Steffen Kühn | Drucken14.04.2013 

Atomisierung des Klanges

Beate Baron inszeniert an der Staatsoper Berlin Sciarrino Salvatore „Vanitas Still-Leben in einem Akt“

Foto: Thomas Bartilla

EinStill-Leben in einem Akt“ – was hat sich der italienische Klangforscher Sciarrino Salvatore nun schon wieder ausgedacht? Sciarrino komponiert nun schon seit fast 50 Jahren seine aus der Kunst-und Kulturgeschichte inspirierte Musik, er greift gern auf musikalische und literarische Vorlagen zurück. Charakteristisch für seine Musik ist die Atomisierung des Klanges, also eine bis in die Leere reichende äußerste Reduktion. Vanitas könnte man als eine Kantate für Stimme, Cello und Klaviere auf unterschiedlichen Textvorlagen bezeichnen. Die Stimmung ist dunkel, es geht um Vergänglichkeit und den Tod. Die Rose als Symbol der Vergänglichkeit taucht in den Texten auf, gleichsam der Spiegel und sein akustisches Pendent – das Echo. Zur Liedstruktur aus Stimme und Klavier verhält sich das Cello wie ein gebrochenes Echo. Ein Sirren aus Obertönen repliziert das Nachdenken über die gesungenen Texte. Klingt kompliziert – und ist es auch.

Beate Baron, bekannt für anspruchsvolle, experimentelle Inszenierungen hat sich ganz auf die Intention des Komponisten Sciarrino, der auch für die Texte und ihre Zusammenstellung verantwortlich zeichnet, eingelassen. Sciarrinos Stück soll sich im Kopf des Zuhörers abspielen. Jeder hat eigene Vorstellungen und Perspektiven über den Tod, die Idee Sciarrinos ist, dass sich aus diesen persönlichen Perspektiven jeweils eigene Erkenntnisse ableiten. In der Malerei ist das als Anamorphose bekannt – die Perspektive beim Betrachten eines Bildes verändert die Erkenntnis.

Die Werkstatt der Staatsoper im Schiller-Theater ist ein loftartiger Raum. Mit Streif- und Gegenlicht inszeniert Baron die Gesangsauftritte von Rowan Hellier. Diese singt jeweils in den unterschiedlichen Zugängen des Raumes. Baron hat ein altes Paar erfunden, die wunderbar charaktervollen Schauspieler Friederike Frerichs und Hans Hirschmüller stolzieren im Ballkleid und Smoking über die spärlich beleuchtete Bühne, auf der sich ansonsten nur Jenny Kim am Flügel und Gregor Fuhrmann am Violoncello befinden. Die beiden Alten nehmen das Nachdenken vorweg. Ihre Gesichter spiegeln in interessierten und erstaunten Gesten die Texte wieder. Später werden sie selbst Statisten ihrer eigenen Gedanken. Videoskills zeigen sie selbst in nachdenklichen Gesten. In minimalistischer Klarheit assoziieren das Klavier und die Stimme einander. Rowan Hellier steckt in einem puppenhaften Kostüm, holzschnittartig bewegt sie sich in schwarzer Hose und weißer Bluse. Vanitas braucht eine kleine Bühne wie die bei der heutigen Aufführung, dann springt die Intensität des Singens, Musizierens und Spielens auf das Publikum über. Der Schluss gehört dem Cello, aus einem Flimmern entwickeln sich kratzende Töne, die schließlich synchron zum Bühnenlicht fast unbemerkt enden. Intensiver Applaus für eine intensive Stunde in der Gedankenwelt von Salvatore Sciarrino.

Vanitas - Still-Leben in einem Akt

Inszenierung: Beate Baron

Stimme: Rowan Hellier

Violoncello: Gregor Fuhrmann

Klavier: Jenny Kim

Frau: Friederike Frerichs

Mann: Hans Hirschmüller

Staatsoper Berlin, Premiere 15.3.2013


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