Steffen Kühn | Drucken21.02.2011 

Es wächst eben nicht zusammen, was nicht zusammen gehört

Die „Trilogie der Frauen“ an der Staatsoper Hamburg

Facettenreiches Ensemblestück "Le Bal" (Fotos: Klaus Lefebvre)

Mit dem Einakter Erwartung wagte sich Arnold Schönberg in die, auch durch die Psychoanalyse angestoßene Innerlichkeit der Klassischen Moderne: Eine Frau, die nachts den Wald nach ihren ermordeten Geleibten durchkämmt. Realität und Fiktion sind so verschmolzen, dass nicht klar wird/klar werden muss, ob die Geschichte vielleicht nur im Wahn halluziniert wird. Dass Wahn aber auch eine ernstzunehmende Realität ist, erkannte man ja gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Wolfgang Rihms Das Gehege ist symbolisch höchst aufgeladenes Musiktheater nach Botho Strauss´ Schlusschor. Anita von Scharstorf dringt am 9. November 1989 in den Berliner Zoo ein, bricht einen Adlerkäfig auf und versucht, den darin hausenden König der Lüfte zu verführen. Botho Strauss beschäftigt sich in seinem Stück Schlusschor mit deutscher Geschichte im Angesicht der politischen Wende im Herbst 1989. Das deutsche Wappentier sitzt müde und träge im Gehege und draußen, auf der Straße bricht ein längst vergessen geglaubter Nationalstolz wieder auf: „Wir sind das Volk“. Anita von Scharstorf, Tochter eines von den Nazis hingerichteten Offiziers, ist eine frustrierte Endvierzigerin. Die Liebe hat sie nicht gefunden, umso eiserner verteidigt sie die Legende vom widerständigen Vater, der in Wirklichkeit wegen seiner Frauengeschichten ums Leben kam. Ihr sodomitisches Verlangen im Zoo wird nicht erwidert, da helfen auch die kräftigen Flüche nichts: „Kastrierte Chimäre! Wo ist dein Doppelbild? Schlappes Wappentier! Erstarrte Ankunft!“ Schließlich muss der Adler sterben. Soweit Botho Strauss.

Mitten im Gerippe: "Das Gehege"

Nun hatte wer auch immer die Idee, zwischen diese beiden monodramatischen Schwergewichten deutscher Musikgeschichte das französisch-facettenhafte Ensemblestück Le Bal zu stellen, immerhin eine Auftragskomposition der Staatsoper Hamburg. Dieses Unterfangen als lediglich grotesk zu bezeichnen, ist eine wohlmeinende Untertreibung. Le Bal schildert die vergeblichen Bemühungen eines zu Geld gekommenen Paares, welches die Anerkennung der etablierten Gesellschaft Paris´ mittels eines exklusiven Balles zu erkaufen sucht. Die Gastgeberin und ihre herangewachsene Tochter sollen die Klammer zum Titel des Abends Trilogie der Frauen herstellen. Grundsätzlich geht es bei der Dramaturgie eines solchen Abends sicher nicht darum, direkte Parallelen zu finden und zu verfolgen, es sollte darum gehen in Gestus und Stimmung spannungsvolle Linien herauszuarbeiten. Solche Linien vermisst man aber schmerzhaft an diesem von der Hamburger Staatsoper konzipierten Abend, und das sowohl thematisch als auch musikalisch.

Regisseur Matthew Jocelyn überzieht Erwartung szenisch mit starken Attributen einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt, die Frau – stimmlich großartig die Wagner-Diva Deborah Polaski – wird auf die einseitige Linie einer Verrückten reduziert. Le Bal kommt als pariserisch komische Familientragödie mit nervenden Lakaien und Petit Fours daher. Schließlich Das Gehege: Glücklich ist der, der die Uraufführung des Werkes in der Inszenierung von William Friedkin als „ersten Akt“ von Salomé an der Bayerischen Staatsoper erleben durfte. Völlig am Thema vorbei inszeniert Jocelyn Rihms komplexe mythologisch-politische Allegorie als beiläufiges Aufeinandertreffen einer verrückten Endvierzigerin mit einem Adler. Übermächtig groß steht das Skelett eines Vogels in einem glasumzäunten Unort, der sich in all dem Geröll befindliche historische Fernsehapparat strahlt irgendwann Szenen des Mauerfalls.

Wirklich ärgerlich gestaltet sich dieser misslungene Abend an der Hamburger Staatsoper, musikalischer Genuss kann sich angesichts der gähnenden konzeptionellen Leere leider nicht einstellen.

Trilogie der Frauen

Schönberg, Strasnoy, Rihm

Inszenierung: Matthew Jocelyn

Musikalische Leitung: Simone Young

Mit: Deborah Polaski, Katerina Tretyakova, Gabriele Rossmanith, Peter Galliard, Miriam Clark, Ann-Beth Solvang, Moritz Gogg, Hellen Kwon, Marco Stickel

Philharmoniker Hamburg

15. Februar 2011, Staatsoper Hamburg

www.hamburgische-staatsoper.de

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