| Drucken06.12.2002 

Verdis Don Carlo in Weimar (Johanna Gross)

6. Dezember 2002
Deutsches Nationaltheater Weimar (Premiere: 12. September 2002)

Giuseppe Verdi: Don Carlo
(Italienische Fassung von 1884)

Inszenierung: Michael Schulz
Musikalische Leitung: Jac van Steen
Ausstattung: Kathrin Brose
Choreinstudierung: Andreas Korn
Maske: Johannes Ohla
Licht: Alexander Gnadl

Filippo II.: Hidekazu Tsumaya
Don Carlo: Latchezar Pravtchev
Rodrigo, Marguese di Posa: Alexander Günther
Il Grande Inquisitore: Jon Pescevich
Un Frate: Jörn E. Wernder
Elisabetta di Valois: Rosita Kekyte
La Principessa d'Eboli: Dalia Schaechter
Tebaldo: Silona Michel
Voca das Cielo: Silona Michel
Il Conte di Lerma: Günter Moderegger
Deputati Flamminghi: Herbert Dudzik, Oliver Luhn, Günter Moderegger, Volker Schunke, Jörn E. Werner


Tragik um Pflichtbewusstsein und persönliches Glück

Es ist die Unvereinbarkeit von politischer Verantwortung und privatem Segen, die Verdi in der Oper ?Don Carlo? in den Mittelpunkt rückt. Diese bewegende Schilderung des Kampfes zwischen Freiheit und Dogmatismus hat an Aktualität nicht eingebüßt, sondern eher noch zugenommen.

Dies mag auch der Grund in Weimar gewesen sein, die Oper modernistischer darzustellen, als das vor einem halben Jahr in Leipzig der Fall gewesen ist. So ist das von weißen und schwarzen Quadraten dominierte Bühnenbild nüchtern und schnörkellos gestaltet. Die systematisch korrekte Anordnung erweckt den Eindruck von permanenter Überwachung. Stumpf geradeaus führende Linien und scharfe Kanten bieten keinerlei schützenden Unterschlupf.

Aufgrund dieser unterkühlten Schlichtheit gewinnt das Autodafé (in der Leipziger Inszenierung die umstrittenste Szene) an so bedrohlicher Authentizität, dass es zum eindrucksvollsten Bild der Oper wird. Unter dem Zeichen eines überdimensional hohen, grell leuchtenden Kreuzes werden die gänzlich in Lumpen verhüllten, damit vollständig ihrer Identität enthobenen Verurteilten gefesselt hineingeführt. Die bedrohliche Stimmung heizt sich durch das scharfe Wispern des hyänenhaften Volkes weiter auf. Sie fotografieren, saufen, winken mit spanischen Fähnchen, bunten Luftballons und warten auf den Höhepunkt des Festes. (Bedauerlicherweise klang der Volkschor tatsächlich wie auf einem Jahrmarkt. Er war so ausdruckslos und dünn, dass er kaum zu vernehmen war.) Die Exekution wirkt nach dem ergreifenden Auftritt der niederländischen Delegierten und ihres Fürsprechers Don Carlo um so mechanischer, trostloser, resignierter. Die Erhängten baumeln an langen Seilen von der Decke und der wortlose Pöbel fährt mit dem Volksfest fort. Doch plötzlich teilen sich die Reihen der stumm Feiernden und der König tritt heraus. Da, inmitten seines langsam ins Delirium fallenden Volkes, singt er vom Schmerz und der unbeantworteten Liebe zu Elisabeth. Mit diesem Hintergrund bekommt die Arie eine politische Dimension. So verstößt ihn nicht nur Elisabeth mit ihrer fortwährenden Liebe zu Carlo, auch das Volk liebt ihn nicht.

In das karg und einfach gehaltene Bühnenbild hätten nun gewissermaßen die Sänger etwas Farbe bringen müssen. Das gelang ihnen indes nur zeitweilig. Latchezar Pravtchev, der den schwierigen Part des Carlo zu bewältigen hatte, blieb nicht nur blass und kraftlos in seiner stimmlichen Erscheinung, sondern wirkte meist unbeteiligt und regungslos. Ihm mussten, wie etwa im ersten Bild, klischeehafte Equipments wie Eiffelturm, Rotwein und französische Flagge zur Seite gestellt werden. Dagegen überzeugte Rosita Kekyte bereits in ihrer natürlich, würdevoll wirkenden Erscheinung. Eingekleidet in das triste Schwarz einer Gouvernante mit engem, weißem Kragen, verkörperte die engelhafte Elisabeth durch ihre Traurigkeit und Nachdenklichkeit das Bild einer Heiligen. Voller Hingabe und Trauer besang die vermeintlich um ihr Glück Gebrachte ihr Schicksal in warmen und ergebenen Tönen.

