| Drucken07.02.2002 

Tanzplattform Deutschland 2002, Compagnie Felix Ruckert, Berlin (Bea Wolf)

Tanzplattform Deutschland 2002
Compagnie Felix Ruckert, Berlin
?Deluxe joy pilot?


Der bewegte Zuschauer


Das kleine Programmheft zur diesjährigen Tanzplattform Deutschland in Leipzig stellte Fachleute und interessierte Theaterbesucher vor ernsthafte Probleme bei der Auswahl von sehenswerten Stücken. Extrem knappe Texte zu den 42 Arbeiten und ihren Machern ließen die Entscheidungen für viele zu einer Art Freiflug werden.

Schlagworte wie ?ehemals Tänzer bei Pina Bausch?, ?berühmt geworden durch interaktive Produktionen?, ?hebt die Trennung zwischen Tänzern und Publikum völlig auf?, ?sprengt spielerisch die Theaterkonventionen? lösten bei mir vorsichtige Neugier und die Entscheidung aus, mit Felix Ruckerts Arbeit ?deluxe joy pilot? den Einstieg in die Tanzplattform zu wagen.

Die Halle III des Werk II als Aufführungsort für diese abendfüllende Tanzproduktion wurde für diesen Anlaß wirklich in einen Theaterraum verwandelt. Versetzt stehende lichtdurchlässige Leinenpaneele versperrten zunächst den Blick in den Raum. Die Besucher mußten sich zunächst im Halbdunkel scheinbar einen Weg zur Aktionsfläche bahnen. Angekommen in einem der Durchgänge empfing Felix Ruckert persönlich die Gäste und verwies nachdrücklich auf neun podestartige Betten im Raum als besondere Plätze für diejenigen Zuschauer, die Lust hätten mitzuspielen. ?Wobei?? fragte eine ältere Dame hinter mir. Keine Antwort!

Nicht auf einem der Betten liegend, sondern auf einer Stuhlreihe im Hintergrund positioniert, betrachtete ich den ?von der Theaterkonvention befreiten Raum?. Ein geschlossenes Oval, die noch leere Tanzfläche unregelmäßig von aufblasbaren, blauen Plastiksesseln umstellt. Direkt dahinter die neun Matratzenpodeste (etwas höher als 1 Meter), an denen schon vereinzelt Tänzer Gespräche mit den ?Freiwilligen? führten. An einer Längsseite des Raumes gab es außerdem unverfänglich scheinende Stuhlreihen ? ebenfalls erhöht, um den Blick in das Bühnenrund zu ermöglichen. Gedämpftes, warmes Licht drang durch die alles umstellenden, versetzt geschichteten Leinenpaneele.

Allmählich verdichteten sich viele kleinen Einzelaktionen an den ?Betten? zu einem diffusen Anfang. Die Gespräche verebbten und in den Vordergrund traten leise elektronische Klänge, live von Chistian Meyer innerhalb des Bühnenraumes eingespielt. Parallel zu den ersten Bewegungssequenzen im Oval begannen die an den Podesten stehenden Tänzer vorsichtig die mutigen oder neugierigen Mitspieler zu betasten, zu streicheln, deren Gliedmaßen zu dehnen und zu beugen. Die zwei Tänzer im Bühnenraum glitten offensichtlich aussagelos und ohne sichtbare Befindlichkeiten zwischen Monolog und Dialog durch den Raum, beide mit sichtbar eigener
Bewegungssprache ? ohne eine an dieser Stelle erkennbare choreographische Handschrift.

Mann und Frau begegneten sich sparsam in sanften, die Körper umspielenden Bewegungen, die im Verlauf der Aktion jedoch völlig folgenlos blieben. Die gesamte Sequenz erinnerte an eine reine Bewegungsstudie und bewirkte, daß meine Aufmerksamkeit sich bald auf das Massagegeschehen am ?Spielplatzrand? richtete, um dort nach der erwarteten aufsehenerregenden ?spielerischen Sprengung der Theaterkonventionen? zu suchen. Dort jedoch wurde nicht gesprengt. Noch immer erinnerte das Geschehen an vertraute Arten allgemeiner Körperarbeit und an Gelenkmassage. Die Tänzer in der Physiotherapeutenrolle arbeiten unermüdlich an und nicht mit den Zuschauern. Letztere waren allein schon durch die Anlage des Stückes zur völligen Passivität verurteilt.

So beschlich mich und die umsitzenden ?Nichtakteure? relativ früh eine seltsame Müdigkeit. Eine Position zum Ausharren mußte gefunden werden, denn ein Verlassen des Ovals wäre für alle im Raum störend sichtbar gewesen. So durfte ich im weiteren Verlauf des Abends im Ganzen zehn Tänzer und Tänzerinnen und Felix Ruckert selbst in Soli, Duetten, Trios und variablen Gruppierungen erleben.

