Steffen Kühn | Drucken24.10.2011 

Der Versuch die historische Aufführungspraxis wieder zu reanimieren

Puccinis „Tosca“ an der Oper Leipzig: Erste Premiere unter dem neuem Intendanten Ulf Schirmer

Sebastian Catana, Chor (Fotos: Andreas Birkigt)

Flora Tosca ist ein Bauernmädchen, das nach dem Aufenthalt in einem Benediktinerkloster zur Operndiva aufsteigt. Mario Cavaradossi, republikanisch gesinnter Maler, trifft nach Studien in Paris wieder in Rom ein und begegnet Tosca. Es ist die Zeit Napoleons und Voltaires. Die alten Mächte werden in Frage gestellt. Ein politischer Stoff: Wer denkt hier nicht an den arabischen Frühling oder die orangene Revolution in der Ukraine.

Puccini ließ sich für das feierlich pompöse „Te Deum“ von einem katholischen Priester über die stilgerechte Anlage dieses liturgischen Gesangs beraten. Am Ende des ersten Aktes erklingt dieses „Te Deum“, während Scarpia sich schon in die Arme von Tosca halluziniert. Freilich ein Höhepunkt von Puccinis Oper und Regisseur Michiel Dijkema legt auf diesen liturgischen Aspekt von Tosca auch sehr großen Wert. Während der gesamten Aufführung illuminieren cirka 1.000 Kerzen die Szenerie, Rauch verstärkt den Eindruck von katholischer Kirchenatmosphäre. Das „Te Deum“ selbst wird zum szenischen Höhepunkt des Abends, der gesamte Chor wird quasi als lebendes Orgelprospekt in die Höhe gewuchtet. Imposant kommt das daher und auch musikalisch gestaltet sich vorteilhaft, wie die Sängerinnen und Sänger im Bühnenhimmel ihre Botschaften lossenden können. Diese ganze Szenerie und Technik lenkt gewaltig vom eigentlichen Stoff ab, die Figuren haben es schwer, sich gegen derart starke Bilder in Szene zu setzen. Am schwersten hat es der flüchtende Angelotti, der schon wenig Präsenz in der Originalpartitur hat. Aber auch Scarpia, der Sadist, kann sich in der Leipziger Inszenierung nicht richtig entfalten. Das ist die Gefahr dieser durch Bühnen-Effekte glänzenden Inszenierung: Dass man den Figuren ihren Plot nicht abnimmt, sie werden Opfer des kongenial ersonnene Sets. Besonders herauszuheben natürlich der Schluss: Der gesamte Saal rätselt wie Tosca sich in den Tod stürzen wird. Michiel Dijkema hat hierfür einen Trick ersonnen. Die Drehbühne verdeckt geschickt den Austausch des Menschen Tosca gegen eine Puppe. Diese kann dann getrost zu Boden stürzen. Hier liegt das Dilemma dieser Tosca: Das „Wie“ wird wichtiger als der eigentliche Inhalt der Inszenierung.

Rechts: Sebastian Catana, Gaston Rivero, Matthew Anchel

Klar haben die Leipziger auf diese Inszenierung gewartet. Endlich wieder Farben, endlich wieder ein Opernabend, der eine Tosca Tosca sein lässt und nicht versucht, etwas hinzuzufügen wie etwa das verpönte Regietheater. Das sind letztendlich verschiedene Haltungen, wer von einem Opernabend erwartet in sehr guter Qualität das Stück zu sehen und zu hören war heute in der Oper Leipzig gut aufgehoben. Wer von einem Opernabend erwartet, dass 100 Jahre alte Stücke auf ihre Relevanz zu heutiger Lebenswirklichkeit untersucht werden, muss enttäuscht werden. Im letzten Fall kann man sich eine gewisse Wehmut nicht verkneifen. Gerade der Verismo hat mit Kontrasten gearbeitet, Kontraste zwischen dem Plot und den musikalischen Entwicklungen. Diese Kontraste fehlen hier schmerzlich. Michiel Dijkemas Inszenierung kann man sich auch gut 1911 oder 1961 vorstellen. Das ist eine historische Herangehensweise, die beim Leipziger Publikum sehr gut ankam, ein Publikum, was nach vielen Experimenten endlich wieder etwas Handfestes, Direktes sehen will. In Berlin könnte man es sich wohl nicht erlauben, die edle Tosca unbemerkt gegen eine Puppe auszutauschen und diese dann in den Tod springen zu lassen.

Letztlich sind das verschiedene Sichtweisen auf heutige Operninszenierungen. Der neue Intendant Ulf Schirmer gefällt sich bei der Premierenfeier in der Rolle des Wiederentdeckers der historischen Aufführungspraxis von Opern in Leipzig und solange ihm das Publikum dabei folgt, ist auch nichts dagegen einzuwenden. Wie dieses Experiment ausgeht, ist natürlich offen, man darf nur hoffen, dass Schirmer auch anderen modernen Regieansätzen Raum gibt, um das junge Publikum an das Haus zu binden. Hier liegt die Crux, die Jungen sind die Alten von morgen und wenn man die Jungen heute nicht in die Oper bekommt, könnte es in 20 Jahren ziemlich leer aussehen. Heute jedenfalls war das Haus gut gefüllt und die Stimmung hervorragend!

Giacomo Puccini: Tosca

Oper in drei Akten

Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica nach dem gleichnamigen Drama von Victorien Sardou
Oper Leipzig

Musikalische Leitung: Anthony Bramall

Inszenierung, Bühne: Michiel Dijkema

Kostüme: Claudia Damm

Choreinstudierung: Alessandro Zuppardo

Einstudierung Kinderchor: Sophie Bauer

Dramaturgie: Christian Geltinger

Premiere: 15. Oktober 2011


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