| Drucken18.01.2003 

Thomas Thieme inszenierte einen fulminanten „Baal” mit Ben Becker und Blixa Bargeld (Roland Leithäuser)

Samstag, 18. Januar 2003 Deutsches Nationaltheater Weimar (Repertoire)
Thomas Thieme inszenierte einen fulminanten ?Baal? mit Ben Becker und Blixa Bargeld


Der böse Ben der asoziale!

Baal goes Pop im Deutschen Nationaltheater Weimar. Knapp 80 Jahre nach der Uraufführung des Stückes von Bertolt Brecht im Alten Theater zu Leipzig kann man heute an der Theaterkasse Schlüsselanhänger mit markanten Zitaten aus dem Bühnenwerk sowie signierte Autogrammkarten der prominenten Haupt- und Nebendarsteller erwerben. Erst kommt der Fetisch, dann kommt die Moral!

Thomas Thiemes Bühne im Großen Haus des Nationaltheaters mutet an wie eine überdimensionierte Matratzengruft. Wahllos sind Matratzen im Raum platziert, auf denen sich die Spielenden zum Liegen, Sitzen und Kopulieren niederlassen können. Im Hintergrund hat eine Band ihren Platz eingenommen, der im Verlaufe des Abends noch eine tragende Bedeutung zukommen wird. Große Aschenbecher rahmen die Kulisse ein. Die rote Fahne im Anschlag betritt Ben Beckers Baal schließlich die Bühne, das erste seiner zahlreichen Gedichte proklamierend. Schon in diesem Prolog zeigt sich Becker seiner Rolle mehr als gewachsen: schwitzend, fluchend und expressiv deutet er seine Rolle und nimmt die Bühne ganz für sich ein. Daran wird sich in den kommenden zwei Stunden nichts ändern. ?Baal? ist die Geschichte eines Scheiterns, des Scheiterns eines Lebenslaufes, der darauf angelegt ist, sich selbst und seine unmittelbare Umwelt der Zerstörung preiszugeben.

Der expressionistische Gehalt dieses ersten Stückes des jungen Augsburger Studenten Brecht läßt die Belehrungen und den klassenkämpferischen Impetus späterer Dramen vermissen ? glücklicherweise, möchte man fast behaupten. Baal steigt mit seiner exaltierten Lyrik zum Liebling der literarischen Salons auf, man liebt seinen Nonkonformismus und seinen vom Alkohol umnebelten Charme. Im Salon des Industriellen Mech (mit einigem Talent gegeben von Ex-Fußballprofi Jimmy Hartwig) zeichnet Brecht die Anhänger Baals als halbgebildete Arschkriecher, die fortwährend aus seinen Werken zitieren. Es kommt zum Affront, da Baal sich ausschließlich für den Alkohol und die Gattin des Industriellen interessiert. Er bleibt allein zurück, ist jedoch schon in der nächsten Szene mit Johannes (Arthur Thieme) zu sehen, dem er wenig später die keusche Johanna (Frederike Schneider) ausspannen wird.

Die Problematik einer Inszenierung des ?Baal? tritt in einer solch kurzen Zusammenfassung einiger Szenen deutlich zutage: die in 24 Szenen locker zusammengehaltene Biographie besitzt keine Spannungskurve im eigentlichen Sinne, keine Peripetie und keine feste Gliederung. Dem Regisseur Thieme gelingt es dennoch, einen stringenten Ablauf nachzuzeichnen, indem er die Handlung rafft und den proletarischen Dichter zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens transzendiert. Nachdem Baal die nun befleckte Johanna nach einer Liebesnacht fort und damit ?ins Wasser? geschickt hat, beginnt die Wanderschaft des jungen Künstlers. Im Zusammenspiel mit dem geheimnisvollen Eckhart alias Blixa Bargeld entfalten sich die besten Momente des kurzweiligen Theater-Abends. Becker und Bargeld trinken Bier auf Bier und räsonieren über die Schlechtigkeit der Gesellschaft. Eckhart schlägt vor, mit Baal die Welt zu bereisen, doch lehnt dieser mit dem Verweis ab, er sei mit seiner Arbeit noch nicht am Ende. Auf der Straße trifft er Sophie (Maritta Horwarth) und verführt sie in seiner Kammer, nur um anschließend doch auf große Wanderschaft zu gehen.

