Alexandra Hennig | Drucken22.11.2010 

Ein Bild ist ein Bild

Isabelle Schad und Laurent Goldrin schaffen in „Unturtled“ einen performativen Diskurs über Köperbilder

Der Körper als Gestalt, dem Menschlichkeit zu verleihen ist. (Foto: Laurent Goldring)

Kein Bild. Wir sehen eine Tänzerin, die mit ihren gesunden zwei Beinen in einen schwarzen Overall steigt. Hände und Arme (jeweils zwei an der Zahl) tun üblicherweise den Rest, um sie ganz darin verschwinden zu lassen. Wir erkennen… und erkennen… und kommen nicht umhin. Eine Hand, ab und zu. Ja, da unten – hinter dem rechten Schulterblatt: ein Fuß. Eindeutig. Zugegeben: derweilen wirken die Bewegungen derart unmenschlich, dass man diesen Körper schon beinahe in zwei Hälften geteilt vor dem weißen Bühnenhintergrund zu verschwinden glaubt. Wo ist sie hin? Aaaaah: die Kontur einer Nase zeichnet sich unter dem Stoff ab. Puuuuuuuh. Um ein Haar den Kopf verloren.

Es ist die dritte Station der Zusammenarbeit zwischen der Tänzerin und Choreografin Isabelle Schad und dem bildenden Künstler Laurent Goldrin, die am 12. November in der Schaubühne Lindenfels zu sehen ist. Sie beginnen, die gewohnten Annahmen über Körper und Bild, Original und Kopie ins Verhältnis zu setzen. Das Phänomen, nicht anders Wahrnehmen zu können, als hinter dem Ausstrecken der Handfläche eine Geste zu behaupten. Der Körper als Gestalt, dem Menschlichkeit zu verleihen ist. Ein Menschenbild, das uns wie von selbst über Bildschirme, Plakate, Schaufenster, auf Bühnen und in unseren Köpfen begegnet und dessen Rahmen üblicherweise vorgegeben ist. Natürlich Makellos. Je unerreichbarer, umso eher festgelegt, was Menschsein zu bedeuten hat. Erwartungsgemäß liegen dabei das Gesicht, der Busen, die Beine, der Po, der Waschbrettbauch, die Hände eher im Fokus als die Fußsole oder das Knie. Unversehrt in Bild und Erwartung. Ein Mann ein Mann. Eine Frau eine Frau. Reine Haut, gerade Nasenscheidewand: Symmetrie. Bitteschön.

Unturtled legt dabei frei, welche anderen Körperbilder möglich, denkbar, oder mindestens wahrnehmbar wären. Hinter dem Verschwinden eindeutiger Konturen werden Hierarchisierungen hinterfragbar. Am Anfang steht nicht das Bild, das der Körper einzunehmen versucht. Er formt es zuallererst und denkt nicht an Normalitäten. Irgendwann an diesem Abend tauchen Momente auf, die es egal werden lassen, was genau sich unter dem schwarzen Stoff befindet. Die Hand, die aus dem flachen Knäuel hervorblickt, muss keine mehr sein. Keine Lust auf Identifikation. Wenn es nicht ihr Körper ist, dort, ist es dann meiner? Möglicherweise sind die geformten Körper im Zuschauerraum so konstruiert, wie jener auf der Bühne. Hals über Kopf.

Unturtled

Konzeption und Inszenierung: Isabelle Schad und Laurent Goldring

Aufführungen: 12./13. November 2010, Schaubühne Lindenfels


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