| Drucken10.02.2002 

Tanzplattform Deutschland 2002, Urs Dietrich, Bremer Theater (Steffen Lehmann)

Tanzplattform Deutschland 2002
Urs Dietrich, Bremer Theater
Passionen.Passagen (Abschlussveranstaltung)


Bedeutungsschwangere Rastlosigkeit

Vor Wahlen sprechen Politiker mit schöner Regelmäßigkeit davon, wie wichtig die Mobilisierung des Wählerpotenzials ist. Blickte man in das gefüllte Rund des Schauspielhauses, dann hatte die Mobilisierung der Anhänger des Tanztheaters in Leipzig anlässlich der Abschlussveranstaltung der Tanzplattform 2002 gut geklappt. Kaum ein Stuhl blieb leer. Das Publikum gab sich international (?I?d like to see the guy from Switzerland?), und so mancher Besucher trug die äußeren Zeichen seiner Künstlerexistenz mit stolzgeschwellter Brust wie ein Schild vor sich her.

Urs Dietrich gilt als einer der bedeutendsten Choreografen der zeitgenössischen Tanzszene in Deutschland. Sein Stück ?Passionen.Passagen? gelangte im vergangenen Jahr in Bremen zur Uraufführung. Dieses Stück für zehn Tänzer dreht sich um ?Gruppenverhalten, Humanismus und Selbstzerstörung. Eine gesellschaftliche Studie voller Gewalt, Leiden und Leidenschaft, den Blick lenkend auf archaische Elemente des Individuums und des Menschen in der Gemeinschaft? (aus einem Pressetext). Das zumindest war gut zu wissen.

Das Stück begann damit, dass die Tänzer auf die Bühne stürzen und ihren Emotionen erst einmal freien Lauf lassen. Da war alles dabei: Ringkampf ebenso wie zärtliche Nasenberührungen (wie bei ? politisch korrekt ? den Inuit). Die Bewegungen erinnerten an brasilianischen Kampfkunsttanz, den Capoeira, und wussten durchaus zu gefallen. Soweit konnte Rezensent noch folgen, doch warum das gegenseitige Bekämpfen immer wieder durch wildes Umherrennen unterbrochen wurde, erschloss sich ihm nicht. Untermalt wurden die Aggressionen im Übrigen noch durch eine ebenso schneidende Musik.

Danach wandten sich die Tänzer dem zweiten Komplex zu, der unsere menschliche Existenz bestimmt und steuert: der Trieb nach körperlicher Nähe, Liebe und Sex. Zwei Akteure begannen ohne Umschweife eine Kopulationsszene zu simulieren, bei der einzig zu erwähnen ist, dass beides Männer waren. Gleich zwei Schwanenhälsen verrenkten sich die Körper ineinander, bis sie von einer dunklen Macht auseinandergerissen wurden. Wie ein Reinigungskommando, das jegliche Harmonie wegwischen will, tauchte ein Herr im dunklen Anzug immer wieder auf. Der Bösewicht des Abends war also auch gefunden.

Dazwischen immer wieder wildes Kriechen und Wälzen auf dem Boden, Herumrennen und ekstatisches Umsichschlagen mit einer Decke im Mund. Hier ertappte sich Rezensent beim wiederholten Blick auf die Uhr und der neuerlichen Frage nach dem Warum. Die eingangs erwähnte Erklärung aus dem Pressetext half leider auch nicht weiter, um die dort angekündigte Problemstellung bei Dietrich wiederzufinden. Das mag aber auch in dem Fall an der mangelhaften Vorkenntnis des Rezensenten gelegen haben. Dem blieb am Ende nur noch eine Frage: Muss man tanzen, wenn man nicht reden kann?


(Steffen Lehmann)

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