Das Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Dichter dokumentiert Thieme durch die wiederholten Auftritte der pikierten Gesellschaft, deren insinuierte Doppelmoral im Zustand des hemmungslosen Rausches ein ums andere Mal die Bühne belebt. Brecht hätte es sich wohl so gewünscht: ?Es ist nicht zu sagen, wie Baal sich zu einer Verwertung seiner Talente stellen würde: er wehrt sich gegen ihre Verwurstung. Die Lebenskunst Baals teilt das Geschick aller anderen Künste im Kapitalismus: sie wird befehdet. Er ist asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft.?

So nimmt die Verwurstung ihren Lauf. Baal wird beim Kabarett angestellt, das Thieme etwas zu vulgär als Sado-Maso-Bar in Szene setzt. Er scheitert auch hier an seinen Ambitionen und am Alkohol, der ihm vertraglich nicht zugesichert werden kann. Der omnipräsente Jimmy Hartwig hüpft zu diesen Dissonanzen des Dichterlebens Saxophonspielend als ?Neger John? über die Bühne und verleiht dem Stück im Stück einen Hauch vom Swing der ?Roaring Twenties?. Überhaupt die Musik: wie von Brecht vorgesehen, intoniert der baalsche Becker am Ende beinahe jeder Szene eines seiner Gedichte, dabei getragen von der stimmungsvollen Musik Jackie Engelkens und Ulrik Spies'. Becker röhrt und windet sich dabei, seine dunkle Stimme erinnert dabei mitunter an die düsteren Rock-Chansons des großen Nick Cave. Hier wird nun die Verzweiflung am Dasein musikalisch vortrefflich umgesetzt, und man kann sich nur wünschen, diese großartigen Lieder auch einmal im Plattenladen käuflich erwerben zu können. Mit ihnen setzt Becker die große Tradition der gesprochenen und gesungenen Lieder und Gedichte Bertolt Brechts nahtlos fort.

Im Schwarzwald trifft Baal den Freund und Gönner Eckhart wieder, und in der Kälte aneinandergekuschelt resümieren die beiden ein verhängnisvolles Künstlerleben. Anders als in Brechts Vorlage läßt Thomas Thieme Baal nicht zum Mörder werden, Eckhart bleibt am Leben, um sich am Schluß des Stücks in den Chor derjenigen einzureihen, die den Dichter mit seinem asozialen Charme beim ?Verrecken? mit wehender roter Fahne begleiten. Zuvor erlebt das Publikum den Dialog Baals mit seiner Mutter, die Gisa Rysch hysterisch und mit einem Hauch von Weigel ans Publikum bringt. Im Moment des nahenden Ablebens umgeben ihn Waldarbeiter, einfache Leute, die von Dichtung nichts wissen und den Tod fürchten. Die gehobene Gesellschaft hat kein Interesse daran, sich von Baal zu verabschieden. Ein letztes Aufbäumen, bei dem Becker/Baal im Fellmantel die große Pose riskiert und noch einmal auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Es glüht zum letzten Male das Flackern in seinen Augen, den Augen eines Herumtreibers und Verführers, eines obszönen Dichters und Trinkers, der gleich einem Sisyphos Frau auf Frau flachlegte, Schnaps auf Schnaps trank, ohne der Verwirrung und Maßlosigkeit seines Lebens jemals Einhalt gebieten zu können.

Minutenlange, stehende Ovationen, nötigen Becker zu einer Songzugabe. Man fühlte sich vortrefflich unterhalten von Ensemble wie Inszenierung: ?Und wenn Baal der dunkle Schoß hinunter zieht: Was ist Welt für Baal noch? Baal ist satt.? Das begeisterte Publikum ist es noch lange nicht, die Aufführungen sind bis in den Sommer hinein ausverkauft. Wir müssen uns Baal als glücklichen Menschen vorstellen.

(Roland Leithäuser)

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