Sebastian Göschel | Drucken02.06.2011 

Werde was du bist

„The Wolf Boys“: Eine „Vampir-Werwolf-Horror-Show“ von norton.commander.productions im Lofft

"Wirklich wahr, echt real" (Fotos: Stephan Floss)

“N’abend, wir sind die Wolf Boys und machen heut ein bisschen Musik und Konzeptkunst.” Dieser flockige Satz zweier Lonesome Cowboys (Otmar Wagner und Ole Wulfers) steht am Anfang des Abends. Und er schraubt schon an der Rezeptionshaltung. Hier gibt es kein gängiges Theater, sondern eine Show, ein Konzeptalbum bestehend aus Performance und Body Art, Konzert und Installation. Horror, Angst und Grauen hält die Nummern thematisch zusammen. Die Bühne ist ein ranziger, blutbespritzter Ring, in den wir geworfen werden, eine Mischung aus Jahrmarktbude und Schlachthaus. Abwechselnd präsentieren die atavistischen Jungs ihre verlockenden Hardcore-Chansons (grandios arrangiert und begleitet vom Lurch-Double Nikolaus Woernle). Unterbrochen nur von rituellen Miniaturen, wie einem Testosteron-Kampf mit großen Knochen oder Eigenblutdoping (wirklich wahr, echt real) und expressionistischen Stummfilmsequenzen.

Anfangs fällt es schwer dieser zerstückelten Performance zu folgen, zumal im Gegensatz zu den eingängigen Liedern, sprechtechnische Schwächen zu verzeichnen sind. Aber je länger man dem unheimlichen Reigen zusieht, umso mehr reißen die Bühnenvorgänge mit. Assoziative Streifzüge durch Neoromantik und Neogotik plus einer Prise des zynisch-popkulturellen Abgrundes eines Tarantino entfachen eine Atmosphäre, die im diabolischen Grinsen der Performer zusammenläuft. Etwa wenn sie über Pädophilie singen, einer den Papa gibt, der allabendlich mit seinen Kindern „badet“, außer Montag, „denn da ist Schontag“. Ja, es geht um die Lust am Bösen, aber die Pointe ist, dass die Inszenierung über die Recherchearbeit des dokumentarischen Theaters hinaus geht. Sie klopft nicht nur Quellen nach ihrem Thema ab und präsentiert sie theatral. Die Darsteller sind keine Experten des Alltags, sie sind Experten ihrer selbst. Und wer genau sind sie? Na Wolf Boys! Sie erklären auch was das bedeutet: eine höhere Form des Menschseins, jene, die ihrer genetischen Mordlust nachgeben und töten, für die es keine Tabus, keine Ethik gibt. Stigma des Risses in der Welt ist der Wolf. Er personifiziert das Monströse und Verborgene (in uns). Die evolutionäre Verwobenheit von Mensch und Wolf, die Verbindung von Natur und Kultur über ein Bündnis und die gleichzeitige Entwicklung des Wolfes zum Signum des Fremden macht ihn zum Grenzgänger schlechthin. Die Wolf Boys stellen die entscheidende Frage danach, wie das verschwiegene und verdrängte Andere mit in den Diskurs aufgenommen werden kann.

Aufs lapidarste kaltblütig berichten Sie, wie sie ihrem Job nachgehen und töten – unpolitisch aber mit Mission. Jene unsichtbare Gewalt, die bei norton.commander.productions immer am Werke ist, bekommt in den Wolf Boys eine Verkörperung. Dies rührt an die Grundlagen von Theater: Es gibt kein Als-Ob mehr, der Schauspieler tut nicht so, als wäre er jemand anders – er ist das Andere, das wieder ins Innere verlagert wird. Diese Haltung wird forciert durch den unbedingten Körpereinsatz: Es geht nicht um den Körper den wir haben, sondern um den Leib der wir sind und dieses absolut Lebendige ist der zweite Boden unserer aufgeklärten Gesellschaft.

The Wolf Boys

Eine Vampir-Werwolf-Horror-Show

Von norton. commander. productions

Regie: Harriet Maria und Peter Meining

Mit: Otmar Wagner, Ole Wulfers

26.Mai 2011, Lofft

www.nc-productions.com
Der Mensch ist des Menschen Wolf - Eine weitere Kritik zu „The Wolf Boys“ von Sarah Schramm

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