| Drucken26.01.2007 

Trouble in der Detektiv-WG: „Sherlock Holmes – Der Unsichtbare” (Tobias Prüwer)

Sherlock Holmes - Der Unsichtbare
Connewitzer Cammerspiele - Werk II
Regie: Pascal Keimel
Text: Anna Clevitz & Pascal Keimel
Mit: Jonas Klinkenberg, Rico Drochner & Anke Klöpsch
Premiere: 24. Januar 2007
www.cammerspiele.de


Show Down bei den Cammerspielen - Die fabelhaften Bakerstreetboys vs. Der Unsichtbare

Des Unsichtbaren Clou:
Im Nu
Geschieht,
was man nicht sieht.
Waschzettelbonmot

Unfriede regiert die legendäre Detektiv-WG. Sherlock Holmes und Dr. Watson sind sich nicht mehr grün und der Haussegen in der Bakerstreet hängt schief. Und als ob die Atmosphäre gegenseitiger Missgunst nicht explosiv genug wäre, tritt eine attraktive Frau ins kriminologische Leben, und ein scheinbar übernatürlicher Fall dazu.

Der Unsichtbare geht um und mit ihm nimmt die Sherlock-Holmes-Trilogie der Connewitzer Cammerspiele ein spannendes Ende. Geradezu unglaublich mutet die Geschichte um das geraubte Geschmeide der Julia Richneck (Anke Klöpsch) und die allnächtlichen Heimsuchungen durch eine dem Augenschein verborgene Person an. Wird diese geschützt durch Alberichs Tarnkappe, einen magischen Trick oder ein geheimes Elixier? Oder saß Misses Richneck nur einer Laune ihres lustvollen Weinbrandkonsums auf? Mehr als drei Fragezeichen begleiten dieses knifflige Abenteuer. Doch anstatt die Herausforderung mit genügendem Ernst anzunehmen, versuchen sich Holmes (Jonas Klinkenberg) und Watson (Rico Drochner) gegenseitig zu übertrumpfen und auszustechen. Das ist keine günstige Arbeitsgrundlage für einen vertrackten Fall, bei dem wirklich die ganze Kombinationsgabe erforderlich ist. Kein Wunder, wenn das detektivische Zweigespann dem Fall trotz Brennglas und Tabakpfeife offenkundig nicht gewachsen ist und unter dem Druck von Presse und Scotland Yard an der Lösung zu scheitern droht. Werden am Ende doch Holmes' Scharfsinn, die Männerfreundschaft und eventuell sogar die Liebe siegen?

Der dritte Teil des Holmes-Revivals ist unter Pascal Keimels Hand weniger grotesk inszeniert als das Intermezzo um Watsons wahre Identität (Dr. Watsons Rache), und es gilt, einen wirklichen Fall zu lösen, bei dem das Rätselraten bis zum Schluss bleibt. Doch ganz seriös gibt sich auch dieses Krimikammerspiel nicht. Das Augenzwinkern tritt ausdrücklich im Konkurrenzkampf des pausbäckigen Kriminalistenduos zutage. Wie Schuljungen üben sie sich in trotziger Rechthaberei. Amüsant zu verfolgen ist auch, wie der scheinbar asexuelle Meisterdenker Holmes seine amouröse Ader nebst verborgener Libido entdeckt und ihm angesichts der noblen Lady Richneck Stimme und Contenance versagen. Und selbstverständlich wird nach Herzenslust mit dem Element des Unsichtbaren gespielt: Da fliegt eine Perlenkette wie von Geisterhand entwendet durch den Raum, in einem Buch wenden sich auf mysteriöse Art die Seiten und die physischen Auseinandersetzungen mit dem Unbekannten werden zum skurrilen Schattenboxen. Besonders hübsch nimmt sich die Begegnung zwischen Holmes und dem Unsichtbaren aus, der hier extra ganz klassisch, bandagiert mit Mantel und Hut auftritt. Das Zwiegespräch wird wie in photographisch eingefrorenen Miniaturen als eine Art Bildergeschichte dargestellt, in der die Stimmen der Protagonisten aus dem Off erklingen. Derart aus dem Spielfluss des sonstigen Schauspiels herausgenommen, kommt dieser Szene eine Eigenheit zu, durch welche bis zur Auflösung des kriminellen Geheimnisses offen bleibt, ob sie aus ästhetischem Schwelgen oder dramaturgischem Kniff diese Form bekam.

Die heitere Hommage an sein detektivisches Duo und das unheimliche Gepräge hätte Autor Conan Doyle, den parapsychologischen Gefilden nicht abgeneigt, vielleicht wie das Publikum schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Wer die Trilogie um die zwei fabelhaften Bakerstreetboys bis dato verpassen musste, hat die Gelegenheit, im kommenden Monat alle drei Teile in Folge zu sehen. Und wer noch Reserven hat, darf am 10. Februar bei der "Holmes Sweet Holmes"-Kostümparty maskiert kombinieren und den Detektiv tanzen.

(Tobias Prüwer)


Zur Rezension von Teil II des Holmes Revivals Dr. Watsons Rache:

13.01.2007
Sherlock Holmes gibt sich die Blöße: Dr. Watsons Rache (Tobias Prüwer)

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