Mathilde Lehmann | Drucken15.09.2011 

It’s okay!

Bodytalk: Mit „Forever Young“ tanzen sich Yoshiko Waki und Thomas Langkau im Lofft auf ewig jung

Thomas Langkau und Yoshiko Waki (Fotos: Ralf Emmerich)

Am Rand des großen Saals im LOFFT liegt eine kleine, zierliche Frau am Boden. Den Nacken hat sie mit einem Schaumstoffschutz ummantelt, sie hat die Augen geschlossen und massiert Bauch, Arme, Beine mit einem elektrischen Massagegerät. Am anderen Ende der Bühne sitzt ein Mann in Bademantel und Handtuch auf dem Kopf. Er hat die Beine überschlagen und beschaut sich die hereinwuselnden Menschen. Musik setzt ein, er erhebt sich, langsam schreitet er nach vorne zu einem Mikrophon und beginnt zu singen: „Forever young, / I want to be forever young / do you really want to live forever / forever and ever...“

Forever Young, das sind die beiden Tänzer, die den Abend entwickelten und nun gemeinsam bestreiten, mit Garantie. Yoshiko Waki (46) und Thomas Langkau (53) führen ein Tanztheaterschauspiel über die Krisen des Älterwerdens als Tänzer auf. Die Krise, die verhandelt wird: Körperliches Versagen, Narzissmus und Nostalgie – wann hätte der Absprung zum Tanzpädagogen vollzogen werden müssen? All das führt zur Kernfrage, die sich Waki und Langkau stellen: Sind wir zu alt?

Die Antwort ist humorvoll, uneitel und deshalb (und auch so) sehr schön anzusehen. Man merkt, die beiden sind Vollprofis, jede Bewegung sitzt, ein Alter ist den Knochen nicht anzusehen, aber sie spielen es überzeugend. Da ist Thomas Langkau mit seinem tiefernsten, angespannt selbstverliebten Gesichtsausdruck, wie er sich um Pliés bemüht und nach Bestätigung von Yoshiko Waki hechelt. Die wiederum schaut verdrossen drein, ist leicht genervt und findet sich eigentlich noch sehr in Ordnung, auch wenn der Gang zum Massagegerät obligatorisch geworden ist.

Der Frust beider greift um sich, denn sie können es noch, wissen aber genau, eigentlich sind sie für ein Tänzerdasein zu alt. Sasha Waltz will auch nicht mit ihnen arbeiten und um Vortanzen wollen sie auch nicht mehr betteln müssen. Resignierend fragen sie sich: Sollte ich aufhören? Und sie beginnen, rumzualbern, sagen sich grinsend: Wir könnten ja eine Weiterbildung zum Tanzpädagogen machen! Im Gefängnis Ballettkurse geben! Klar, das ist eine Alternative. Und die Hinterwand der Bühne wird rot und gelb erleuchtet, sanfte Musik erklingt, in gediegenem Ambiente springen Langkau und Waki über die Bühne und rufen wieder und wieder: „It’s okay! Spüren Sie Ihr Genital. It’s okay!“

Langkau ächzt beim Ausführen der Choreographie. „Das ist meine letzte Vorstellung“ ruft er. „Das hast du das letzte Mal auch schon gesagt“, schnappt Waki und wirbelt weiter. „Und das Mal davor auch.“

Kurz und gut, der Abend ist kurz und gut, nur eine Stunde geht die Vorstellung und fühlt sich wesentlich kürzer an. Ich fühle mich hinreißend unterhalten und finde, das muss man sich schon angesehen haben. Schade nur, dass für die vielen Fragen, die gestellt werden, keine Antwort geliefert wird. In einer Stunde wird sehr wenig auf den Punkt gebracht. Das stört den unterhalten Werdenden kaum, aber der Abend muss mehrmals erlebt werden, damit er sich nicht aus dem Gedächtnis verflüchtigt. Unser aller Gedächtnis ist schließlich auch nicht mehr das jüngste.

Forever Young

Mit: Yoshiko Waki und Thomas Langkau

Premiere: 9. September 2011, Lofft


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