Ein Solo blieb mir im Gedächtnis, da es sich in Dynamik und schonungsloser Extrovertiertheit, in Tempo und Akrobatik sowie im ganzen Bewegungsduktus des Tänzers völlig von allen anderen Tanzsequenzen unterschied. Während sich der Abend inhaltlich eigentlich mit dem Thema Berührung beschäftigte, wirkte diese nur in einem
Duett wahrhaftig, berührend, wichtig. Zwei männliche Tänzer gerieten plötzlich ins Spannungsfeld echter körperlicher Nähe, sich die Luft aus den Mündern saugend, sich gegenseitig vollatmend, begehrend, fokussierend, haltend, hebend, stützend, zu Fall bringend, sich wieder aufrichtend. Da wurden Tanz und Interaktion fühlbar in einem Maß, das weit über die sonstigen, fast unbearbeitet wirkenden, tanztechnisch bleibenden Fähigkeiten der einzelnen Darsteller hinausging.

?Davon mehr und reichlich!?, dachte ich mir, als nach viel zu kurzer Zeit wieder andere Tänzer wieder seltsam durchsichtige, kaum lesbare, kurzatmige Bewegungssequenzen aneinanderreihten. Gegen Ende des Stückes ? so viel muß noch gesagt werden ? hatte sich das Massagegeschehen auf den Podesten in ein besorgniserregendes Tempo gesteigert. Da wurde, zur mittlerweile viel strukturierteren und stark dynamischen Musik geworfen, gewendet, verdreht und geschleudert. Einige der ?Bewegten? grinsten mit hochroten Gesichtern ob der unglaublichen Dinge die da mit ihnen geschahen. Noch immer blieb jedoch die angekündigte Interaktion aus.

Viele kennen vielleicht das ungute Gefühl, wenn bei öffentlichen Anlässen ?noch eine Person aus dem Publikum? gebraucht wird und ein Akteur beunruhigend direkt auf einen zukommt. An solche Momente wurde ich erinnert, als schlußendlich zwei der vielfältig berührt- und bewegten Statisten des Abends auf die Tanzfläche gebracht wurden. Da war nun der interaktive Ansatz. Felix Ruckert selbst und zwei seiner Tänzer bewegten einen Herren in Hemd und Anzughose und eine ältere Dame, beide auf Socken, beide scheinbar ohne jedes Selbstverständnis, im Bühnenraum. Da wurde die am eigenen Körper fühlbare Starre und Ratlosigkeit, die uns alle im Moment völliger Überforderung vor dieser wie in einer Arena gruppierten Öffentlichkeit überfallen würde, sichtbar. Keineswegs aber gelang eine wie auch immer geartete ?Aufhebung zwischen Tänzern und Publikum?. Im Gegenteil, diese Trennung trat nur um so deutlicher zu Tage. Die wenigen Versuche, beide Gäste in irgend eine eigene Bewegung (neben der inneren...) zu verwickeln oder sie in eine spielerische Gruppenimprovisation zu integrieren, schlugen gänzlich fehl; und selbst das plötzliche Aufblitzen eines humoresken Ansatzes in einer letzten tänzerischen Sequenz mit Wollzipfelmützen linderte nicht die starke Hoffnung, es möge doch nun endlich alles vorüber sein.

Und es war vorüber als ein letzter Lichtwechsel den Raum in angenehmes Halbdunkel hüllte, die Zuschauer mit den Plastiksesseln in kleinen Sitzgruppen im Bühnenraum positioniert wurden und plötzlich, wie aus dem Nichts, angeregte verbale Kommunikation den Raum erfüllte. Ein scheinbar offenes Ende für diesen Abend, an dem mein wirklicher Respekt dem Musiker Christian Meyer galt, der schwach beleuchtet von einigen fluoreszierenden Kunstblumen mit minimalen Bewegungen völlig selbstvergessen seine Musik ?tanzte?. Zwischen verschiedensten Gerätschaften pendelnd, gebeugt schwingend und wirklich Teil eines schlüssigen Ganzen, das im Moment vor meinen Augen und Ohren durch ihn entstand.

Dieser Abend war also der Einstieg in die Tanzplattform Deutschland 2002 mit ihrer versprochenen Suche nach den neuen Tendenzen im Tanzgeschehen, nach der Neuen Sprache, den Themen der Zeit, den sinnlichen, innerlichen, dynamischen, lustvollen und innovativen Umsetzungen zeitgemäßer Themen. Mich entließ er ratlos und allzu schnell bereit zu vergessen, was mich da alles nicht berührt hat. Die Kluft zwischen Ankündigung und letztendlich Erlebtem hätte für mich kaum größer sein können.

Die Einheit von Reflexion und Praxis stellte sich für mich auf überraschende Weise wieder her, als ich in meinen Materialien auf folgendes Zitat von Ruckert stieß: ?Meine Arbeit begeistert und verwirrt, fasziniert und stößt ab. Zu allererst mich selbst. Auch nach fünfzehn Jahren des Choreographierens weiß ich immer noch nicht, wie das geht. So wasche ich weiterhin Sand, getrieben nach dem Verlangen nach Geld, Sex und Ruhm, und hoffe auf das eine oder andere Goldkorn. In der Gewißheit, daß ich was anderes auch nicht besser könnte. Zum Glück finde ich immer wieder exzellente Mitarbeiter. Die lasse ich dann einfach machen, und das wird dann schon...?

(Bea Wolf)

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