Alexandra Hennig | Drucken23.05.2011 

Fuck the pain away

Unterm künstlichen Grün: Under Green Ground zeigt Kompromisslosigkeit und Poesie, Schärfe und Nebel, Schönheit und Zerstörung ganz beieinander

Alexandra Naudet (Fotos: Tom Trambow)

Der heutige Abend hat Sie ins Theater geführt. Bevor Sie den Raum betreten und sich nieder gelassen haben werden, erwarben Sie wohl eine Karte – der Eintritt zu einer Welt, die Sie aufgefordert hat, Platz zu nehmen, sich in Sicherheit wägen zu können, um zu schauen, was dort auf Sie zukommen mag. Lehnen Sie sich zurück und sehen Sie: einen Raum, ein Körper, arrangiert, sich Ihren Blicken auszusetzen.

Bevor jedoch das Licht gedämmt wird, geht noch einiges vor sich. Eine Tänzerin beschaut die Bühne, die Technik (zwei Männer und eine Frau) zückt ihre Besen, Lampen werden ausgerichtet, Klebeband verlegt, scheinbar ohne von Ihnen gestört zu werden. Während Sie sich wohlmöglich fragen, wann es losgeht, verstehen Sie allmählich: Sie sind schon mitten drin. Das Licht bleibt an. Die Choreografie einer Situation, die schonungslos vermuten lässt, dass man Sie gar nicht erwartet hat.

Wenn vor aller Augen der Teppich ausgerollt wird, zeigt sich, dass Sie wohl willkommen sind, auch wenn Sie sich nicht verstecken können. Selbst das Notizbuch aufzuschlagen, erscheint als unverhüllte Geste, zu der es sich zu verhalten gilt. Wer wird hier von wem beobachtet, wenn die Grenze zwischen Zuschauenden und Akteuren entbehrt wurde?

… Aber, als wäre Ihr Unbehagen erhört worden, können Sie Momente später endlich im Dunkeln sitzen. Ein Lichtkegel fällt auf den Körper dieser Frau, die sich eben noch unbedarft die Schuhe ausgezogen hat. Jetzt liegt sie seitlich auf der Bühne, ausgestellt, ihre Posen erinnern an Haltungen antiker Figuren. Anmut und Leichtigkeit vor Ihren Augen, die nun gewahr sind - in der Obhut des Zuschauerraumes. Wie verändert sich Ihre Betrachtung, wenn sich die sinnlichen Bewegungen beschleunigen, immer gleiche Haltungen sich wiederholen und zu einer Geschwindigkeit formieren, die bedrohlich wird und sich unermesslich zu steigern scheint? Auf welche Weise werden Sie dem Gesichtsausdruck dieser Frau standhalten können, die sich Ihrer Begierde sehr wohl bewusst ist? Die stille Antwort bleibt ein skeptischer Blick in Ihre Richtung.

Plopp. Ist es wieder hell geworden. Dekonstruktion bietet Erlösung an. Immer wieder an diesem Abend erfahren stark aufgeladene Momente Brüche, die vorangegangene Szenen vielleicht ironisch überformen, gleichzeitig Raum für Reflexion sein können. Alexandra Naudet besitzt eine Ausstrahlung, deren Intensität sich schwer verbalisieren lässt. Unsägliche Tiefe begleitet Momente voller Stärke, Ausgelassenheit, Erotik und Zerbrechlichkeit.

Indes scheinen die drei TechnikerInnen sich in einer Parallelwelt zu befinden, ohne die solche Momente nicht entstehen könnten, weil sie doch ineinander greifen. Besonders die Beziehung der beiden Frauen erscheint als Partnerinnenschaft, deren Pole einander anziehen, brauchen und manchmal in Konkurrenz treten.

Glasplatten wurden auf die Bühne getragen. Rote und weiße Kacheln stehen hinter der Grünen Rasenfläche, deren Hintergrund sie bilden. Sie hat ihre Haare geöffnet, die Jacke abgestreift, um sich nieder zu lassen. Ihr Kinn ist auf die Handfläche gestützt, ein gequältes Lächeln schaut uns an und wir hören Peaches:

Sucking on my titties like you wanted me
Calling me, all the time like Blondie
Check out my chrissy behind
It's fine all of the time
Like sex on the beaches
What else is in the teaches of peaches?

Und wir sehen sie: aufstehen, lächeln, Gesicht stützen. Aufstehen, lächeln und… schwanken. Lächeln. Brüste zurechtrücken. T-Shirt glatt streifen. Inne halten.

Huh? What? Right. Uhh
Huh? What? Right. Uhh.

Taumeln. Umknicken. Aufstehen. Innehalten.

Fuck the pain away.

Durchatmen. Wir sehen: medial überformte Bilder, die an Model-Shootings erinnern, Präsentationen von Körpern, von Weiblichkeit, Gewalt, die damit einher geht. Wenn jetzt wieder plötzlich das Licht angeht und die Technik, ausgerüstet mit Schraubschlüssel-Mikro zu Madonnas holiday tanzt, erinnern sie uns daran, was eigentlich vor sich geht: celebrait.

Wieder stehen sie im Raum: Staunen und Ratlosigkeit. Die Begleiter unserer sichtbar gemachten Projektionen auf Körper, die uns nur vermittelt begegnen können und es sich dennoch in unserem Denken und Vorstellungen eingerichtet haben. Wie sich die Aneignung dieser Bilder anfühlt, welchen Raum Identität, Reflexion und Möglichkeiten zur Selbstbestimmung einnehmen können, untersucht Choreografin Stephanie Thiersch mit dieser Arbeit zusammen mit den TänzerInnen von Mouvoir so eindringlich, als wären Kompromisslosigkeit und Poesie, Schärfe und Nebel, Schönheit und Zerstörung schon immer beieinander gewesen. Das Erzeugnis von Authentizität auf der Bühne, wenn die Technik am Werk ist, trifft auf betonte Künstlichkeit und die Inszenierung einer Tänzerin und ihres Körpers. Die unvermittelte Haltung der Machbarkeit von Theater und daneben: eine Frau im weißen Unterhemd, auf die der Lichtkegel fäll, wie sie preis gegeben am Rand des grünen Teppichs hockt.

Sweet dreams are made of this.

Dunkelheit. Ein zitternder Köper und: Ein Schrei. Eine Frau, die sich ihr Refugium unter der Decke des künstlichen Grüns erobert hat. Under Green Ground , wenn das Aufglimmen einer Zigarette jenen Schatten auf Ihre Wahrnehmung wirft, der zu fragen wagt:

Who am I to disagree?!
Some of them want to use you.
Some of them want to get used by you.

Under Green Ground

Im Rahmen der Tanzoffensive 2011

Eine Produktion von MOUVOIR in Koproduktion mit tanzhaus NRW und in Kooperation mit der koelnertanzagentur e.V. Gefördert von Ministerium für Städtebau, Sport und Kultur des Landes NRW, Kulturamt der Stadt Köln und der SK Stiftung Kultur Köln.

Choreographie: Stephanie Thiersch, Alexandra Naudet

Tanz: Alexandra Naudet

Gastspiel: 9./10. Mai 2011, Lofft



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