| Drucken07.05.2005 

Tanz' den Chruschtschow! Schostakowitschs „Moskau, Tscherjomushki” erstmals in Österreich aufgeführt (Steffen Kühn)

Österreichische Erstaufführung:
"Moskau, Tscherjomushki", op. 105

Uraufführung 24. 1. 1959
Musikalische Komödie in 3 Akten und 5 Szenen von Dimitri Schostakowitsch
Bearbeitung: Gerard McBurney (reduzierte Fassung)
Text: Vladimir Mass und Michail Tscherwinski
Deutsche Übersetzung: Ulrike Patow (Liedtexte) / Nicola Raab (Dialogtexte nach der englischen Vorlage von D. Pountney)

Orchester der Wiener Kammeroper
Musikalische Leitung:Daniel Hoyem-Cavazza
Inszenierung:Nicola Raab
Ausstattung:Duncan Hayler
Choreografie:Michael Schmieder
Lichtdesign:Harry Michlits


Russischer Humor

Moskau am Ende fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts: nach dem Tod Stalins beginnt die Sowjetführung unter Nikita Chruschtschow ein gewaltiges Wohnungsbauprogramm anzukurbeln. Bei den kommunistischen Apparatschiks hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Sowjetbürger auch mit Zuckerbrot auf Linie gebracht werden können. Nach den entbehrungsreichen Jahren im Anschluss an den zweiten Weltkrieg lassen sich die Menschen auch gern durch die Aussicht auf eine eigene neue Wohnung verführen, im Übrigen ja auch in der westlichen Welt eine angewendete Methode zur Linderung der Wohnungsnot zu dieser Zeit.

Am heutigen Abend dreht sich aber alles um Tscherjomushki, die neue Plattenbausiedlung am Rande von Moskau. Augenscheinlich alle, außer ein paar unverbesserlichen Elementen, verknüpfen den Besitz einer eigenen Wohnung dort mit ihrem persönlichen Glück. Doch hinter dem staatlich verordneten Optimismus menschelt es gehörig. Die verordnete Ideologie muss natürlich offiziell erst mal hingenommen werden, im konkreten Fall aber wurde sie in Frage gestellt und korrigiert oder, und vor allem davon lebt Schostakowitsch´ Stück, durch Ironie und Satire auf ein menschlich - erträgliches Maß gebracht. Schostakowitsch, mit einer nachgesagten Leidenschaft für Offenbach ausgestattet, hat sich immer auch im Bereich der U-Musik zu Hause gefühlt. Nach dem Ende der auch für ihn in den letzten Jahren sehr ungemütlichen Stalinzeit scheinen in "Moskau, Tscherjomushki " die über viele Jahre gebremste Phantasie und der unterdrückte Humor aus ihm heraus gebrochen zu sein: Slapstick und Tanznummern neben Arien, Kabarett-Songs neben romantischen Duetten, Tango, Polka - die ernste Musik kann sich nur auf kurzen Strecken behaupten.

Das ist Hochgeschwindigkeitstheater und das Inszenierungsteam hat sich mit Verve darauf eingelassen.
Die umfangreiche Partitur für großes Sinfonieorchester musste für die (winzige) Wiener Kammeroper gelichtet werden, die für die sich überschlagenden Schauplätze viel zu kleine Bühne wird ins gesamte Haus erweitert. Wie so oft bei solchen Experimenten gewinnt die Inszenierung durch die gesetzten Grenzen. Vom Plattenbaualltag sind immer nur Fragmente zu sehen, reduzierte Stadtlandschaften, Teile von Kränen, unterstützt von Projektionen authentischer Bildern oder freier Situationen. In atemberaubendem Tempo bewegen sich die Sängerinnen und Sänger in einer vor Inspirationen sprühenden Choreografie.

Sascha und Mascha möchten nicht mehr jeden Abend allein nach Hause gehen, in einem zarten Duett erträumen sie sich ihr künftiges Heim: tanzende Warmwasserboiler, hüpfende Waschbecken, vorbeifliegende Heizkörper zum Schluss vereint im ehelichen Bett holt sie doch die graue Realität schnell wieder ein. Boris, halb Gauner, halb Dissident, hat es auf die gewissenhafte Lidoschka abgesehen, in jazzigen Rhythmen versucht er die erste Annäherung im Museum für Geschichte und Wiederaufbau. Lidoschka in großem Ärger über die ihr fehlende "staatliche Ausbildung" in der Abwehr aufdringlicher Männe,r schiebt ihn einstweilen ins Archiv der Überbleibsel des endenden 19. Jahrhunderts.

Nach langem Warten ist es endlich soweit, die Fahrt nach Tscherjomushki kann beginnen. Sergej, Chauffeur des großen Parteifunktionärs Drebednjow lässt sich von Boris überreden, alle im Dienstwagen mitzunehmen, vielleicht macht das ja Eindruck auf die Heldin der Arbeit Ljusja, Miterbauerin von Tscherjomushki und Ziel Sergejs verklemmter Phantasien. Jeder hat sich dann ein Teil des sowjetischen Luxusautos "ZIM" umgeschnallt, Projektionen von vorbeirasenden Landschaften, nach einem Unfall mit einem störenden Fußgänger ist ein Boxenstop notwendig, im Hintergrund Schumi im Ferrari, musikalisch unterstützt von viel Blech und allerlei Schlagwerk. Die Freiheit des Genres Operette nutzend, reiht Schostakowitsch in munterer Manier Szene auf Szene: den finsteren Hausmeister Barabaschkin, Drebednjow und seine neue Geliebte Wawa, die aus früheren Tagen mit Boris´ Halbwelt in Kontakt war. Die anspruchsvolle Choreografie wird von allen Darstellern mit Leidenschaft umgesetzt, besonders Boris in seiner Außenseiterrolle landet viele Höhepunkte. Die vielen koloristischen Einfälle der Partitur werden vom Orchester unter Daniel Hoyem-Cavazza ausgezeichnet beleuchtet, das durch die beengten Verhältnisse kleine, eher leise Orchester spielt die Stimmen in den Vordergrund, was vor allem Daniela Fally als Lidoschka überzeugend zu nutzen weiß.

Auch wenn das Wiener Premierenpublikum sicher nicht alle Facetten des sowjetischen Alltags durchschauen konnte, lohnte doch schon die virtuos-komische Komposition den Abend. Historisch ist es das Verdienst der Aufführung, zu zeigen, dass die oft eindimensionale Sicht auf den Alltag in kommunistischen Systemen die Menschen in all ihren Eigenheiten und Schwächen ausblendet.


(Steffen Kühn)

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