Gänzlich in schwarz versuchte sich Dalia Schaechter zwar nicht am Imitat einer Carmen wie Cornelia Helfricht in Leipzig, das Schleierlied sang sie deswegen auch nicht besser. Während die Hofdamen, bewacht durch einen von Philipps Männern, mit einem Diafilmvortrag über Carlos Leben unterhalten wurden (er spielte sogar einst in der höfischen Fußballmannschaft), sang die Prinzessin auf einem Holztisch in anzüglichen, fast dirnenhaften Bewegungen. Unglücklicherweise charakterisierte dieser Duktus ebenfalls ihre Stimme. Ihre Technik war dem kolorierenden Ton keinesfalls förderlich. So blieb sie in der Höhe nicht offen und verspielt, sondern geriet eng und knödelnd. Zumal schienen das Orchester und sie oft nach unterschiedlichen Tempi zu musizieren.

Prädestiniert für komische Rollen brillierte Silona Michel als Tebaldo und Voca del Cielo. Als langjähriges Mitglied des Weimarer Ensembles bekannt, trillerte sie mit ihrem frischen, hellen Sopran und brachte ein bisschen Leben in den düsteren, spanischen Hof. Posa erschien in jugendlicher Kluft, die er gut und gerne bei Hennes & Maurice erstanden haben könnte. In seiner Aufmachung mit grüner Armeehose, heller Cordjacke, dem ?Freiheitstüchlein? (dieses schenkt er kurz vor seinem Tode dem Freunde Carlo) im Ausschnitt und den schwarzen Boots fehlte nur noch das Bagpack des Travellers. Der Marquese bemühte sich sehr, mit seiner Begeisterung für Brabant und Flandern anzustecken, doch schien er damit bei Carlo genausowenig Erfolg zu haben wie beim Publikum. Seine Hilflosigkeit wurde vor allem im Terzettino des 2. Aktes deutlich, als er die zutiefst im Stolz getroffene, vom Hass erfüllte Eboli im Affekt fast tötet. Dies aber wird unglaubwürdig durch Posas zögernde Ratlosigkeit (zumal er in der lächerlichen Maskerade einer altmodischen Hausfrau auftritt) sowie Carlos Resigniertheit.

Philippe II. ist eine durchaus imposante, reichlich jung wirkende Erscheinung. Eingehüllt in schwarzes enges Leder mit gegeltem Haar wirkt der König wie ein einsamer Motorradheld. Verglichen mit dem zögernden, unentschlossenen, weichlichen Don Carlo ist Elisabeths Entscheidung kaum nachzuvollziehen. Stimmlich gesehen ist Hidekazu Tsumaya mit dem Leipziger Philipp Jaako Ryhänen nicht vergleichbar, der sich nicht nur mit seinem herrlichen Bass, sondern ebenfalls mit einer würdevoll betagten Präsenz in die Herzen des Publikums sang.

So wie dem Spanienherrscher oft die Tiefe fehlte, vermisste man beim Großinquisitor die Höhe. In blutiges Kardinalsrot gekleidet, bereitet er dem Volksaufstand zur Befreiung des Infanten ein schnelleres Ende als in Leipzig. Dort wurde das aufbegehrende Volk eindrucksvoll im Kerker versenkt und damit der Versuch niedergeschlagen, sich vom ungezügelten religiösen Fundamentalismus zu befreien. Don Carlo wird der Inquisition übergeben, Elisabeth verfällt dem Wahnsinn. Nach der erfolgreichen Eindämmung von persönlicher Integrität und gesellschaftlicher Freiheit, bleibt es nun am Großinquisitor, sich nach vollbrachtem Werk die letzte Zigarette anzuzünden und seinen einsamen Sieg auszukosten.

Trotz aller Kritik überzeugt die Inszenierung aufgrund eines durchkonzipierten und in sich stringenten Handlungsprinzips. Die einzelnen Bilder wirken nicht nebeneinandergestellt wie in Leipzig, sondern entwickelten bündig das Portrait eines aussichtslosen Kampfes gegen die Staatsräson.

(Johanna Gross)

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