Schritten, sondern seinem Wesen nach improvisiert. Zu jedem Zeitpunkt muß der Mann durch eindeutige Körpersprache seiner Partnerin ihre nächsten Schritte mitteilen. Zugegebenermaßen gibt es fertige Elemente, die frei kombiniert werden können und somit auch einer Choreographie zugänglich sind. Die Vermittlung improvisierter Elemente wird einfacher, wenn sehr eng getanzt wird, wobei dann das Ziel in der harmonischen Einheit des Paares besteht. Die effektvollen Figuren beim Showtanz verlangen dagegen mehr Abstand und sind meist choreographisch festgelegt.

Nun kann man den Paaren von Tango Pasión keineswegs den Vorwurf machen, beim Balanceakt zwischen Effekt und Gefühl letzteres zu vernachlässigen. Naturgemäß schlägt beim Showtanz die Waage ein wenig zugunsten des Effekts aus, doch läßt die hier sichtbare Mühelosigkeit der Ausführung erst gar keine Gedanken an seelenlose Akrobatik aufkommen. Die Paare besitzen eine unglaubliche Eleganz. Die unendlich langen Beine der schönen Tänzerinnen klammern sich immer wieder um die Körper ihrer Partner, um dann plötzlich zurückzuweichen in eine andere Figur und eine neue Auflösung. Es werden kleine Geschichten erzählt. Ein heruntergefahrenes Bild, das das im Hintergrund der Bühne sitzende Orchester kurzzeitig verdeckt, stellt die Handlung in den Rahmen eines Tanzcafés. Da werden mit Hilfe des Kellners romantische Nachrichten zwischen den Tischen ausgetauscht, Frauen betrachten sich in einem eingebildeten Spiegel (mit Posen der Eitelkeit, die aus Ettore Scolas Le Bal stammen könnten), es geht um Koketterie und Rivalität.

Es gibt keine choreographische Vereinheitlichung, was auch dem Wesen des Tangos als Paartanz widersprechen würde: Auch wenn alle Paare gleichzeitig auf der Bühne sind, tanzt jedes Paar etwas Eigenes (und auch die Kleidung ist bei jedem Paar anders). Zwischendurch gibt es immer wieder gesungenen Tango ohne Tanz (Guillermo Galvé, ehemals Meisterschüler von Roberto Goyeneche) sowie reine Orchestereinlagen. Da kann man dann ungestört die erfahrenen Herrn des Sexteto Mayor (unterstützt von J. Orlando und A.G. Becker an Schlagzeug und Keyboards) bei ihrer Kunst bewundern. Die ausgeprägte Rhythmik und der charakteristische Klang mit dem Glanz einer polierten Oberfläche taugen beileibe zu mehr, als nur zur Begleitung.

Die Show ist zweigeteilt, die erste Hälfte den tanzbaren Klassikern (wie Recuerdo, La Cumparsita) gewidmet, im zweiten Teil ist viel Raum für Astor Piazzolla. Neben den Tangos gibt es viele Milongas (schnelle, rustikalere Version des Tango), leider keinen Vals (Tango im Walzerrhythmus). Die Betonung liegt eher auf schnellem, effektvollem Tanz; ein langsamer Tango dazwischen hätte jedoch eine weitere Facette des Tanzes gezeigt und den recht ähnlich bleibenden Stil noch nuanciert. Am Ende der Show gibt es ein überraschendes optisches Bonbon: Vor einem effektvoll realisierten Sternenhimmel bekommt das Paar auf der Bühne Konkurrenz von einem plötzlich auftauchenden und wieder verschwindenden virtuellen Paar, das in blau und rot auf eine durchsichtige Leinwand im Vordergrund projiziert wird.

Nicht nur Tangoliebhabern (nur acht Mitglieder des harten Kerns der Leipziger Tangoszene wurden am Dienstag im vollen Opernhaus gesichtet) sollte diese Veranstaltung ihren Eintritt wert sein. Wer dem Geld nachtrauert, denke doch einfach an den Satz: ?Der Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann?.

(Ian Sober)


Termine:

Di 11.6. 02 20:00 Uhr
Mi 12.6. 02 20:00 Uhr
Do 13.6. 0220:00 Uhr
Fr 14.6. 0220:00 Uhr
Sa15.6. 0215:00 Uhr und 20:00 Uhr
So16.6. 0215:00 Uhr und 20:00 Uhr

Ticketpreise zwischen 28,50 und 55,- Euro

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