Sarah Schramm | Drucken04.06.2011 

Der Mensch ist des Menschen Wolf

„The Wolf Boys“: Eine „Vampir-Werwolf-Horror-Show“ von norton.commander.productions im Lofft

Fangen, beißen, abschlachten, töten (Fotos: Stephan Floss)

Ein Mann steht auf der Bühne und zerfleischt voller Innbrunst ein Stück Pappe. Er kämpft mit seinem gesamten Köper dagegen an, als hätte er ein sich wehrendes Beutetier in seinen Fängen. Erst knabbert er unentschlossen, dann reißt er immer hastiger große Teile mit den Zähnen heraus. Drei weitere Männer sehen ihm dabei zu, lassen sich von den durch ein Mikrofon verstärkten erbärmlichen Zerfetz-Geräuschen nicht beunruhigen. Tiere? Monster? Kaum vorstellbar, dass es menschliches Verhalten ist, das hier dargestellt wird.

Die Gruppe norton.commander.produductions, Gewinner des George Tabori Preises für freie Theater-und Tanzschaffende 2010, inszeniert im Leipziger LOFFT einen Abend voller Geschmacklosigkeiten. „Vampir + Werwolf + Horror + Show“, heißt es im Programmzettel.

Es herrscht die Atmosphäre einer kalten, herunter gekommenen Fabrikhalle. Auf der LOFFT-Bühne steht eine weitere Bühne, ein Kasten, dessen Wände über und über mit Blut bespritzt sind. Wo ist man hier gelandet? Im nächsten Teil der Saw-Reihe? Und vor allem, wie kommt man wieder heraus?

In nächster Zeit wohl gar nicht, denn wir sind gerade erst angekommen – in den tiefsten Abgründen der menschlichen Existenz: fangen, beißen, abschlachten, töten: Die Bestie Mensch ist das am höchsten entwickelte und zugleich grausamste aller Tiere. In The Wolf Boys wird dies nicht nur dann deutlich, wenn sich einer der Darsteller dem Eigenblutdoping unterzieht.

Eine Flasche Desinfektionsspray, ein Tuch, das den Arm abschnürt und eine sterile Nadel. Langsam gleitet letztere in den angespannten Arm eines Darstellers. Vorsichtig wird die Spritze mit Blut aufgezogen. Als wäre das nicht schon makaber genug, wird es plötzlich dunkel. Einzig eine Flasche Wasser ist hell erleuchtet. In diese träufelt nun Tropfen für Tropfen das Blut aus der Spritze. Es breitet sich wolkenartig, wie in einer Lavalampe, in der Flasche aus und taucht den Inhalt in die Farbe des Lebenssaftes. Als sich die Beiden Flüssigkeiten vereint haben, setzt der um eine Ampulle Blut ärmere Mann die Flasche an und leert sie, ohne abzusetzen. Große Kunst oder reine Geschmacklosigkeit, das sollte jeder selbst entscheiden. Schocken jedenfalls, kann Theater auch anders als mit unstillbarem Blutdurst.

Es ist ein fragmentarischer Abend mit Showelementen, die das Band der Grausamkeit zusammen hält. Neben gespielten Szenen und einem trashigen dreiteiligen Amateur-Horrorfilm auf einer Videoleinwand sind es immer wieder Songs, die die Atmosphäre aufladen. Diese tragen Titel wie „Blut“ oder „Schlachtplatte“. Weder Text noch Melodie sind angenehm zu ertragen. Man hört ein Horrormedley vom feinsten. Psychedelisch hallen die verzerrten Stimmen dabei durch den Raum – mal klingen sie wie die eines mysteriösen Telefonanrufers, mal Helium-geschwängert. Dazu düsterer live Instrumente-Sound und der Wahnsinn ist perfekt.

Obwohl Textpassagen von Heinrich Heine, Novalis und anderen in das Spiel einfließen, ist diese Inszenierung alles andere als düstere Romantik. Bloßer Horror ist es, der hier auf dem Programm steht. Nicht Grusel, sondern Absurdität, Entsetzen und Fassungslosigkeit dominieren den Abend. Schade, denn das eigentliche Thema ist so wichtig: Der Mensch, der mit seiner Existenz sich selbst und nicht zuletzt die Natur bekämpft; sich überschätzt und damit die Welt in den Ruin treibt; vor Boshaftigkeit und Hass strotzt. Die Frage ist allerdings, ob man dieses Thema nicht ganz anders verpacken sollte. Denn das, was in The Wolf Boys passiert, ist nichts als eine schockierende Live-Erfahrung, die zwar Horrorfilmliebhabern gefallen wird, alles in allem jedoch nur eine bizarre Form von Unterhaltung darstellt.

Da ist es erleichternd, fast entspannend, als die Charaktere aus ihren Rollen ausbrechen und untereinander ein Interview führen. Zwei der Männer berichten, wie es ist, ein Werwolf zu sein und davon, dass bereits der Großvater für die „Werwolf-Gruppe Himmler“ tätig war, die Bestie Mensch also schon lange ihr grausames Unwesen treibt und nicht so schnell damit aufhören wird. Während des Gesprächs ziehen sich die Interviewten auf der Bühne um. Einer streift sich eine schwarze Feinstrumpfhose und einen Pelzmantel über, der andere ein weißes Jackett mit Hut. Wir scheinen Zeugen im Alltag zweier Irrer zu sein, die als Ungeheuer leben und bereitwillig darüber Auskunft geben. Auch sie sind Menschen, haben Bedürfnisse und Gefühle. Trotz oder gerade wegen der schockierenden Darbietung wird deutlich, dass der Mensch eben nicht nur Hunger, Durst und Glauben hat, sonder auch jede Menge Aggressionen und Hass verspürt.

The Wolf Boys

Eine Vampir-Werwolf-Horror-Show

Von norton. commander. productions

Regie: Harriet Maria und Peter Meining

Mit: Otmar Wagner, Ole Wulfers

26.Mai 2011, Lofft

www.nc-productions.com
Werde was du bist - Eine weitere Kritik zu „The Wolf Boys“ von Sebastian Göschel

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